Vorwort
Diese Auswahl von Aufsätzen Gundhild Kačer-Bocks (11.5.1924 - 9.1.2008) beginnt nicht umsonst mit einem Artikel über das Gedächtnis im Werk Rudolf Steiners. Dieser ist nicht nur einer ihrer letzten uns hinterlassenen Aufsätze, er kennzeichnet auch ein Lebensthema, ja eine Lebenshaltung von ihr.
Hineingeboren in die Familie Emil Bocks, eines Schülers Rudolf Steiners und eines Mitbegründers der Christengemeinschaft und damit in den unmittelbaren Lebensumkreis Rudolf Steiners, nahm sie die Anthroposophie seit frühester Jugend nicht nur als Lebenselixier in sich auf, sie bewahrte sie auch auf und konnte durch ihr enorm ausgebildetes Gedächtnis Zeugnis auch von kleinsten Begebenheiten innerhalb der anthroposophischen Geschichte ablegen. Gundhild Kačer war die Chronistin dieser Geschichte schlechthin. Wollte jemand etwas über ein bestimmtes Ereignis innerhalb dieser Geschichte wissen, so verwies man ihn an Gundhild Kačer.
So ist denn auch die vorliegende Auswahl aus den von ihr veröffentlichten, zum Teil noch unveröffentlichten Aufsätzen geprägt von Bezügen zur Geschichte der Anthroposophie und zu Ereignissen im Leben Rudolf Steiners, die sie in ihrer gedächtnistreuen Art immer von einem durch allerlei Interpretationen getrübten Blick frei gehalten hat.
Dieser unmittelbare Bezug zur Wesenheit Rudolf Steiners ist heutzutage unpopulär geworden. Viele Autoren oder Redner scheuen sich, heute noch das unmittelbare Wort Rudolf Steiners zu zitieren, in der Meinung, damit die eigene Authentizität dokumentieren zu können. Diese Art der inneren oder gar äußeren Distanzierung von der Person Rudolf Steiners war Gundhild Kačers Sache nicht. Bei ihr trat das eigene, persönliche Streben immer in den Hintergrund zugunsten der Darstellung des Originals, des unmittelbaren Lebensumkreises Rudolf Steiners.
So sind denn auch alle der vorliegenden Aufsätze von diesem Lebens- und Werksbezug geprägt. Mancher Leser mag dabei die Eigenständigkeit oder Originalität vermissen; diese liegt jedoch in der Art der Themenstellungen. Mit jedem Thema, das sie in ihren Arbeiten aufgriff, legte sie den Finger auf eine neuralgische Stelle, auf ein ungelöstes Problem im Verständnis des Werkes oder eine von Missverständnissen umgebene Stelle im großen Kanon des Werkes Rudolf Steiners.
Diese Werktreue, diese exegetische Haltung mag heute als unzeitgemäß empfunden werden. Der Leser dieser Aufsätze wird aber bei unvoreingenommener Lektüre bemerken, dass sich dahinter etwas ganz Anderes verbirgt: Rudolf Steiner war nicht irgendein Autor des 10. Jahrhunderts; sein Werk zeugt von einer Geistesgröße, wie man sie sonst nur bei den großen Inauguratoren früherer Kulturen, seien es Platon und Aristoteles für die Antike, Thomas von Aquin für das Mittelalter, Leonardo und Michelangelo für die Kultur der Renaissance oder Lessing und Goethe für die Zeit der Deutschen Klassik, findet. Vor dieser Größe schweigt der Geist des Bewunderers und versucht zunächst einmal nur zu verstehen, was ihm als Keim einer neuen Kultur für Jahrhunderte erscheint.
Diese Andacht unter Verzicht auf eigenwilliges Sich-Hervortun, diese Treue, wie sie eben ein reines, ungetrübtes Gedächtnis kennzeichnet, das ist die Grundhaltung dieser Aufsätze. Mögen die in ihnen enthaltenen Perlen dem Leser Anregung zur eigenen, weiteren Beschäftigung mit Rudolf Steiner und seinem Werk sein. Denn dieses Werk ist keinesfalls abgeschlossen, sondern es entwickelt sich mit jedem lebendigen Verstehen auf unsichtbare Art weiter. Von dieser Überzeugung war Gundhild Kačers Leben geprägt, und es ist ihr zu danken, dass sie uns in ihren Aufsätzen an dieser Lebenshaltung Anteil nehmen lässt.
Zu danken ist auch der Anthroposophischen Gesellschaft Stuttgart, die durch einen Zuschuss die Drucklegung dieses Buches gefördert hat.
Februar 2009
Andreas Neider