Vorwort
"Wir fahren Heim-wärts!" sagten in den zwanziger und dreißiger Jahren Tübinger Studenten, wenn sie aus den Semesterferien in ihre Universitätsstadt am Neckar zurückfuhren, obwohl sie sich ja von zu Hause wegbewegten. Der Spruch bedeutete: Wir gehen wieder zu Professor Karl Heim, der in der ersten Hälfte des 20. Jh. in Tübingen gemeinsam mit dem Neutestamentier Adolf Schlatter eine ganze Generation evangelischer Pfarrer und Religionslehrer prägte. Heim verstand es, seine Hörer mit revolutionären Einsichten seiner Philosophie und seinen soliden Kenntnissen über die moderne Atomphysik zu faszinieren. Er wusste um die massive Kritik am christlichen Glauben, die viele seiner Studenten tief verunsicherte. Kann man als gebildeter Zeitgenosse noch an einen Gott glauben, der irgendwo in einem unendlichen Weltraum leben soll? Ist nicht die gesamte Wirklichkeit dem Gesetz von Ursache und Wirkung unterworfen? Wo sollen da biblische Wundergeschichten und aktuelle Gebetserhörungen Platz haben?
Heim gab auf solche bedrängenden Fragen sachkundige und verständliche Antworten und eröffnete neue Denkhorizonte für den Glauben.
Daneben rückte Heim zu einem der gefragtesten Missionstheologen der damaligen Zeit auf. Er galt als Vertrauensmann der deutschen Missionsbewegung, hatte Zugang zu pietistischen und erweckten Kreisen und war ein gefragter Vortragsredner im In- und Ausland. Seine Kenntnisse über den Zen-Buddhismus und die ostasiatische Mystik führten ihn zu einer scharfsinnigen Analyse der fernöstlichen Religionen, die noch heute in der Ära von New Age und Esoterik höchst aktuell und theologisch stimmig ist.
Vielen Gemeindegliedern wurde Heim als begnadeter Prediger auf der Tübinger Stiftskirchenkanzel bekannt. Sie schätzten seinen Tiefgang und seine klare biblische Verkündigung.
Am 30. August 1958 verstarb vor nunmehr fünfzig Jahren Karl Heim als Ehrenbürger der Stadt Tübingen. Aus Anlass seines Todestages bat mich der Brunnen Verlag, eine Einführung in das bewegte Leben des Theologieprofessors und sein weitläufiges Werk zu schreiben. In dem vorliegenden Buch liegt der Schwerpunkt auf den Besonderheiten der theologischen Fragestellungen und dem Denkstil Karl Heims. Letzterer ist bis heute für die Auseinandersetzung mit Philosophien, Ideologien und nichtchristlichen Religionen fruchtbar.
Der Verfasser konnte dabei auf seine Forschungen im Rahmen seiner Doktorarbeit, die 1990 beim Brunnen Verlag unter dem Titel "Das Ringen um den säkularen Menschen. Karl Heims Auseinandersetzung mit der idealistischen Philosophie und den pantheistischen Religionen" erschienen ist, zurückgreifen.
Die hier vorgelegte Einführung möchte den heute leider viel zu wenig beachteten Tübinger Systematiker Heim wieder ins Gespräch bringen und Theologen sowie interessierte Laien auf diesen äußerst anregenden und umfassend gebildeten Theologen hinweisen.
Danken möchte ich Herrn Uwe Bertelmann vom Brunnen Verlag für die fachkundige Lektorierung und Herrn Sven Wagschal für die Erstellung des Typoskripts und Herrn Jens Hutter für das Korrekturlesen.
Rolf Hille Tübingen, im März 2008