Vorwort
Nachhaltiger Mehrwert von Evaluation
In den vergangenen Jahren hat Deutschland im Bereich des Arbeitsmarktes erhebliche strukturelle Anpassungen durch staatliche Interventionen erfahren. Die sogenannten "Hartz-Gesetze" haben in diesem Zusammenhang eine besondere Aufmerksamkeit erfahren. Weniger von der Öffentlichkeit beachtet sind unter Koordination des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) die Programme "EQUAL" und "Perspektive 50plus" durchgeführt worden. Das aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds kofinanzierte Programm "EQUAL" ist Ende 2007 ausgelaufen. Bei der "Perspektive 5oplus" hat 2008 die zweite Förderperiode begonnen.
Für alle diese Programme ist eine Evaluation vereinbart worden. Die Entwicklungspartnerschaften in "EQUAL" und Beschäftigungspakte der "Perspektive 50plus" wurden im Sinne einer formativen Evaluation begleitet. Die Analysen ihrer Wirkungen (summative Evaluation) liegen teilweise vor oder werden 2008 erwartet. Gleiches gilt für die Evaluation der "Hartz-Gesetze".
Aus Sicht der Herausgeber ist jetzt ein guter Zeitpunkt, um eine Diskussion über den Mehrwert von Evaluation und ihren Beitrag zur Nachhaltigkeit zu befördern.
Sie haben zu diesem Zweck die Beiträge der ersten beiden Rheinbacher Forschungskolloquien zur Evaluation an der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg in dem vorliegenden Sammelband zusammengetragen. Das erste Forschungskolloquium zur Evaluation an der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg fand am 26. September 2006 statt. Es beschäftigte sich mit der Frage nach dem Mehrwert von Evaluationen im Spannungsfeld ihrer Anforderungen und Umsetzung. Das zweite Rheinbacher Forschungskolloquium wurde am 30. Oktober 2007 durchgeführt und fokussierte den Aspekt der Nachhaltigkeit in der Evaluation.
Dargestellt wird eine Momentaufnahme unterschiedlicher Erfahrungen und Argumente, auf deren Basis die Diskussion über eine vorteilhafte zukünftige Entwicklung der Evaluation gründen kann. Die Herausgeber haben dabei Wert darauf gelegt, die Heterogenität der Ansätze und Lösungen abzubilden. Beleuchtet werden die Themen aus der Sicht der Programmverantwortlichen, der Projektleitung und der Evaluatoren.
Wir beginnen mit einer Vorstellung der Programme "EQUAL" und "Perspektive 50plus" durch die jeweiligen verantwortlichen Referenten im BMAS M. Heister und M. Weiland. Damit Evaluation einen Mehrwert stiften kann, sollten förderliche Bedingungen für ihre erfolgreiche Umsetzung auf vier Ebenen existieren (M. Ant) sowie Auftraggeber und Auftragnehmer zusammenwirken (H.-P. Lorenzen). Zudem sind Qualitäts standards einzuhalten (T. Widmer), was nicht immer der Fall ist, wie T. Fohgrub anhand von Abschlussberichten aus der ersten Förderphase von EQUAL aufzeigt.
Der Nutzen einer Evaluation für das Projekt ergibt sich aus einem kontinuierlichen Verbesserungsprozess, der eine optimale Angebotsgestaltung und Zielerreichung ermöglicht (S. Happel-Tominski). Zur Steigerung des Nutzens von Evaluation aus der Sicht der Projektleitung besteht angesichts parallel laufender Projekte vor Ort Bedarf nach einer programmübergreifenden, politikfeldbezogenen Evaluation (A. Hammer), und bezüglich der steigenden Beratungsanforderungen kann die Evaluation von den Erfahrungen und Prozessen der Unternehmensberatung profitieren (O. Löwenbein). Derzeit besteht in Bezug auf den Mehrwert von Evaluation durchaus Anlass zur Skepsis gegenüber einem Evaluationskult, wie M. Stamm aufzeigt. Skepsis gegenüber der Evaluationspraxis der Europäischen Kommission spricht M. Ant in seinem zweiten Beitrag an, in dem er eine Lanze für den konstruktivistischen Evaluationsansatz und einen mehrdimensionalen Nachhaltigkeitsbegriff bricht.
Die Evaluation kann durchaus einen Beitrag zur Nachhaltigkeit von Programmen leisten. Dabei handelt es sich allerdings keineswegs um einen Automatismus, wie B. Wirth-Bauer anhand von EQUAL aus der Sicht der Programmevaluation diskutiert. Das grundlegende Dilemma temporaler Art für die Nachhaltigkeit thematisiert M. Knuth. Die Ausweitung des Wirkungsfeldes regionaler Beschäftigungspakte in der zweiten Förderphase des Programms Perspektive 50plus, wie sie S. Lob für den Beschäftigungspakt "Best Ager" beschreibt, ist keine evidenzbasierte Idee der Programmevaluation. Zum Zeitpunkt der Entscheidung konnten entsprechende Analysen nicht vorliegen. Steht ein entsprechendes Zeitfenster zur Verfügung, dann lässt sich die Wirksamkeit arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen differenzierter beurteilen, wie U. Blien ausführt. Kurzfristig mit nicht intendierten Effekten verbundene Maßnahmen können sich langfristig als wirksam erweisen und umgekehrt.
D. Schröter stellt eine Checkliste für Evaluatoren bezüglich Nachhaltigkeit vor, die den aktuellen Stand in den Vereinigten Staaten von Amerika widerspiegelt. Das in Deutschland von R. Stockmann entwickelte vierdimensionale Konzept der Nachhaltigkeit wendet O. Löwenbein auf das Projekt "Silver-Stars Pforzheim" an. Den Einsatz eines eigenen dreidimensionalen Ansatzes erläutert S. Krone am Beispiel von "Best Ager", einem zweiten Beschäftigungspakt aus der Perspektive 50plus. Abschließend beschreibt A. Hammer Implikationen der gleichzeitigen Durchführung von Projekten aus der Perspektive 50plus und EQUAL auf das lokale Netzwerk für Beschäftigungsförderung und stellt einen Vorschlag zur nachhaltigen Förderung von Netzwerken auf lokaler Ebene vor.
Mit den Beiträgen in diesem Sammelband möchten die Herausgeber dem interessierten Leser das bunte Feld der Evaluation politischer Programme und Projekte näherbringen, um die Professionalisierung und Transparenz voranzutreiben. Es gibt in dem wachsenden Markt eine Fülle an Erfahrungen und Ansätzen, die es zu reflektieren lohnt.
Marc Ant Andreas Hammer Oded Löwenbein
Pforzheim und Rheinbach im Dezember 2007