DIE IZUTSU-BIBLIOTHEK
DER ORIENTALISCHEN PHILOSOPHIE
Vorwort
Die Textquellen der orientalischen Philosophie sind ebenso unzählig wie die Sterne am Himmel. Ein Projekt mit dem Ziel, aus diesen Quellen auszuwählen und zu übersetzen, drohte, selbst wenn es großzügige Unterstützung erfahren würde, leicht mit dem Ergebnis zu enden, eine armselige Sternenkarte mit nur wenigen verzeichneten Punkten ohne jeden Zusammenhang untereinander zu bleiben. Um grundlegende Verbindungslinien zumindest anzudeuten, beschränkt sich die Izutsu-Bibliothek der orientalischen Philosophie, die jetzt begonnen wird, vorläufig darauf, eine Sammlung philosophischer Primärtexte zu sein, die in die Konstellation der orientalischen Philosophie einfuhrt, zugleich aber die Dynamik dieser Konstellation weiterentwickelt.
So etwas wie die "orientalische Philosophie" existiert noch nicht, zumindest nicht als strukturierte und einheitliche philosophische Bewegung. Sie ist vielmehr ein erst jetzt aufgehendes, riesiges Gebiet, das uns als Problembegriff aufgegeben wird. Toshihiko Izutsu hat lebenslang sein Denken der Aufgabe gewidmet, den Aufriß dieses Gebietes sichtbar zu machen. Er sagt: "Wie bekannt, sind im Orient seit alters viele wichtige Philosopheme tradiert worden. Über den historischen Zusammenhang zwischen diesen Traditionen wurde schon viel geforscht. Bisher wurde jedoch kaum versucht, diese verschiedenen Strömungen der Philosopheme in ihrer strukturellen Einheit zu begreifen. In dieser Hinsicht kann man keinen Vergleich machen zwischen der "östlichen" und der "westlichen" Philosophie. Die letztere basiert auf zwei Rhizomen namens Hellenismus und Hebräismus, die sich trotz aller Gegensätze in sich als eine einheitliche Bewegung gut strukturieren läßt. Bei der östlichen Philosophie kann hingegen von einer solchen Einheitlichkeit noch keine Rede sein. Hier liegt eine große philosophische Problematik, die der "Orient" zu bewältigen hat".
Welchen Zugang bahnte Izutsu selber zu der Aufgabe, die orientalischen Philosopheme als eine strukturierte, einheitliche Bewegung zu begreifen? Er legte ein Arbeitsmodell vor, das von einem "Netzwerk der Schlüsselbegriffe" ausgeht. Demnach sollen die Schlüsselbegriffe der einzelnen orientalischen Philosopheme gesammelt, gesichtet und vernetzt werden, damit die zentralen Philosopheme "synchronisch strukturiert" werden können. Die Tiefenschichten der einzelnen Philosopheme können dadurch in einen semantischen Zusammenhang gebracht, als ein sinngebender Text rekonstruiert, und zu einem umfassenden Gedankenraum gebildet werden, der einen zukunftsträchtigen Weg des Denkens in Aussicht stellt. Dieser Gedankenraum ist es, den Izutsu die "orientalische Philosophie" nennt.
Die "Izutsu Bibliothek der orientalischen Philosophie" hat als ihre basale Koordinate die Schlüsselbegriffe, die Izutsu selber gesammelt hat bzw. hätte. Sie zielt darauf, Texte in fundierten Übersetzungen zu präsentieren und die darin enthaltenen Schlüsselbegriffe philosophisch zu entwickeln. Jeder der so vorgelegten Texte wird in die jeweiligen Philosopheme einführen, und die Sammlung im ganzen soll im Sinne Izutsus "das Ganze der orientalischen Philosopheme als einen fügsamen und plastischen "Text von Begriffsmosaiken" zusammenweben". Als Aufbau einer solchen Textsammlung will diese Bibliothek eher ein Beitrag zur Zukunft als nur eine bloße Aufbewahrung der Vergangenheit sein.
Die zu publizierenden Texte erscheinen alle in europäischsprachigen Übersetzungen. Der Grund hierfür ist, daß die orientalische Philosophie, damit sie sich als Zusammenhang entwickeln kann, den "Dialog mit dem Westen" benötigt, ebenso wie die westliche Philosophie zu ihrer weiteren Entwicklung den "Dialog mit dem Osten" braucht. Das ganze Werk Izutsus kann als ein solcher "Dialog" zwischen dem östlichen und dem westlichen Denken betrachtet werden. Durch diesen Dialog erst können die orientalischen Philosopheme, wie Izutsu sagt, "als Philosophie der Gegenwart neu entwickelt werden, die das heute dringend benötigte, mehrdimensional-mehrschichtige Kulturparadigma mitträgt". Die Izutsu Bibliothek, die ein langfristiges Projekt im 21. Jahrhundert sein wird, zielt darauf, ein magnetischer Ort der Denkversuche zu sein, die im oben erwähnten Sinne der orientalischen Philosophie ein neues Netz zu weben versuchen.