Vorwort
Die Drüggelter Kapelle, «eines der merkwürdigsten Werke der Urzeit deutscher Kulturanfänge, vielleicht das älteste Bauwerk des Landes, in Baptisterienform, mit so rätselhaften Säulen im Zwölfeck und Vieren im innersten Kreise, von denen zwei ganz stark und zwei schwach, - nach den Himmelsgegenden genau orientiert sind.» Kein Geringerer als der Baumeister Karl Friedrich Schinkel beschrieb den Bau mit diesen Worten, offenlassend, ob es sich um eine Kapelle oder einen Tempel handelt. Es muss also vor mehr als 150 Jahren diese einsam gelegene «Heidenkapelle», wie sie im Volksmund genannt wurde, Karl Friedrich Schinkel als «eines der merkwürdigsten Bauwerke» bekannt gemacht worden sein.
So verborgen sie zwischen Höfen liegt, so sehr bemüht man sich heute, die Aufmerksamkeit auf die Kapelle zu lenken: Landkarten und Hinweisschilder an den Straßen sowie Bildbände über westfälische Landschaften weisen den Interessierten dorthin. Was aber auffällt, ist die Tatsache, dass man bei seinen Besuchen immer wieder Menschen trifft, die der besonderen Ausstrahlung dieses «Tempels», seiner Gestaltung und nicht zuletzt der Spiritualität des Ortes wegen dorthin kommen.
Nun führt uns Kurt Vieri mit der vorliegenden Arbeit zu diesem Rundbau, der, einst erbaut ohne Apsis, eher als ein Tempel anzusehen ist, allerdings später durch den Anbau den Kapellencharakter erhielt.
Die nicht sehr umfangreiche Literatur zur Drüggelter Kapelle hat durch ihn eine sehr tiefgreifende Beschreibung und Erläuterung hinzu erhalten. Er würdigt die bisherigen Arbeiten von Gisela Jacobi-Büsing und Dietrich Kestermann. Kurt Vieris exakte Forschung findet ihren Niederschlag in den vielen Zeichnungen und Grundrissen bis ins letzte Detail. Ebenso die Bezüge zu anderen Kunstwerken, zum Jahreslauf und zu geschichtlichen Ereignissen oft scheinbar fernliegender Tatsachen. Diese lassen einen immer wieder erstaunen über die umfassenden Kenntnisse, mit denen er uns die Zusammenhänge klarzumachen versteht.
Es ist eine Freude, die vielen wunderbaren Zeichnungen zu sehen, den klaren, feinsinnigen Text zu lesen und somit tiefgreifende Erläuterungen vorgelegt zu bekommen.
Zugleich hat uns Kurt Vieri auch Anregungen zu weiterer Forschung mitgegeben. Gleich zu Anfang erwähnt er die gerade Linie, die von Köln über Drüggelte bis zu den Externsteinen verläuft und auf den Sonnenaufgangspunkt zu Mittsommer weist. In England sind Hunderte solcher dort sogenannter leys bekannt, welche schon in vorgeschichtlicher Zeit alte Mysterienstätten miteinander verbanden. Hierzulande wird man ebenfalls fündig, wie an obigem Beispiel zu sehen ist. Man fand auch, dass Sternbilder wie eine Widerspiegelung auf Erden sichtbar werden dort, wo alte Mysterienorte sind und später Kirchen darauf erbaut wurden. In ihrem Buch Der Himmel ist unter uns erwähnen W. Thiel und H. Knorr einen «Himmelsäquator auf Erden», auf dem exakt Drüggelte zu finden ist.
Kurt Vieri hat nach Fertigstellung dieses Buchmanuskripts noch auffällige Gemeinsamkeiten entdeckt, die zwischen der Rundkirche von Osterlars auf Bornholm und der Drüggelter Kapelle bestehen. Eine «geografische Brücke» dorthin wäre eine Hilfe auf der Spurensuche nach den Erbauern.
Rudolf Steiners Anregung, an uralt heiliges Wissen anzuknüpfen, bezieht auch mit ein, uralte und heilige Bauten, Skulpturen, Bilder usw. aufzusuchen und mit den Mitteln der Geisteswissenschaft neu zu erforschen, so, wie er es uns zum Beispiel anhand der Druidenbauten vorgemacht hat. Kurt Vieri hat dies in ausgezeichneter Weise geleistet. Mit Dankbarkeit kann man auf seine Arbeit und deren Veröffentlichung blicken. Möge sie viele Interessenten zum Studium und zum Besuch in Drüggelte anregen.
Dezember 2008
Herbert Seufert