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Haus des Islam
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Vorbemerkung

Zu unseren Intentionen

Die Welt des Islam ist heute dem Abendland näher gerückt als jemals zuvor in der langen gemeinsamen Geschichte. Wir kennen Muslime als Nachbarn, als Arbeitskollegen, als Mitschülerinnen und Mitschüler oder als Freunde und Gegner beim Sport. Aber unser Wissen über ihre Religion und die Kultur, aus der sie kommen, ist noch immer schwammig und von Vorurteilen aller Art bestimmt, die bei uns seit Generationen weitergegeben wurden und nicht selten eine ablehnende, ja abweisende Haltung verursachen. Auch die Lektüre »wissenschaftlicher« Werke und dicker Bücher bekannter Journalisten, einseitige Medienberichte oder Kommentare, ja sogar mangelhafte bis schlichtweg falsche Informationen, die in öffentlichen Bildungseinrichtungen vermittelt werden, und schließlich das Verhalten mancher Angehöriger dieser Religion selbst erzeugen zusammen ein Bild vom »Islam«, das von Furcht und Ablehnung geprägt ist.

Dieses Zerrbild zurechtzurücken und die dafür erforderlichen Informationen und Zusammenhänge zu vermitteln und aufzuzeigen, ist das Anliegen dieses Calwer Materialienbandes »Haus des Islam«.

Dem Autorenteam sind bei seiner Arbeit am »Haus des Islam« drei Aspekte wichtig geworden, die im Folgenden dargestellt werden:

Glauben und Wissen - eine untrennbare Einheit

Der Islam ist nicht nur eine Religion der völligen Hingabe an Gott, sondern auch eine Religion des Wissens. Im Kur an steht: »Lies im Namen deines Herrn, der erschaffen hat, den Menschen erschaffen hat aus einem Embryo. Lies, dein Herr ist der edelmütigste, der durch das Schreibrohr gelehrt hat, den Menschen gelehrt hat, was er nicht wusste ...« (96,1-5).

Lesen, schreiben, lehren, wissen: Dies sind die ersten Vokabeln der islamischen Botschaft, einer Botschaft also, die sich auf das Wissen stützt und das Lernen verlangt, weil man anders den wahren Gott nicht erkennen kann. »... sprich: sind etwa diejenigen, die wissen und diejenigen, die nicht wissen, gleich?« (39,9)

»Wahrlich, Gott fürchten unter seinen Dienern eben die Gelehrten!« (35,28)

»So erhöht auch Gott diejenigen von euch, die glauben, und die, denen das Wissen zugekommen ist, um Rangstufen« (58,11).

Es gibt noch viele andere Kuranverse, die den Glauben mit dem Wissen verbinden, denn man muss die Überzeugung von Gott und seiner Schöpfung mit verständlichen Argumenten begründen können und es ist daher kein Zufall, dass viele Verse des Kuran mit dem Satz enden: »... für Leute, die Verstand haben«, womit die Einsicht in die Offenbarung Gottes gemeint ist.

Der im europäischen Denken bestehende Antagonismus zwischen Wissen und Glauben ist im Islam aufgehoben. Hier ist mit dem Wissen nicht nur das vordergründige, sich stets verändernde und permanent wachsende Daten- und Informationsgeflecht gemeint, welches bei uns unter der Bezeichnung »Wissenschaft« sowohl als Instrument zur Lösung aller unserer Probleme gebraucht wird, wie oft genug auch als Grundlage von Macht und Wohlstand. Im islamischen Zusammenhang ist mit Wissen darüber hinaus vor allem die Erkenntnis gemeint, die den Wissenden dem unbegreiflichen Wesen Gottes ein Stück näher bringt und zu dem führt, was man bei uns mit »Weisheit« bezeichnet.

Muhammad selbst war dem Wissen und den Wissenden sehr zugetan, denn die Botschaft Gottes, die er zu verbreiten hatte, bestand ja eben aus Wissen. Nach den beiden Quellen der islamischen Lehre, dem Kuran und der Sunna, sind somit Wissen und beständiges Lernen wichtige Forderungen an den Muslim, und Wissen und Glauben bilden damit keinen Gegensatz, sondern eine untrennbare Einheit.

Diese Feststellung provoziert natürlich die berechtigte Frage, wie es denn kommt, dass in fast allen arabischen und sehr vielen anderen islamischen Staaten das Phänomen des Analphabetentums so weit verbreitet ist. Die Antwort auf diese Frage führt zum zweiten Aspekt dieses Bandes, der Unterscheidung zwischen religiösem und politischem Islam.

Instrumentalisierung der Religion zum Machterhalt

Wer die Geschichte des christlichen Abendlandes kennt, der weiß, dass im Namen des Christentums die schrecklichsten Grausamkeiten, Barbareien und ideologischen Verirrungen geschehen sind und noch immer geschehen. Dennoch wäre es falsch, diese mit der wahren Botschaft Christi gleichzusetzen, von der wir überzeugt sind, dass sie daneben dennoch weiterlebt und vieles vom Denken und Handeln der Menschen bestimmt, die sich Christen nennen. Es braucht wenig Phantasie, sich vorzustellen, dass dies in anderen Religionen genauso ist, natürlich auch im Islam.

Die hierzu notwendige Fähigkeit, das Politische vom Religiösen trennen zu können, setzt allerdings nicht nur Vertrautheit mit den Regeln der Glaubenslehre, sondern auch mit der geschichtlichen Entwicklung der islamischen Länder voraus. Am Beispiel des Analphabetentums wird dies besonders deutlich:

Die politischen Machthaber und davor die fremden Kolonialmächte sind und waren an einem hohen Bildungsstand der Bevölkerung nicht interessiert, weil unwissende und damit unkritische Menschen, die sich vor allem mit der Sorge um das tägliche Brot herumzuschlagen haben, viel weniger zur Wahrnehmung der politischen Realitäten kommen, durch die das Establishment gefährdet sein könnte. Natürlich haben die Mächtigen zur Sicherung ihrer Position auch in der islamischen Welt nur allzuoft die Religion eingesetzt, etwa durch das Engagement willfähriger und ebenso an Macht interessierter »Islamgelehrter«. Religiöse Zwerge konnten auf diese Weise riesige »theologische« Theorien entwickeln, wonach beispielsweise aus Schulbesuch, Radiobenutzung oder Kino- und Theaterbesuch verbotene Taten geworden sind. Alles, was die Kenntnisse der Menschen erweitert und zur Ausdehnung ihres Horizontes geführt hätte, konnte auf diesem Wege verboten werden, und zwar durch »religiöse« Argumente belegt. Viele einfache Leute waren somit überzeugt, religiös zu handeln, wenn sie ihre männlichen Kinder zur Arbeit statt zur Schule geschickt haben, von den Mädchen gar nicht zu reden, denn für sie wäre der Schulbesuch außerdem moralisch bedenklich und würde der Familie nur Schande bringen.

In sehr vielen muslimischen Ländern war daher eine allgemeine Schulpflicht bis weit über die Mitte des 20. Jahrhunderts unbekannt. Und noch heute, wo sie unter dem Druck der ausländischen Öffentlichkeit offiziell überall eingeführt ist, wird sie nicht durchweg rigide überwacht. Die fast überall vorhandenen Kuranschulen boten und bieten dafür keinen Ersatz, weil sie nichts anderes vermitteln als das Lesen des Kurans, oft genug ohne das Verständnis des Inhaltes zu fördern.

Noch heute, am Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts, muss man gegen solche »religiösen« Praktiken und Theorien kämpfen, die alle Errungenschaften von Wissenschaft oder Kunst als »fremde Elemente« oder als »importierte Ideen« darstellen und ablehnen. Dieser Kampf ist sehr hart, schwierig und gefährlich, weil die Kritiker dieser »religiösen« Argumentation gegen das Lernen schnell als Gegner des Islam diffamiert und bedroht werden, sowohl von den politisch Mächtigen als auch von den »religiösen« Führern. Ein aktuelles Beispiel dafür ist Nasr Hamid Abu Zaid (s. S. 5).

Angesichts solcher Beobachtungen ist es nur zu verständlich, dass der Islam als Religion des Wissens bei den meisten Menschen ebenso unbekannt ist wie das in ihm begründete »sozio-ökonomische System«, welches die Gerechtigkeit in der Gesellschaft durch ein eigenes islamisches Steuerwesen erreichen möchte. Auch von dem auf dem Kuran basierenden Schutz der persönlichen Freiheit durch die Ablehnung jeglichen Zwanges in der Religion weiß man bei uns so gut wie nichts.

Mit dem Versuch, in diesem Band über solche scheinbar nicht zur Religion gehörenden Themen ein umfassenderes Bild des Islam zu vermitteln, berühren wir schließlich den dritten Aspekt.

Das Fremde studieren - sich selbst besser erkennen

Das unvoreingenommene Studium des Fremden führt fast immer auch zu neuen und tieferen Erkenntnissen über das Vertraute. Diese Erfahrung trifft in ganz besonderer Weise auf die Beschäftigung mit der größeren unserer beiden Schwesterreligionen zu, dem Islam.

Es ist für uns selbstverständlich, dass das Christentum die sichtbaren Zeugnisse der europäisch-abendländischen Kultur wesentlich geprägt oder wenigstens mit deutlichen Spuren beeinflusst hat - unsere Architektur mit ihren Kirchen, Kathedralen und Klöstern, unsere Dorf- und Stadtbilder, unsere gesamte Kunst, die Literatur, die Dichtung und die Musik, mit einem Wort: unser gesamtes sichtbares Leben ebenso wie die Strukturen unseres Denkens. Dass dies in einer Religion, wie der des alle Lebensbereiche erfassenden Islam ebenso, ja noch viel ausgeprägter der Fall sein muss, liegt auf der Hand. Die sichtbaren baulichen und künstlerischen Zeugnisse des Islam bieten also einen geradezu idealen Einstieg in die Gedanken-, Vorstellungs- und Wertewelt der Muslime, vorausgesetzt, wir versuchen diese nicht mit dem Vokabular und den Wertvorstellungen unserer vertrauten eigenen Welt zu beurteilen und zu verstehen, sondern sie als eigene Sprache zu entschlüsseln, die der unsrigen gleichwertig gegenübersteht.

Der relativ große Raum, der in unserem Buch dem kulturellen Erscheinungsbild des Islam gewidmet ist, soll dies ermöglichen. Vermutlich führen diese Auseinandersetzungen mit den zunächst fremden und wahrscheinlich unverständlichen Formen ganz von selbst zu analogen Reflexionen über die bislang nie hinterfragten Zusammenhänge in unserer eigenen, scheinbar wohlbekannten Kultur.

Wir wollen unsere Leserinnen und Leser zunächst ins »Haus des Islam« entführen. Dort lässt sich Islam viel deutlicher erfassen als bei der Begegnung mit den Muslimen unseres Landes, denn bei uns hier wird die Sicht auf diese Religion häufig durch Dinge verbaut, die mit Islam gar nichts zu tun haben, z.B.: Fremdenangst und -feindlichkeit, Minderheitenprobleme, Exil, Einwanderung, Staatsbürgerschaft und Rassismus.

Sämtliche Kuranzitate sind entweder von uns übersetzt oder stammen aus: »Der Kuran, aus dem Arabischen übertragen von Max Henning«, Reclam, Stuttgart. Diese Übersetzung war zugleich Grundlage für die Stellenangaben, was deshalb von Bedeutung ist, weil sich in unterschiedlichen Übersetzungen auch unterschiedliche Suren- und Verszählungen finden. Etwas freier übersetzt, aber dafür leichter lesbar ist: Der Koran, Übersetzung von Adel Theodor Khoury, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh.

Hannes Ball, Sadik Hassan,
Wilhelm Schwendemann
und Traugott Wöhrlin


 
   


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