Vorwort zur 11. Auflage
Caroline von Heydebrand gehörte zum «Ur-Kollegium» der ersten Waldorfschule, die vor neunzig Jahren in Stuttgart gegründet wurde. Sie nahm an den ersten, grundlegenden Kursen teil, die Rudolf Steiner vor Beginn der Schule für die ersten Lehrer als Vorbereitung für ihre künftige Aufgabe im August / September 1919 abhielt. Ihre Ausbildung war nicht auf einen pädagogischen Beruf gerichtet. Ihr Interesse galt vor allem dem deutschen Idealismus, Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Schiller und insbesondere Novalis. Über dessen Lehrlinge zu Sais promovierte sie denn auch mit einer ausgezeichneten Dissertation. Durch ihren älteren Bruder lernte sie die Anthroposophie kennen. Als sie von der Idee einer Schulgründung hörte, die auf dieser Basis mit neuen pädagogischen Ansätzen arbeiten wollte, bewarb sie sich um eine Möglichkeit, dort mitzuarbeiten.
Obwohl ihre Konstitution zart, ihre Gestalt zierlich und fein war, besaß sie eine außerordentliche Schaffenskraft. Sie übernahm gleich zu Beginn die neue fünfte Klasse als Klassenlehrerin und im Französischunterricht - ausgerechnet die größte mit 47 Kindern. Viele ehemalige Schüler blickten später mit Dankbarkeit und Liebe auf die Zeit mit ihrer Lehrerin zurück, wovon erhaltene Erinnerungen Ehemaliger zeugen.
Von umfassender Bildung und tief in die geistigen Grundlagen der Waldorfpädagogik eingedrungen, trat Caroline von Heydebrand schon bald mit einer ausgedehnten Vortragstätigkeit hervor. Sie verfasste eine Fülle von Artikeln, in denen sie begann, das auszuarbeiten, was durch Rudolf Steiner an Anregungen und pädagogischen Ratschlägen für die ersten Lehrer gegeben worden war. Dabei waren ihre Arbeiten geprägt von einer sensiblen psychologischen Beobachtungsgabe und hingebungsvollen Zuwendung zu ihren Schülern. Ein Reichtum an pädagogischen Erfahrungen, farbigen Mosaiken gleich, kann man sie auch heute noch mit großem Gewinn lesen. Im Jahre 1958 wurde ein Teil dieser Arbeiten in dem Band Kindheit und Schicksal. Aus den Anfangsjahren der Freien Waldorfschule wieder veröffentlicht. Darin finden sich Beiträge zu Themen wie «Von der wahren Willensnatur des Kindes», «Zur Begründung künstlerischer Unterrichtsgestaltung», «Kinderträume» und viele mehr.
Ein Werk zeigt ihre ausgeprägte Beobachtungsgabe und ihre Fähigkeit, die Phänomene menschenkundlich zu durchdringen in besonderer Weise: die Schrift Vom Seelenleben des Kindes. Dieses Werk hatte Caroline von Heydebrand nicht mehr vollenden können.1
Caroline von Heydebrand starb, nachdem sie einige Zeit noch in England und den Niederlanden gewirkt hatte, im August 1938. In diesem Jahr wurde die Stuttgarter Schule durch die nationalsozialistischen Behörden geschlossen. An der Abschlussfeier hatte sie noch teilnehmen können.
Caroline von Heydebrand erfüllte zwei große Aufgaben für die Entwicklung der neuen Schulbewegung. Sie erarbeitete den ersten Lehrplan für die Waldorfschulen (1925) und begründete mit einer Kollegin das erste Waldorflehrerseminar 1928 in Stuttgart. Das Ergebnis der Arbeit am Lehrplan erschien zunächst als Sondernummer der Zeitschrift Die Freie Waldorfschule. Mitteilungsblatt. Sonderheft. Oktober 1925 . Dabei versuchte sie, alle Dogmatik und Einengung der Freiheit des Lehrers in der schöpferischen Gestaltung des Unterrichts zu vermeiden. Im Vorwort schreibt sie:
«So hat sich ein Lehrplan herausgebildet, dem vor allen Dingen alles Programmatische und Dogmatische ferngeblieben ist. Auch das, was im Folgenden über die Verteilung des Lehrstoffs auf die einzelnen Klassen ausgeführt ist, sollte daher nicht dogmatisch, nicht als starres Gesetz genommen werden. Der ideale Lehrplan muss das sich wandelnde Bild der werdenden Menschennatur auf ihren verschiedenen Altersstufen nachzeichnen, aber wie jedes Ideal steht er der vollen Wirklichkeit des Lebens gegenüber und muss sich dieser einfügen.» Eine Orientierung sollte der Lehrplan geben, die sich an den Entwicklungsbedingungen der Kinder ausrichtet und zugleich offen ist für die sozialen und rechtlichen Bedingungen der jeweiligen Umwelt.
Das Büchlein hatte konsequenterweise den Titel erhalten: Vom Lehrplan der Freien Waldorfschule. In ihm wurden für fast alle Fächer und alle Klassenstufen nicht nur die Inhalte, sondern immer auch die menschenkundliche Begründung aus den jeweiligen Entwicklungsbedingungen der verschiedenen Altersstufen dargestellt.
Der «Lehrplan» umfasst in der ursprünglichen Ausgabe gerade einmal rund fünfzig Seiten! Er wurde im In- und Ausland für viele Jahrzehnte Anregung und Leitfaden der Waldorfschulen. In Deutschland wurde nach langen Debatten im Jahre 1995 der erste Wurf eines neuen «Lehrplans» als Manuskriptdruck veröffentlicht - ebenfalls mit einem Titel, der eine zu enge Festlegung vermeiden wollte: Pädagogischer Auftrag und Unterrichtsziele einer Freien Waldorfschule (Hrsg. Tobias Richter). In der Folge erschienen zwei erweiterte Neuauflagen, die vorläufig letzte im Jahre 2006. Diese Ausgabe umfasst rund 600 Seiten.
Auch wenn eine Weiterentwicklung des Lehrplans notwendig und sinnvoll war, so ist Caroline von Heydebrands «Lehrplan» aus mehreren Gründen immer noch ein Werk, dessen Studium verlohnt: einmal aus historischen Gründen - man erlebt etwas von der Dynamik der Entwicklung der damals neuen Pädagogik und kann im Vergleich deren Wandlungsfähigkeit sehen; weiter erlebt man noch die Frische und Aura der Keimhaftigkeit, welche die Anfänge atmen. Zum anderen zeigt Caroline von Heydebrand hier, wie die Forderung Steiners umgesetzt werden kann: nicht ein Curriculum zu entwickeln nur aus externen Anforderungen der Gesellschaft und der Sachlogik der Fächer heraus, sondern aus allgemeinen Entwicklungsgesetzen der Kinder und Jugendlichen - unter Wahrung der notwendigen Offenheit für schöpferische Flexibilität im Hinblick auf die besonderen, individuellen Bedürfnisse der konkreten Kinder und Jugendlichen und der spezifischen Möglichkeiten der Lehrerpersönlichkeiten.
Nicht zuletzt findet der Leser beim Studium dieser Schrift auch für seine praktische pädagogische Arbeit überraschend Neues und Anregendes.
So ist das Wiedererscheinen dieses «Lehrplanes» zum 90. Jubiläum der Waldorfschulbewegung ein sinnvolles Unternehmen. Möge die kleine Schrift, wie auch die erwähnten Werke Caroline von Heydebrands, viele Leser finden!
Stuttgart, im Januar 2009 Wenzel M. Götte
Aus dem Vorwort zur 6. Auflage
Rudolf Steiners Vorschläge und Hinweise zur Lehrplangestaltung, die er aus seiner menschenkundlichen Forschungsarbeit gab, wurden von Caroline von Heydebrand gesammelt und mit den Erfahrungen und Arbeitsergebnissen derjenigen Waldorflehrer zusammengefügt, die noch unter der Anleitung Steiners an der ersten Freien Waldorfschule gearbeitet haben. «Vom Lehrplan der Freien Waldorfschule» erfüllte damit eine doppelte Aufgabe, die heute so aktuell und anregend ist wie zur Zeit der Entstehung dieser fälschlich «Lehrplan» genannten Schrift:1. An exemplarischen Beispielen wird deutlich gemacht, wie Stoffgebiete des Schulunterrichts «Seelennahrung» werden können, d.h. wie aus den Bedingungen der von Altersstufe zu Altersstufe fortschreitenden Entwicklung des Kindes und des Jugendlichen durch entsprechende Stoffwahl nicht nur Wissensvermittlung aufgebaut wird, sondern wie durch Unterricht ein Erziehungswerk geschehen kann. 2. Die Komposition dieses Entwurfes soll verdeutlichen, wie dem Entwicklungsgang des Kindes, das zur Lebenstüchtigkeit und den Zukunftsaufgaben seiner Zeit geführt werden soll, eine künstlerische Ganzheit antwortet, in der die einzelnen Fächer wie Instrumente eines Orchesters zum Zusammenspiel geführt werden.
Rudolf Steiner war bei der Begründung seiner Pädagogik wieder darum bemüht, den Lehrer anzuregen, als frei schaffender, produktiver Künstler zu arbeiten, der seinen Unterricht zur «Erziehungskunst» steigert. Das kann nur gegenüber dem lebendigen Kind geschehen, innerhalb der gegebenen Klassen- und Schulgemeinschaft und nur aus den gesellschaftlichen, kulturellen und nationalen wie geografischen Gegebenheiten der Gegenwart und nächsten Zukunft dieser Schulgemeinde. Die Elternschaft, die Kinder, das Kollegium, die Tendenzen und geschichtlichen Symptome einer zeitbedingten Sozialstruktur sind die entscheidenden Wirklichkeiten, aus denen der lebendige Lehrplan einer Schulindividualität sich entwickelt. Die Kritiker dieses Buches haben in ihm gesucht, was weder bei seiner 1 0 Niederschrift gemeint war, noch heute darin zu finden ist: ein fest gelegtes Programm, das von Klasse zu Klasse bestimmt, was in einer «richtigen» Waldorfschule durchzunehmen sei.
Die «richtige» Waldorfschule gibt es überhaupt nicht. Wenn die Waldorfschule im Industriegebiet, in einer Universitätsstadt, als Internatsschule in England, als zweisprachige Schule in Südamerika, wenn sie in New York oder einer süddeutschen Kleinstadt das Programm abwickeln würde, wäre sie nicht mehr der Pionier einer in ständiger Fortentwicklung sich realisierenden evolutionären Pädagogik. In jeder noch so verschiedenartigen Situation muss eine Lehrerschaft darum ringen, die Fachgebiete des Unterrichts zu einem erzieherischen Zusammenklang zu vereinigen und Stoffwahl und Unterrichtsmethode aus der konkreten Lehrer-Schüler-Beziehung so zu entwickeln, dass die jungen Menschen initiativ und lebenstüchtig in die Aufgaben ihrer Umwelt eintreten können.
Für eine solche schöpferische pädagogische Tätigkeit gibt «Vom Lehrplan der Waldorfschulen» heute wie vor 50 Jahren entscheidende Anregungen. Manches könnte heute auf nationale oder soziale Gegebenheiten hin ergänzt, verändert, ausgebaut werden. Das schmälert nicht den Reiz und die Bedeutung dieses Buches. Sein unverlierbarer Wert liegt darin, dass es zeigt, wie Fragen, die aus der Entwicklungssituation des Kindes und Jugendlichen sich stellen, durch Unterrichtsstoff und -methode beantwortet werden können. Es ist mehr als ein historisches Dokument, es ist ein Kunstwerk, das den Lehrer anfeuert, aus seiner Produktivität und Initiative heraus an dem «lebendigen Lehrplan», nämlich an den vor ihm sitzenden Kindern, in denen so viel Menschenrätsel und Zeitfragen verborgen liegen, seine Erziehungskunst zu entwickeln. In diesem Sinne ist es lebendig und aktuell.
Ein ausführlicher Literaturnachweis zur Waldorfpädagogik würde den Rahmen der hier vorliegenden Schrift sprengen. Interessenten finden in einführenden Werken zur Waldorfpädagogik (sowie unter www.waldorfschule.de und www.geistesleben.de) weitere Lektürehinweise.
Stuttgart, Januar 1978
Helmut von Kügelgen
| 1 | Zum Leben und Wirken von Caroline von Heydebrand siehe Margrit Jünemann: Der Winter weicht. Caroline von Heydebrand. Pionierin der Waldorfpädagogik. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2003. |
| 1 | 1939 wurde es bearbeitet herausgegeben von Maria Röschl. |