Ein Wort zuvor
Es gibt Dinge, die man sehen kann - und es gibt Dinge, die man nicht sehen kann. So die Gedanken, Gefühle, die Güte. Man sieht wohl ihren Ausdruck, ihre Folgen, nicht aber sie selbst. Zu den unsichtbaren «Dingen» gehören die Bedeutungen, der Sinn von Wörtern, Sätzen, Texten. Was erscheint, sind ihre Zeichen, verdichtete Bedeutung.
Durch die Erscheinung hindurch erfährt man die Bedeutung, wenn die Erscheinung, wenn die Zeichen durchsichtig werden. Transparenz ist das Wesen der Logoswelt: Sie ist sagend, bedeutend, sinnvoll. In dieser Welt ist nur Sinnvolles - auch das Sinnlose wird als solches nur im Hinblick auf den Sinn identifiziert und erkannt. Man muss dazu wissen, was Sinn ist.
Das Verhältnis von Sinn und Zeichen ist - abgesehen von den menschengemachten Sinn-Zeichen-Paaren - nie eindeutig, weil der Sinn im Gegebenwerden der Sprachen auf einer höheren, sinnreicheren Ebene urständet: Der reiche Sinn zerfällt auf der Alltagsebene in verschiedene Bedeutungen - in Kleingeld. Aber die Vieldeutigkeit gibt Raum für Freiheit, Spiel, neue Sinnschöpfung.
Die Sprachen - nicht nur die verbalen - trennen und verbinden: trennen durch die Wörter, verbinden durch die Grammatik, die Fügungen. Wer spricht, fällt heraus aus der Identität mit dem Weltganzen und strebt zugleich in diese zurück. Über Identität und Getrenntheit schwebt, sie vereinend, das Wesen der Logoswelt: Lesbarkeit oder Transparenz.
Jeder Text, auch dieser, setzt ein Verstehen und einen Verstehenden voraus: ein Ich-Wesen, fähig, zwischen Wahrheit und Irrtum zu unterscheiden. Nur ein Ich kann sich im Freiraum der Sprache bewegen, neuen Sinn schaffen, Sinn und neuen Sinn verstehen.
Dass in den physikalischen Theorien über Welt und Weltentstehung, aber auch in den Theorien über das Menschenwesen, in der Linguistik und Psycholinguistik der Begriff des Ich samt dem Begriff des Verstehens fehlt, zeigt, wie weit wir von Selbstverstehen und Weltverstehen entfernt sind. Das Ich wird zurückgeführt auf etwas, was - ohne Zweifel - erst von diesem Ich selbst erkannt wird; es wird daraus abgeleitet als Ergebnis einer natürlichen Entwicklung nach Ursache und Wirkung. Bei all dieser Selbst-Vergessenheit vermag es in einer rein kausalen Welt Verantwortung oder Moralität zwar noch zu empfinden, aber nicht mehr zu begründen.
Der Sich-Vergessende ist das Gegenbild des wahren Zeugen, der in der Durchsichtigkeit Zeugenschaft leistet.
Budapest, 1994
Georg Kühlewind