Einleitung
0.1 Warum noch ein Jazztheoriebuch?
Jazztheorie hat das Ziel, Musikern zu helfen, sich auf dem weiten Gebiet der Jazzimprovisation zurechtzufinden. Nun beschränken sich die Lehrbücher zumeist darauf, dem Musiker dieses Gebiet mittels Wegbeschreibungen zu erschließen. Autoren, die oft auch bekannte Spieler sind, erläutern neben ausgewählten Aspekten der Jazzharmonik vor allem konkrete Möglichkeiten der Jazzimprovisation.1 Wenn man sich mit den dort beschriebenen Wegen hinreichend vertraut macht, kann man sich bald frei und sicher in unterschiedliche Richtungen bewegen. Dieser Zugang ermöglicht durchaus das Erlangen musikalischer Meisterschaft. Je mehr Wege man kennt, desto mehr entwickelt sich eine Vorstellung des gesamten Gebietes, die der Orientierung dienen kann. Darüber hinaus haben verschiedene Musiker der Jazzgeschichte gezeigt, dass die Anzahl der beschrittenen Wege zwar für die Komplexität, jedoch nicht zwangsläufig für die Qualität von Musik maßgebend ist.
Nun steht der Lernende heutzutage vor zwei besonderen Problemen. Erstens entwickelt sich die Musik zunehmend in eine Richtung hin zu mehr Komplexität. Zweitens hat der Jazz in seiner Geschichte bereits viele Facetten entwickelt, sodass es schwerer wird, Aspekte wie individueller Personalstil und musikalische Innovation umzusetzen. Beiden Problemen würde eine Theorie entgegenkommen, die versucht den Blick fürs Ganze zu öffnen. Die theoretische Vermittlung von Wegbeschreibungen leistet dies allerdings nur in sehr geringem Maße. Um dies zu erkennen, stelle man sich folgende Frage: Was liegt zwischen einem Parker Hinge und einer Pentatonik? Beides sind übliche Wege auf dem Gebiet der Jazzimprovisation. Trotzdem erscheint diese Frage den meisten Jazzmusikern absurd. Das eine hat scheinbar nichts mit dem anderen zu tun. Wie soll da etwas dazwischen liegen? Hier zeigt sich aber letztendlich nur, wie wenig unser Theorieverständnis auf das gerichtet ist, was zwischen den gängigen Wegen liegt.
Das Ziel der folgenden Abhandlung besteht dementsprechend darin, eine Art Landkarte zu entwickeln, die gewissermaßen den Blick aus der Vogelperspektive zeigt. Dadurch werden die Zusammenhänge sichtbar, sodass ein Überblick über die Gesamtheit aller Improvisationsmöglichkeiten entsteht. Dabei stellt sich heraus, dass es zwar unendlich viele Wege gibt, um zu improvisieren, dass aber das Gebiet, auf dem sich diese Wege befinden, begrenzt und sogar überschaubar ist.
Im Band JT I wird sich zusätzlich zeigen, dass man zur Orientierung für die Landkarte sogar etwas Vergleichbares wie ein Koordinatensystem entwickeln kann. Bei einer geographischen Landkarte ist jeder Punkt eines Gebietes eindeutig als Kombination zweier Flächenkoordinaten darstellbar (sofern man sich auf Ausgangspunkt und Maßeinheit geeinigt hat). Gleichermaßen lässt sich jede Melodie als Kombination der drei Faktoren Tongruppe, Anordnung/Permutation, Figuration darstellen (sofern man sich hinsichtlich der Aspekte Segmente und Hierarchie2 geeinigt hat). Dies ermöglicht einen direkten Zugriff auf buchstäblich alle (diastematischen)3 Möglichkeiten der üblichen Jazzimprovisation. Dadurch wird sich im Übrigen die Frage beantworten, was zwischen einem Parker Hinge und einer Pentatonik liegt.4
0.2 Zielgruppe
Dieses Buch richtet sich an Jazzmusiker aller Spielniveaus. Für den Einsteiger kann es den frühen Lernprozess begleiten. Für ihn sind zwar v. a. konkrete Übungen und Handlungsanweisungen (Wegbeschreibungen) wichtig, ein genaues Verständnis dessen, was gerade gelernt wird, sowie eine Orientierung, wie verschiedenen Lerninhalte zueinander stehen, kann jedoch das Transferdenken und damit den Lernprozess begünstigen. Allerdings wird dem Einsteiger dringend empfohlen, viele Platten zu hören und einen Lehrer aufzusuchen, da Bücher nur einen sehr begrenzten Ausschnitt dessen vermitteln können, was Jazzimprovisation praktisch ausmacht.
Eine wesentliche Besonderheit dieses Buches besteht darin, dass auch der weit fortgeschrittene Spieler sowie der Lehrende angesprochen werden sollen. Für beide genügt es nicht, die persönlichen Sichtweisen einzelner etablierter Künstler/ Autoren bezüglich ausgewählter Aspekte der Jazzharmonik zu kennen. Für sie lautet die Zielsetzung, Harmonik nach Möglichkeit in ihrer Gesamtheit geistig zu durchdringen. Der Überblick über die Gesamtheit aller Improvisationsmöglichkeiten ist für sie von Bedeutung. Der Fortgeschrittene erhält Anhaltspunkte bei der Entwicklung eines individuellen Personalstils und musikalischer Innovation. Der Lehrende kann Lerninhalte weitsichtiger auswählen und genauer auf die Belange und Vorlieben seiner Schüler zuschneiden. Letzteres kann im Übrigen dem Problem entgegenwirken, dass Schüler, die alle konsequent nach der gleichen Schule lernen, dazu tendieren, ähnlich zu klingen.
| 1 | S. John Mehegan (1962), Bill Dobbins (1985), Hal Crook (1991), Mark Levine (1996), Jerry Bergonzi (1998), Frank Sikora (2003) u.a. Die Materie ist zumeist so aufbereitet, dass sie für den Lernenden gut zugänglich ist. Anschaulich werden die einzelnen Inhalte abgehandelt, oft auch in Verbindung mit konkreten Übungen, die für die praktische Umsetzung hilfreich sind. Als wahlloses Beispiel für eine typische Wegbeschreibung sei hier aus Bergonzi (1995, 29) zitiert: Er zeigt »eine pentatonische Skala für C-7. ... Sie kann natürlich zu C-7 und Eb Δ gespielt werden. Sie kann aber außerdem für F -7 oder Ab Δ , Bb-7 oder Db Δ und A7alt oder Eb7 verwendet werden ... « |
| 2 | Segmentierung richtet sich auf die Abgrenzung harmonischer oder tonaler Sinneinheiten. Das Modell ist nur auf Melodiesegmente anwendbar, die eine solche Sinneinheit bilden. Hierarchisierung ist die Unterscheidung von harmonisch/tonal relevanten und figurativen Tönen. Segmentierung und Hierarchisierung unterliegen der subjektiven Wahrnehmung und sind daher nicht objektivierbar. |
| 3 | Diastematik bedeutet Tonhöhenorganisation. Aspekte wie Agogik, Phrasierung, Rhythmik, etc. spielen hier also zunächst eine untergeordnete Rolle. |
| 4 | Soviel vorweg: Anhand des im Band JT II vorgestellten Modells erweist sich eine Pentatonik als eine unfigurierte Fünftongruppe, hingegen ein Parker Hinge als eine Eintongruppe mit zwei figurativen Tönen. Als dazwischen liegend könnte man also Dreitongruppen mit einem figurativen Ton ansehen. Dies mag zunächst nur einem theoretischen Gedankenspiel ähneln, der effektive Nutzen des Modells zeigt sich in der vorgestellten praktischen Anwendung. |