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"Der Führer braucht mich"
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Vorwort

Je weiter das "Dritte Reich" historisch zurückliegt, umso unverständlicher scheint es den Nachgeborenen zu werden. Nicht, dass es an Geschichtsschreibung und historischer Darstellung fehlte - es liegt eine ganze Bibliothek vor zu Politik, Gesellschaft und Krieg, Widerstand und Verfolgung, Kindheit, Jugend und Schule, Frauen und Alltag im "Dritten Reich". Dennoch führt das nicht zum Begreifen dessen, "was damals los war", womit gemeint ist, was "die damals eigentlich erlebt haben". Die Frage danach ist diejenige, die mir weitaus am häufigsten gestellt wird, wenn ich zum ,3und Deutscher Mädel in der Hitler-Jugend" (BDM) vortrage. Ich kann sie allenfalls partiell beantworten, weil die lebensgeschichtliche Dimension dieser Frage durch das historische Referat nicht erschlossen werden kann.

Dokumentarische Vorführungen taugen schon besser dazu. So sind z.B. öffentliche Stimmungen und kollektives Verhalten durch damals produzierte dokumentarische Filme oder Radiosendungen durchaus "lebensnah" wiedergegeben, doch entzieht sich die private Seite dieser Darstellung öffentlicher Ereignisse, ganz abgesehen davon, dass sie der propagandistischen Absicht der Produzenten unterlagen.

Von der persönlichen Gefühlslage, vom persönlichen Empfinden und Erleben können unverstellt und direkt nur die Subjekte selbst berichten. Solche Berichte liegen heute als Ego-Dokumente in der Form von Tagebüchern, Briefen, autobiographischen Texten und Erinnerungserzählungen vor. Zum BDM bzw. zur Jugendzeit im BDM sind eine ganze Reihe davon veröffentlicht. Ich habe sie - dem Anspruch nach vollständig - erhoben und eine repräsentative Textauswahl im vorliegenden Bande zusammengestellt.

Damit schließe ich an meinen Band ,"Auch Du gehörst dem Führer'. Die Geschichte des Bundes Deutscher Mädel (BDM) in Quellen und Dokumenten" an; er enthält nur ein schmales Kapitel mit Erinnerungsdokumenten. Das ist oft bedauert, eine umfangreichere Publikation ist gewünscht worden. Zwei Umstände haben mich veranlasst, mich an dieses Werk zu machen: ein aktueller Sachverhalt und eine persönliche Ermutigung.

Der aktuelle Sachverhalt ist eine besondere Variante des Geschichtsbetriebs im Internet. Dort gibt es seit November 2004 eine Website "BDM-Geschichte wieder aufführen" (http://reenactmg.bdmhistory.com). Diese Site ist einerseits informativ; sie ist aber auch irreführend und ihr Anliegen gespenstisch. Soweit ich erkennen kann, steht dahinter als treibende Kraft eine Frau aus den USA, die sich "Helene Amalie Heydrich" (sic!) nennt und sich auch als "Gruppenführerin" bezeichnet. Das Anliegen der Website ist, den BDM als "lebendiges Geschichtsbild" auferstehen zu lassen. Dafür benötigt und sammelt man jede Menge Informationen, vor allem über die "performance" des BDM, d.h. über sein formales Auftreten, über Einkleidung, Habitus und Aktivitäten.

Um solche Informationen zu bekommen, wurde zunächst dazu eingeladen, Erlebnisse aus dem BDM ins Netz zu stellen. Das geschah auch: Seit April 2005 konnte man in der "personal narrative section" einige "Erzählungen" lesen, deren Glaubwürdigkeit freilich durchaus zweifelhaft war. Diese Erzählungen wurden dann herausgenommen zugunsten einer sachlichen Geschichtsdarstellung. Der jüngst überarbeitete Netzauftritt (Stand seit Juni 2006) lädt nunmehr zur Diskussion über den BDM und die Möglichkeit seiner "lebendigen" Inszenierung ein. Dies mit der Begründung, man sei fasziniert vom Leben der weiblichen Jugend im BDM und wolle "für erzieherische und historische Zwecke" die "korrekte" Vorführung des BDM in Schulen, bei Luftfahrtshows, Militärparaden usw. fördern.

Als objektive Darstellung und korrekte Aufführung gilt dabei die reine Faktizität. Die Sachverhalte müssen stimmen, von den realhistorischen Daten bis zum persönlichen Erscheinungsbild; darunter fallen Einzelheiten der Einkleidung, des Aussehens ("getting the right look": Haarfarbe: blond; Frisur: Bubikopf oder Zöpfe; Make-up: keines), des Auftretens und des Namens ("picking your German name", darunter: "old Germanic first names"). Ersichtlich wird das Klischee eines "deutschen Mädels" aus der damaligen nationalsozialistischen Propaganda reproduziert. Dazu passt, dass die späten weiblichen Bewunderer des BDM besonders von der Uniform angetan sind. Für deren Erwerb mit allem Zubehör ("accessories": u.a. Abzeichen und Ehrenzeichen) werden Läden und Verkäufer nachgewiesen, dazu Ratschläge zum adretten Tragen (passender Schmuck, passende Brillen, Uhren, Taschen usw.) erteilt. Auf diese Weise soll der BDM "ohne Fehl und Tadel" nachgestellt werden.

Nun ist dem "lebenden Geschichtsbild" aus seiner kulturgeschichtlichen Tradition als Gesellschaftsspiel in den adeligen und großbürgerlichen Salons des ausgehenden 18. Jahrhunderts die Vernachlässigung historischer Zusammenhänge und die Ausblendung von Politik immanent. Im vorliegenden Falle ist solche Ausblendung Programm. Mit der Maxime , »keine Politik" geht einerseits eine explizite Distanzierung von Neo-Nazismus und Rechtsradikalismus einher, andererseits aber auch eine eingeschränkte historisch-pädagogische Wahrnehmung des BDM: "We are a group of dedicated historians interested in the history and uniform of the League of German Girls. As such, we strive to be objective and educational on the subject, and we do not allow, tolerate, or associate with any kind of people or groups who share the political beliefs of national socialism, the Nazi party or the Third Reich. [...] Our mission is to do an accurate, objective impression of the BDM for educational and historical purposes. And, of course, to have fun [sic!] while doing it." (Website seit Juni 2006).

Diese unschuldige Freude mag man so recht nicht glauben, zumal auch die Nationalsozialisten den BDM - wie die Hitler-Jugend (HJ) als Gesamtorganisation - als unpolitische pädagogische Veranstaltung propagierten. Man fragt sich, welche Bedürfnisse heute mit der geschilderten "Verlebendigung" des BDM bedient werden sollen und bedient werden.

Zunächst einmal: Wie ist der Zuspruch zu diesem Unternehmen? Die mit der bezeichneten Website verknüpfte Mail-Gruppe, eine geschlossene Liste von 260 Mitgliedern (http://groups.yahoo.com/group/3rdReich-Life; Stand Februar 2007), verzeichnete 1159 Mails in 2005 und 427 Mails in 2006 mit monatlich stark schwankender und insgesamt stark abnehmender Frequenz. Auffälligerweise lagen bislang die weitaus meisten Mails im Mai (175 Zuschriften) und im Oktober 2005 (159 Zuschriften), beides Monate umtriebigen öffentlichen Erinnerns an das Kriegsende 1945 in Europa und in den USA.

Mit diesem für eine Mailing-Liste im Netz vergleichsweise geringen Schreibaufkommen führt die zitierte Liste eher eine Nischenexistenz. Man kann daraus schließen, dass die Website den Rahmen eines enthusiastischen Privatunternehmens nicht sprengt. Bedenklich scheint mir dennoch das dort sich äußernde Geschichtsbewusstsein. Es ist entweder raffiniert verstellt oder bodenlos naiv oder beides.

Das Nachspielen von "interessanter", mit Vorliebe auch skandalöser Geschichte ist im allgemeinen jenen ein Bedürfnis, deren Leben und Alltag in sozial unbedeutender und emotional unbefriedigender Routine erstickt. Dem könnte sich auch das BDM-Spielen verdanken, allein die Aufmachung der Website spricht dagegen: Mit ihrem Motto "Ad Perpetuam Memoriam" ("zum ewigen Andenken") signalisiert sie vorbehaltlose Identifikation. Kann es so viel historische Naivität geben? Kann man dem BDM heute noch ohne historische Kontextuierung und ohne jeden Anflug von politischer Kritik anhängen? Und wenn, unterschiede sich diese Naivität post festum von derjenigen, der die BDMJugend selbst zum Opfer gefallen ist?

Der ominöse Netzauftritt "League of German Girls' Living History" belegt, dass man sich mit politisch blinder und historisch naiver Annäherung an den BDM dieser Institution ausliefert, dass man ihrer offiziellen - und das ist in einer Herrschaftsdiktatur zuvörderst: ihrer propagandistischen - Erscheinung aufsitzt. Überdies ist der BDM in seiner gesellschaftlichen Praxis und deren Funktionslogik durch detailgetreues Nachspielen weder zu greifen noch nachzuvollziehen. "Lebendige Geschichte" stellt sich nicht durch faktische Aufführung, sondern durch lebensgeschichtliche Bezüge her. Aber vielleicht ist mit "lebendiger Geschichte" auch nur gemeint, dass nicht Apparate, sondern lebende Wesen die historische Bühne bevölkern.

Die Jugendzeit im BDM ist individuell nur in privaten Dokumenten und veröffentlichter Erinnerung verfügbar. Sie wird durch den vorliegenden Band zugänglich gemacht. Damit werden Einblicke in individuelles Erleben ebenso wie Verständnis der kollektiven Lebenslage einer ganzen Jugendgeneration vermittelt. Wer Geschichte "verlebendigt", dabei aber die verstehende Aneignung von Geschichte unterlässt, verlebendigt nicht Geschichte, sondern fingiert sie - wie im vorliegenden Falle das Projekt "League of German Girls Living History" den BDM lediglich im offiziellen Gewande auf die Bühne bringt.

Die Ermutigung zum Unternehmen "Erinnerungsband" kam von Ulrich Herrmann, dem Herausgeber der Reihe Materialien zur Historischen Jugendforschung, der mit Optimismus behauptet hatte, so ein Erinnerungsband sei doch schnell zusammengestellt. Widrigkeiten wie Abdruckgenehmigungen, Bedenklichkeiten oder Änderungswünsche von Autorinnen oder Erben, alle editorische Fleißarbeit und die Mühe, jeden der Texte historisch nachzurecherchieren, blieben dabei ebenso außer Acht wie das Erfordernis, das Erinnerungskonvolut historiographisch zu diskutieren. Vielleicht war das eine List von Ulrich Herrmann. Es sei ihm daher bestätigt, dass er für seinen Optimismus insofern einstand, als er den vorliegenden Band mit vielen Anregungen begleitet und ihn umsichtig und postwendend lektoriert hat. Dafür danke ich ihm herzlich.

An dieser Stelle danke ich auch der Gesellschaft von Freunden und Förderern der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf für einen Druckkostenzuschuss sowie meinen Mitarbeitern Stefanie Flintrop und Hans-Jürgen Warmke für kompetente editorische Unterstützung. Cornelia Kipp danke ich für den aufmunternden Reim: "Das ist der letzte Stress gewesen, bald hast du mehr Muße, Bücher zu lesen."

Düsseldorf, im Frühjahr 2007
Gisela Miller-Kipp


 
   


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