Vorwort zur vierten Auflage
Seit der ersten Drucklegung (1990) hat dieses Buch viele tausend Leser gefunden und ist, soweit den Rückmeldungen in Form von Briefen, Rezensionen, Einladungen und persönlichen Gesprächen zu entnehmen war, überwiegend positiv aufgenommen worden. Natürlich gab es auch kritische Stimmen. Diese bezogen sich in den meisten Fällen nicht auf den Inhalt, sondern auf den Stil (zu schwierig geschrieben, intoleranter Umgang mit Andersdenkenden) und auf die unberücksichtigten oder zu kurz abgehandelten Fragen. Bedauert wurde das Fehlen von speziellen Kapiteln zu Jugendsoziologie, Geschlechterdifferenzierung und Sexualität, Drogen-, Sekten- und Gewaltproblematik, Psychopathologie, Oberstufenpädagogik sowie zur Pubertätskrise bei Adoptivkindern, Scheidungswaisen und Behinderten. Nun war Jugend im Zwiespalt zunächst als allgemeine entwicklungspsychologische Studie aus anthroposophischer Sicht zum «Regelfall» der Pubertätskrise gemeint, also zu den Konflikten, die jeder Mensch in diesem Alter auf die eine oder andere Art durchmacht. Das Buch wurde nicht mit dem Anspruch veröffentlicht, ein Ratgeber für alle in Frage kommenden Sonderfälle zu sein bzw. sämtliche Unterabteilungen seines Themas eingehend zu beleuchten. Ich wollte kein endgültiges und umfassendes Werk vorlegen, sondern Arbeitsmaterial zur Menschenkunde des Jugendalters unter besonderer Berücksichtigung der Hintergründe, Risiken und Chancen des pubertären Autonomiestrebens. Natürlich sind dadurch viele Fragen angerissen worden, auf die im einzelnen einzugehen späteren Arbeiten vorbehalten bleiben muß. Zur pathologischen Abirrung der weiblichen Pubertätskrise habe ich mich am Beispiel der Magersucht allerdings ausführlich in meinem Buch Die stille Sehnsucht nach Heimkehr (1987/94) geäußert.
Nun ist es ja, nebenbei bemerkt, nicht so, daß ich alles allein machen müßte. Mittlerweile liegen empfehlenswerte Arbeiten von Vogt (Drogen-Sektenproblematik), Koob (Drogen), Wember (Freiheitsfrage), Fucke (Oberstufenpädagogik), Sleigh (Entwicklungsstufen im Jugendalter), Smit (Jugendanthroposophie) u.a. vor.1 Ich stimme mit den genannten Autoren nicht in allen Punkten überein, was meinem Respekt jedoch keinen Abbruch tut. Unterschiedliche Sichtweisen können die Diskussion nur befruchten, wenn in einigen grundsätzlichen Fragen Einigkeit besteht. Wünschenswert wäre allerdings, ganz unabhängig von Meinungsverschiedenheiten (die man ja nennen könnte), das kollegiale Bezugnehmen auf die Arbeiten anderer oder wenigstens ihre Würdigung durch Erwähnung. Warum Jugend im Zwiespalt in anderen anthroposophischen Publikationen zur Jugendfrage beharrlich übergangen wird, muß dahingestellt bleiben. Es steht diese Nichtbeachtung jedenfalls in einem merkwürdigen Kontrast zur weiten Verbreitung des Buches, das im fünften Jahr in die vierte Auflage geht, an vielen Waldorfschulen von Lehrern und Eltern gemeinsam erarbeitet wird und mittlerweile auch in die Oberstufenlehrerausbildung Eingang gefunden hat. Kürzlich wurde von berufener Seite in einer anthroposophischen Monatsschrift behauptet, Erhard Fuckes Grundlinien einer Pädagogik des Jugendalters (1991) sei die erste Monographie zur Jugendfrage aus anthroposophischer Sicht. Der dieses schrieb, konnte nicht übersehen haben, daß Jugend im Zwiespalt schon ein Jahr zuvor erschienen war. Für wen oder was soll es nützlich sein, ein Buch, das längst unübersehbar ist, wie Luft zu behandeln? «Es bleibt zu hoffen», hatte ich in den ersten Vorbemerkungen geschrieben, «daß die folgenden Darstellungen als Herausforderung begriffen werden, denen Ergänzendes oder Korrigierendes aus geisteswissenschaftlicher Sicht nachzureichen ist, wie es in einer lebendigen Diskussion geschehen könnte.» Diese Hoffnung hat sich im publizistischen Bereich nicht erfüllt, aber um so mehr dort, wo Eltern und Lehrer in der immer schwieriger werdenden Erziehungspraxis mit Jugendlichen stehen und dafür Anregungen suchen. So konnte an vielen Orten in Deutschland und dem benachbarten Ausland durch Vorträge und Fortbildungsveranstaltungen gemeinsam an den Inhalten des Buches weitergearbeitet werden. Dies wird auch in den kommenden Jahren geschehen.
Die zunehmende Gewalt, die von Jugendlichen ausgeht, ob politisch verbrämt oder nicht, ist ein Ausdruck dafür, daß die «Zwangsherrschaft der Formalisierung, der Mechanisierung [und] Oberflächlichkeit in Beziehung auf alle tieferen geistigen Bedürfnisse» (Jörgen Smit) und, so muß man hinzufügen, die Überflutung des Bewußtseins durch Bilder und Botschaften des Bösen - untermalt von den Abgesängen der bürgerlichen Welt auf soziale Utopien - ihre Wirkung nicht verfehlen.
«Im Jungsein ist die Sehnsucht nach dem Geist bloßgelegt», schrieb Rudolf Steiner. Heute scheint «geistig» anziehend nur noch das Dämonische, Abgründige zu sein. Das Wort «Liebe» ist in der Langeweile des Spießertums und der verspießerten Psychologie versackt, zusammengeschrumpft zur Bezeichnung für den Geschlechtsakt. Es hat keinen revolutionären Klang mehr. Die Jugend aber sucht nach Worten mit revolutionärem Klang. Findet sie solche im Sprachschatz des Humanismus nicht, sucht sie Ersatz im Wörterbuch des Unmenschen oder verliert sich in Äußerlichkeiten, wodurch der Gesellschaft ihre wichtigsten Ressourcen verlorengehen: die aus Jugendkräften geborenen Gestaltungsideen, welche aufzugreifen und mit Lebenserfahrung zu durchdringen der geistigen Elite der Erwachsenenwelt obläge. Aber man verschmäht diesen Reichtum und macht sich nicht klar, welche Katastrophe heraufbeschworen wird durch den gegenwärtig im großen Stil betriebenen denunziatorischen Umgang mit Begriffen, die für den Traum von einer besseren Welt stehen. Man unterschätzt die von Rudolf Steiner erwähnte Geistsehnsucht. Sie läßt sich nicht einfach abschalten durch die Proklamation ihres historischen Scheiterns. Es gibt auch eine «geistige Welt» der destruktiven, menschenverachtenden Zukunftsvisionen, die unerbittlich an Ausstrahlung gewinnt, je heftiger der Weg des Herzens verleumdet wird. Es ist dem Jugendalter eigentümlich, daß beide Wege zunächst als faszinierend empfunden werden. In dieser Ambivalenz liegt das erste, fundamentale Freiheitserlebnis. Wenn aber der eine Weg in unfruchtbare, eingeebnete Landschaften zu führen scheint und der andere ein grandioses Panorama verspricht, werden immer mehr Jugendliche den zweiten wählen und zur Beute der Giftmischer, Haßprediger und falschen Heiligen werden.
Nürtingen/Wolfschlugen im Dezember 1993
Henning Köhler
1 Erhard Fucke, Grundlinien einer Pädagogik des Jugendalters. Zur Lehrplankonzeption der Klassen 6 bis 10 an Waldorfschulen. Stuttgart 1991. /Julian Sleigh, Freiheit erproben. Das 13. bis 19. Lebensjahr. Verständnishilfen für Eltern. Stuttgart 1992. / Felicitas Vogt, Drogen, Sekten, New Age. Bewußtseinserweiterung um jeden Preis? Dornach 1992. / Olaf Koob, Drogensprechstunde. Ein pädagogisch-therapeutischer Ratgeber. Stuttgart
2 1992. / Valentin Wember, Vom Willen zur Freiheit. Eine Philosophie für die Jugend. Dornach
2 1993.