Vorwort
Diese ist die zweite Edition des Lexikons der Architektur des 20. Jahrhunderts: bibliographisch großzügig betrachtet sogar die dritte. Denn 1963 erschien Knaurs Lexikon der modernen Architektur, von Gerd Hatje herausgegeben und von Wolfgang Pehnt redaktionell bearbeitet. 1983 kam im Verlag Gerd Hatje das Lexikon der Architektur des 20. Jahrhunderts heraus. Das vorliegende Buch ist eine grundlegende Neubearbeitung des letzteren, die sich nicht auf eine Aktualisierung beschränkt, sondern tief in die inhaltliche Struktur des Buches eingreift.
In der Tat waren die fünfzehn Jahre, die zwischen den beiden Lexika liegen, für die architektonische Kultur ebenso ereignis- wie folgenreich. Das einseitige Geschichtsbild, das bis in die sechziger Jahre hinein eine weitestgehend homogene Architekturentwicklung für das 20. Jahrhundert beschwor, die ausschließlich von der modernen Bewegung geprägt war, war bereits in den achtziger Jahren zerbröckelt. An seine Stelle war ein vielfältigeres, aber auch widerspruchsvolleres Bild getreten, bei welchem sich die klassische Moderne nicht länger monolithisch, sondern gebrochen präsentierte; und wo sie noch in ihrer Gebrochenheit nicht mehr alleine dastand, sondern lediglich als eine von vielen Architekturströmungen. Stellte sie auch zweifelsohne eine zentrale und besonders fruchtbare Tendenz dar, war ihr Hegemonieanspruch hinfällig. In dieser erweiterten Sicht fanden neben Rationalismus und Expressionismus auch der Historismus, der Klassizismus des 20. Jahrhunderts oder der Art-Déco-Stil ihren Platz, und neben Persönlichkeiten wie Le Corbusier und Ludwig Mies van der Rohe, deren herausragende Rolle in der Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts unumstritten blieb, traten auch bedeutende und durchaus einflußreiche "Außenseiter" wie Heinrich Tessenow oder Carlo Scarpa.
Die bemerkenswert umfangreiche und intensive Forschung, die in den letzten anderthalb Jahrzehnten weltweit im Bereich der Architekturhistoriographie stattfand, hat diesen erweiterten, weniger voreingenommenen und damit auch toleranteren Blick bestätigt. Sie hat ihn aber auch mit neuen Kenntnissen und Erkenntnissen substantiiert. Ergebnis ist eine außerordentlich reiche, aber auch außerordentlich komplexe Geschichte der Architektur des 20. Jahrhunderts, die sich de facto aus zahlreichen parallelen Geschichten zusammenfügt und die weniger kohärente Einheitlichkeit als unauflöslicher innerer Widerspruch kennzeichnet.
Ein Lexikon, das sich eines derartigen Sujets annimmt, hat einen grundsätzlichen Vorteil: Es muß und darf, schon allein aufgrund seiner Struktur, mit Fragmenten operieren, ohne eine "große Einheit" anstreben zu müssen, die einem in sich zersplitterten Geschichtsbild in keiner Weise entspräche. Ein Lexikon hat aber auch einen strukturellen Nachteil: Es tritt zumindest implizit mit dem Anspruch einer Vollständigkeit auf, von der wir mittlerweile wissen, daß sie nicht zu erreichen ist. Wir haben versucht, den Vorzug möglichst zu nutzen und das Handicap, so gut es ging, zu minimieren: Indem wir die Fragmente wie Mosaiksteine eingesetzt haben, die zwar alle für sich alleine stehen können, zusammen jedoch ein übergreifendes, weit über sie hinausweisendes Bild ergeben; und indem wir uns bei diesem Zusammenfügen bemüht haben, Abweichungen und Gegensätze nicht zugunsten des übergreifenden Bildes künstlich zu glätten, sondern als solche zu belassen: Weil sie zum Bild selbst gehören. So stellt sich das Lexikon nicht nur als Nachschlagewerk, als Instrument dar, sondern auch als historiographischer Versuch; doch als historiographischer Versuch, der die eigene Widersprüchlichkeit nicht verhehlt.
Dazu mußten freilich einige Spielregeln eingehalten werden. Den Rahmen des Lexikons gibt bereits seine Überschrift vor: Zeitlich ist es das 20. Jahrhundert, inhaltlich die Architektur. Das 20. Jahrhundert wird dabei insofern ausschließlich behandelt, als vorausgehende Phänomene nur dann Erwähnung finden, wenn sie unmittelbar in es hineinwirken. Architektur wird als jenes Bauen definiert, das über die reine Notwendigkeit und die nackten Nützlichkeitserwägungen hinausgeht; sie umfaßt Einzelbauten, Baukomplexe und städtische Anlagen. Gartenarchitekturen wurden nur berücksichtigt, wenn sie zumindest konzeptionell unmittelbar mit den Bauten zusammenhängen; ebenso Inneneinrichtungen und Designobjekte. Natürlich entbehren solcherlei Eingrenzungen nicht der Willkür. Sie schienen jedoch unvermeidlich, um an möglichst plausiblen Stellen von der Sache und vor allem vom Umfang her notwendige Grenzen zu ziehen.
Die Bausteine des Lexikons sind die Stichwörter. Sie gliedern sich nach drei Kategorien: Architekten und Architektengruppen, Strömungen und Zusammenschlüsse, Länder. Keine dieser drei Kategorien ist erschöpfend behandelt: Bei allen dreien klaffen offensichtliche Lücken. Immerhin haben die Versäumnisse System: Denn es wurden die Architekten, die Strömungen, die Länder ausgewählt, die jeweils zum ersten Mal oder zumindest besonders früh eine besonders eigenständige Position besonders radikal formuliert haben. Dies beinhaltet nicht von vornherein ein Werturteil: Zuweilen sind die Epigonen, die nicht etwas erfinden müssen, sondern auf etwas aufbauen können, ebenso gut, wenn nicht gar besser als die Meister. Doch für eine historische Skizze bedarf es der Triangulatur, die sich aus der Verbindung extremer Punkte ergibt. Und eine historische Skizze soll, wie gesagt, das Lexikon darstellen und vermitteln.
Freilich alles andere als eine Skizze, die für sich in Anspruch nehmen könnte, objektiv zu sein. Geschichte ist ein Netz von Episoden, Einflüssen, Wirkungen, Gegenläufigkeiten, Kontradiktionen: Wenn die fragmentarische Struktur des Lexikons ihrer wirklichen Beschaffenheit näherkommt als der große Bogen des zusammenhängenden Essays, so heißt das noch lange nicht, sie würde ihr exakt entsprechen. Spätestens seit Hans-Georg Gadamer wissen wir, daß es keinen neutralen Ort gibt, aus dem eine überzeitliche, objektive, universelle Geschichte geschrieben werden könnte: Alles ist durch den Historiker und seinen Standort beeinflußt. Dies ist auch bei diesem Lexikon der Fall. Es ist nicht nur beeinflußt durch den Herausgeber, der für die übergreifende Struktur, für die Partitur des Buches verantwortlich ist, sondern auch und vor allem durch die Autoren, welche die einzelnen Mikroessays, die einzelnen Mosaiksteine verfaßt haben, die sich zum historischen Bild fügen. In der Tat sind all diese Autoren eigenständige Persönlichkeiten, die mit Kompetenz eine eigene historische Position vertreten; und die Vorgaben, die ihnen der Herausgeber zu machen nicht umhinkonnte, haben diese Positionen in keiner Weise verwischt oder abgeschwächt.
Das Ergebnis ist, so hoffe ich wenigstens, mehr als nur ein gut handhabbares, verläßliches und auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand befindliches Arbeitsinstrument. Mehr auch als ein historisches Puzzlespiel, dessen Einzelstücke bewußt nicht so recht zusammenpassen und, notdürftig zusammengefügt, ein Bild ergeben, das jeden leidenschaftlichen Puzzlespieler, der seine Mühe und Geduld durch eine eindeutige Lösung belohnt sehen will, bitter enttäuschen muß. Es ist die Demonstration einer offenen historischen Methode, die wie ein kubistisches Bild mehrdimensional und multiperspektivisch gelesen zu werden vermag; ein historiographisches Labyrinth, in dem jeder Leser seinen eigenen Weg finden kann.
Das läßt mitnichten Ungenauigkeit oder Belanglosigkeit zu, sondern erfordert das genaue Gegenteil. Gerade ein offenes System muß ebenso exakte wie verläßliche Ecksteine bieten, soll derjenige, der sich darauf einläßt, sich nicht verlieren, sondern zu eigener Erkenntnis finden. Deswegen wurde die Partitur mit größter Sorgfalt geschrieben, die Autoren besonders gezielt ausgewählt und eingeladen; deswegen wurden sämtliche Texte wissenschaftlich redigiert; deswegen wurden die Bibliographien, die als Einladung und Anleitung zum Weiterlesen gemeint sind, ebenso gründlich wie selektiv überarbeitet und aktualisiert.
Dies wäre nicht ohne die Mitwirkung zahlreicher Kollegen und Freunde möglich gewesen. Die Autoren haben die Mühe auf sich genommen, komplexe Sachverhalte in extrem konzentrierter Form wiederzugeben und damit eine der am wenigsten sichtbaren und mithin auch am wenigsten gewürdigten intellektuellen Leistungen zu erbringen. Ihre Namen sind jeweils unter ihren Beiträgen notiert. Die Übersetzer haben ihre ohnehin schwierige Aufgabe an Texten ausgeübt, die eben aufgrund ihrer Dichte dieses Metier noch zusätzlich erschwert haben. Ihre Namen sind im Impressum angeführt. Xenia Wörle hat im Verlag die Koordination des Puzzlespiels übernommen, Cäcilia Mantegani das gleiche an meinem Institut an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich. Regina Dorneich hat das umfangreiche Lektorat und die anspruchsvolle Bildbeschaffung übernommen, die redaktionell von Andreas Dahinden und Marco Serra sorgfältig vorbereitet worden war. Ulrich Maximilian Schumann und Wolfgang Sonne, meine Assistenten und Kollegen, haben nicht nur zahlreiche Beiträge selbst geschrieben, sondern auch die gesamte wissenschaftliche Redaktion des Buches übernommen. Darüber hinaus haben sie mit Sachverstand und Intelligenz an seiner Konzeption mitgewirkt. Gerd Hatje, seit nunmehr über zwanzig Jahren mein Freund und Verleger, hat in diesen beiden Rollen entscheidend zu diesem Buch beigetragen.
Wenn das Lexikon der Architektur des 20. Jahrhunderts brauchbar und vielleicht gar anregend geraten ist, ist es ihnen allen zu verdanken. Für Fehler und Unzulänglichkeiten bin ich allein verantwortlich.
Vittorio Magnago Lampugnani
Zürich und Mailand, im Juli 1998
Editorische Notiz: Bei ausgeführten Projekten wurden, wenn bekannt und wenn deutlich voneinander unterschieden, Entwurfs- und Ausführungszeit getrennt angegeben (1925, 1929-32). In den übrigen Fällen ist die Gesamtentstehungszeit (1925-32) angegeben. Bisweilen konnte nur die Ausführungszeit (1929-32) oder der Zeitpunkt von Projektierung (1925) respektive Fertigstellung (1932) ermittelt werden.