Mechthild Bereswill, Kirsten Scheiwe und Anja Wolde
Einleitung
Vaterschaft ist, im Gegensatz zum geschlechtsneutralen Begriff der Elternschaft immer schon vergeschlechtlicht. Das gilt ebenso für Mutterschaft. Elternschaft wird im Alltagsdenken fraglos mit Zweigeschlechtlichkeit und Vaterschaft mit Männlichkeit assoziiert. Entsprechend groß ist die Aufregung zum Beispiel in sozialpolitischen Debatten, wenn gleichgeschlechtliche Elternschaft thematisiert wird. Diese Lebenspraxis, bei der zwei Mütter oder zwei Väter das Elternpaar repräsentieren, irritiert die als natürlich vorausgesetzte Zweigeschlechtlichkeit. Die dabei aufscheinende Unterstellung einer natürlichen Geschlechterdimension von Vaterschaft (oder Mutterschaft) wird auch in wissenschaftlichen Diskursen kaum hinterfragt. Wissenschaftliche Reflexionen auf historische und gesellschaftliche Wandlungsprozesse im Geschlechterverhältnis und theoretische Konzeptionen von Vaterschaft werden gegenwärtig nur selten aufeinander bezogen. Es handelt sich um ein Desiderat, bei dem wesentliche Dimensionen von Vaterschaft ausgeblendet bleiben.
Hier setzt der vorliegende Sammelband an, indem die eher getrennt verlaufenden wissenschaftlichen Diskurse der Geschlechterforschung und der Forschungen zu Vaterschaft und Väterlichkeit aufeinander zu bewegt werden. Vorgestellt werden theoretische Ansätze und Erklärungsmodelle, die den Wandel von Vaterschaft auch geschlechtertheoretisch reflektieren. Die Verknüpfung beider Perspektiven ermöglicht es, die Unterschiedlichkeit, die Veränderbarkeit, vor allem aber die Widersprüchlichkeit von Vaterschaft zu untersuchen und theoretisch zu reflektieren. Untersucht werden unterschiedliche Dimensionen: Vaterschaft wird als Institution, als soziale Praxis oder als symbolische Repräsentation in den Blick genommen. Ebenso werden die psychosozialen Dimensionen von Vaterschaft und deren historische und kulturanthropologische Variationen und Veränderungsprozesse ausgelotet.
Eine Betrachtung der Forschungsentwicklungen zeigt, dass erste Arbeiten, die sich in der Bundesrepublik dem Thema Vaterschaft zuwandten, in den 1950er Jahre entstanden. Im Kontext der generellen Frage nach der Stabilität und dem Wandel von Familie in der Kriegs- und Nachkriegszeit konzentrierten sich Arbeiten der Familiensoziologie beispielsweise auf die Autoritätsstrukturen innerhalb der Familie. Umstritten war, inwieweit noch von einer Autorität des Vaters in der Familie gesprochen werden konnte und welche Bedeutung dieser zukam (vgl. König 1957/1974). Zur gleichen Zeit setzte Alexander Mitscherlich (1955/1963) sich aus einer sozialpsychologischen Perspektive mit dem Autoritätsverlust des Vaters auseinander. Seine These zu den Folgen der "vaterlosen Gesellschaft" für die Charakterstrukturen insbesondere ihrer männlichen Mitglieder hatte großen Einfluss auf wissenschaftliche wie alltägliche Diskurse zu Vaterschaft.
Von einer "Vaterforschung" (Fthenakis 1988) im engeren Sinne, die explizit Vaterschaft und Väterlichkeit in den Mittelpunkt ihres Forschungsinteresses rückt, kann jedoch erst seit den 1970er Jahren gesprochen werden. Ausgangsorte dieser neu entstehenden Forschungsbemühungen vor allem in der Psychologie, aber auch in der Soziologie und den Kultur- und Geschichtswissenschaften sind die USA, Großbritannien und Australien. Psychologische Forschungen befassten sich dort zunächst mit den Auswirkungen konkreter Vaterabwesenheit auf die kognitive, moralische und psychosoziale Entwicklung des Kindes. Analog zu bisherigen Arbeiten über die Mutter-Kind-Beziehung wurde zudem immer häufiger auch die Vater-Kind-Beziehung hinsichtlich ihrer Bedeutung für das Kind betrachtet (vgl. z.B. Lamb 1976). Diese Forschungen stellten die zuvor in der Psychologie dominante Auffassung in Frage, allein die Person der Mutter sei für die kindliche Entwicklung relevant. Zeitgleich zu den eher quantitativ ausgerichteten psychologischen Forschungen entstanden psychoanalytisch orientierte Arbeiten, in denen die exklusive Bedeutung der Mutter für die kindliche Entwicklung ebenfalls angezweifelt wurde. Paradigmatisch ist hier Ernest L. Abelins Konzept der "frühen Triangulation" (1971/1986) zu nennen.
In der Bundesrepublik setzten Forschungen zu Vaterschaft erst Mitte der 1970er Jahre ein (vgl. die Übersichten bei Fthenakis 1988, 1994; Walter 2002a; Baader 2000). Auch hier wurde Vaterforschung zunächst vorwiegend innerhalb der Psychologie betrieben, differenzierte sich wie im anglo-amerikanischen Raum aber bald aus. Sowohl in der psychologischen als auch soziologischen Forschung entstanden seit den 1980er Jahren neue Studien, in denen neben der Bedeutung des Vaters für das Kind nun auch stärker die Person des Vaters selbst in den Blick rückte (vgl. Matzner 2004, 14). Beispielhaft sind Untersuchungen zum Übergang zur Vaterschaft (vgl. Petzold 1991,1994; Schom 2003) oder zu alleinerziehenden Vätern (Nave-Herz/Krüger 1992; Matzner 1998) zu nennen. In der soziologischen Forschung kamen - nicht zuletzt angeregt durch die Frauenbewegung und erste Ansätze feministischer Forschung - neue Diskussionen zur Beteiligung von Vätern an Kinderbetreuung und Hausarbeit hinzu (vgl. z.B. Pross 1978; Metz-Göckel/Müller 1986,1987; Strümpel u.a. 1988; Griebel 1991; Prenzel 1991; Stein-Hübers/Hess-Diebäcker 1991). Sozialwissenschaftliche Forschungen wie auch die Medien richteten ihre Aufmerksamkeit zunehmend auf die "neuen Väter" (vgl. z.B. Dunde 1986; Leube 1988; Metz-Gockel 1988; Nave-Herz 1988; Rerrich 1989; im Überblick aus soziologischer Perspektive: Schneider 1989). Mit Begriffen wie "neue Väter" oder "neue Väterlichkeit" wurden mögliche Veränderungen in den normativen Orientierungen von Vätern reflektiert: Väter seien heute mehr als früher bereit, sich aktiv und mit großem Einsatz für ihre Kinder zu engagieren und damit an der Alltagssorge und Erziehung mitzuwirken. Allerdings, so zeigen alle Untersuchungen bis heute, gelingt es nur einem kleinen Teil der Väter, dies im Familienalltag zu verwirklichen (vgl. Petzold 2004).
Parallel zu diesen Entwicklungen in der Forschung und den veränderten gesellschaftlichen Vorstellungen von Familie, Kindheit und Elternschaft fand eine grundlegende Auseinandersetzung in den Rechtswissenschaften statt. Hier kam es schrittweise zu Neuformulierungen im Familienrecht, insbesondere im Sorge- und Kindschaftsrecht. Im historischen Rückblick wird deutlich, dass sich die Kritik über viele Jahrzehnte, ja Jahrhunderte gegen die patriarchalischen Vorrechte des Ehemannes und Vaters richtete. Damit verbunden war der Kampf gegen die Entrechtung der Ehefrau und Mutter sowie gegen die Diskriminierung nicht verheirateter Mütter und nichtehelicher Kinder. Dies zeigen beispielsweise die Arbeiten von Marianne Weber (1907) und die Positionen, die Juristinnen aus der alten Frauenbewegung zum BGB formulierten (vgl. den Überblick bei Bemeike 1985). So stand die Rechtsdiskussion über Vaterschaft Jahrzehnte unter dem Zeichen, die Diskriminierung von Müttern und nichtehelichen Kindern in ihrem benachteiligten Verhältnis zur privilegierten Rechtsposition des Vaters von ehelichen oder nichtehelichen Kindern aufzuheben. Die weitgehende, wenn auch nicht vollständige rechtliche Gleichstellung von Müttern und Vätern sowie von ehelichen und nichtehelichen Kindern im Familienrecht, die in der BRD schubweise Ende der 1950er Jahre, in den 1970er Jahren und zuletzt mit der Kindschaftsrechtsreform 1997/98 Einzug hielt, veränderte die im Zusammenhang mit Vaterschaft diskutierten Themen und Probleme. Plötzlich machte der Topos der "Väterrechte" Karriere. Die Schwerpunkte der rechtswissenschaftlichen und rechtspolitischen Debatte verschoben sich. Zentraler Streitpunkt dieser bis heute fortlaufenden Debatte war die Frage der Regelung der elterlichen Sorge nach einer Trennung und Scheidung sowie nach den Rechten des nicht mit der Mutter verheirateten Vaters.
Betrachten wir die Entwicklungen in den bundesrepublikanischen Kultur- und Geschichtswissenschaften lassen sich im Vergleich zu Forschungen im angloamerikanischen Raum bis zur Jahrtausendwende nur wenige Untersuchungen zur Geschichte und zu Vorstellungen von Vaterschaft finden. Vaterschaft wurde bislang vor allem für die Zeit der Romantik im Hinblick auf die Herausbildung des Bürgertums, untersucht (vgl. Habermas 2000; Schmid 2000; Trepp 1996,1996a; Schütze 1988; ein großräumig angelegter kulturgeschichtlicher Überblick findet sich bei Lenzen 1991). Für das 20. Jahrhundert liegt eine umfangreiche Untersuchung von Wiebke Kolbe (2000, 2002) vor. Ihr Vergleich zwischen Schweden und Deutschland in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigt die Konstruktionslogiken von Mutterschaft, Vaterschaft und Elternschaft in wohlfahrtsstaatlichen Regelungen. Im Lauf der Zeit wechselt der Bezugspunkt der Sozialpolitik dabei von der Mutter auf den Vater und schließlich auf die Eltern. Anders gesagt: Unterschiedliche Modelle des Wohlfahrtstaates korrespondieren eng mit Konstruktionsmomenten von Vaterschaft und Männlichkeit.
In der Pädagogik sind in der Bundesrepublik bislang erstaunlich wenig explizite Auseinandersetzungen mit dem Phänomen Vaterschaft zu erkennen. Zu nennen ist Barbara Drincks (2005) Untersuchung zu Vaterdiskursen. Sie bezieht sich vor allem auf Vatertheorien in pädagogischen Klassikern, wechselt allerdings für die Zeit nach 1945 vom spezifisch pädagogischen zum allgemeinen Diskurs über Vaterschaft.
Wie eingangs festgestellt, weisen die verschiedenen Arbeiten zu Vaterschaft eine Gemeinsamkeit auf: Obgleich Vaterschaft genuin vergeschlechtlicht ist, wird kein systematischer Bezug zur Kategorie Geschlecht hergestellt. Als Ausnahmen sind hier die bereits erwähnten Studien zur Vereinbarkeitsdebatte Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre sowie feministische Ansätze in der Familienrechtsdiskussion zu nennen.
Umgekehrt beziehen sich neuere Arbeiten der Geschlechterforschung, die sich mit Fragen der Veränderung von Partnerschaft und Familie sowie mit Arbeitsteilungen zwischen den Geschlechtern befassen, nur selten auf Fragen von Vaterschaft und Väterlichkeit (vgl. z.B. Koppetsch/Burkart 1999; Liebold 2001; Behnke/Liebold 2000). Die insgesamt geringe Auseinandersetzung mit Vaterschaft findet sich erstaunlicherweise auch in den meisten Ansätzen der sich seit Anfang der 1990er Jahre herausbildenden Forschung zu Männern und Männlichkeit (vgl. Meuser 1998). Dies gilt nicht nur für den deutschsprachigen Raum, sondern findet sich ebenso in der angloamerikanischen Forschung (vgl. Lupton/Barclay 1997). Wenn überhaupt, wird Vaterschaft in der Männlichkeitsforschung vor allem im Zusammenhang mit der Funktion des Familienemährers reflektiert. Anders gesagt: Vaterschaft als Institution wird in manchen Texten der Männer- oder Männlichkeitsforschung durchaus aufgriffen, Väterlichkeit als ein Bündel von Zuschreibungen, Erwartungsunterstellungen, Handlungsorientierungen und Kompetenzen wird aber nicht thematisiert. Über die Gründe für diese Leerstelle lassen sich nur Vermutungen anstellen: Sowohl auf Seiten der Forschenden als auch der Beforschten scheint "Väterlichkeit", wenn sie als eine fürsorglich emotionale und körperliche Zuwendung zu Kindern gedacht wird, aus dem Bestimmungshorizont von "Männlichkeit" herauszufallen oder mit "Männlichkeit" in Konflikt zu geraten. Zugespitzt gesagt: Eher weiblich konnotierte Eigenschaften wie Emotionalität, Fürsorglichkeit, auch Verletzlichkeit, sind mit "Männlichkeit" scheinbar nur schwer zu vereinbaren und bleiben deshalb nicht nur aus dem Alltagsbewusstsein, sondern auch aus Forschungshorizonten ausgeblendet. Nicht weit entfernt von diesem Versuch einer Erklärung ist der, den Lupton und Barclay vornehmen: "In its neglect of fatherhood this literature, particularly as written by men, tends to reproduce a limited notion of the problematic of masculinities. Masculinities, this absence implies, revolve around bodily power and action, physical strength and engagement hi education and paid labour. As such, much academic writing on masculinities tends to support the notion that men's lives and senses of self care are centrally located in the "public rather than the "domestic" or "private" sphere" (Lupton/Barclay 1997: 4). Wie die Studie von Lupton und Barclay (1997) dokumentiert, lässt sich heute eine neue, wenn auch zögerliche Perspektiverweiterung verzeichnen (vgl. z.B. Scholz 2004).
Umgekehrt zeichnet sich aktuell auch in der deutschsprachigen Vaterforschung eine Veränderung in Richtung einer vorsichtigen Annäherung an Perspektiven der Geschlechterforschung ab. Sie kommt beispielsweise in dem Titel des von Heinz Walter (2002) herausgegebenen Sammelband "Männer als Väter" zum Ausdruck, auch wenn in den Buchbeiträgen noch eher vereinzelt auf die Kategorie Geschlecht verwiesen wird. Ansätze der Geschlechterforschung diskutiert hat Matzner (2004) in seiner neuen Studie "Vaterschaft aus der Sicht von Vätern". Auch die bereits genannte Arbeit von Drinck (2005) lässt sich zu diesen neuen Ansätzen rechnen. Zu diesen Entwicklungen soll auch der vorliegende Band einen Beitrag leisten. Er versammelt Arbeiten aus verschiedenen Disziplinen und Theorietraditionen. Es handelt sich um deutlich unterschiedliche Beiträge mit einer grundsätzlichen Gemeinsamkeit: In allen Texten werden Perspektiven der Geschlechterforschung und Fragen nach den unterschiedlichen Dimensionen von Vaterschaft und Väterlichkeit zueinander vermittelt.
Der Band beginnt mit einem kulturanthropologischen Zugang zu "Vaterschaft als Institution". Harry Willekens stellt die Frage nach den Organisationsprinzipien von Vaterschaft als universeller gesellschaftlicher Institution. Er untersucht Vaterschaft als Institution in einem weitreichenden historischen und anthropologischen Vergleich - vom römischen Recht über den Code Napoléon bis zu schwarzafrikanischen Gesellschaften. An Hand historischer und kulturanthropologischer Untersuchungen zum Verhältnis von Vaterschaft, Ehe und biologischer Beziehung zeigt er, dass Vaterschaft in der Vergangenheit nicht sehr eng mit der biologisch-genetischen Abstammung verkoppelt war. Als wesentliche Erklärung für die zunehmende Bedeutung der biologischen Beziehung und den Verlust väterlicher Vorrechte führt Willekens die veränderte gesellschaftliche Stellung von Kindern an. Die Bedeutung von Kindern als Ressource für Familien, sei es als Arbeitskräfte, zur Alterssicherung oder für strategische Bündnisse durch Eheschließungen ist verloren gegangen.
Kirsten Scheiwe analysiert den Wandel der Vaterbilder im Recht von der bürgerlich-patriarchalischen Vaterfigur des BGB von 1900 hin zur Demontage väterlicher Vorrechte. Vaterschaft war nicht gleich Vaterschaft, denn die Geschlechterdimensionen des Familienrechts wurden durch die zentrale Bedeutung der Ehe und der sogenannten legitimen Familie strukturiert. Unter dem Einfluss des Gleichberechtigungsgrundsatzes des Grundgesetzes und der Gleichstellung ehelicher und nichtehelicher Kinder wurden ehemännliche Vatervorrechte und Diskriminierungen der Mutter beseitigt. Zugleich wurde das Sorgerecht zu einem neuen Feld der Geschlechterkämpfe; auch Anfechtungen der Vaterschaft oder der Zugang zum Status als Vater unter Berufung auf die biologisch-genetische Beziehung nehmen gegenwärtig zu. So treten hinter dem vermeintlich geschlechtsneutralen Topos der Elternschaft alte und neue Ungleichheiten im Geschlechterverhältnis zu Tage.
Aus einer historischen Perspektive untersucht Kirsten Plötz das normative Vaterschaftskonzept des privilegierten Familienoberhaupts und Familienernährers der unmittelbaren deutschen Nachkriegszeit und dessen Auswirkungen auf Familien- und Geschlechterverhältnisse. Sie konfrontiert das in der Adenauerära propagierte Ideal der Normalfamilie als Gattenfamilie, deren Oberhaupt der mit selbstverständlichen Vorrechten ausgestattete Vater darstellte, mit den Alltagsrealitäten dieser Phase. Zum Vorschein kommt ein deutlicher Kontrast: zwischen der stabilisierenden konservativen Utopie einer heilen Welt und alltäglichen Konflikten zwischen den Geschlechtem, zwischen unterschiedlichen Familienformen sowie zwischen heimkehrenden Vätern und anderen Familienmitgliedern. Historische Quellen und Interviews mit Zeitzeuginnen bilden die Basis für diese Rekonstruktion einer Privilegierung des Vaters von der Nahrung bis zur Scheidung und dokumentieren die Konflikte in Familien aus der Retrospektive der mit und ohne diese Männer lebenden Mütter und Kinder.
Kerima Kostka setzt sich mit rechtspolitischen Fragen von Vaterschaft nach Trennung und Scheidung auseinander. Sie wendet sich der Debatte über das gemeinsame Sorgerecht zu. Dabei thematisiert sie die Grenzen und Möglichkeiten von Recht als Instrument der Verhaltenssteuerung. Nach einer kurzen Darstellung der Rechtslage bis zur Einführung des gemeinsamen Sorgerechts nach der Ehescheidung durch das Kindschaftsrechtsreformgesetz 1998 überprüft Kostka anhand von Forschungen aus dem deutschen und angloamerikanischen Raum Erwartungen, die in das Leitbild der gemeinsamen elterlichen Sorge gesetzt wurden. Die Analyse der Gleichheitsrhetorik elterlicher Rechte und Pflichten im Leitbild der gemeinsamen elterlichen Sorge nach der Scheidung veranlasst sie zu einem skeptischen Resümee. Die Möglichkeiten, das Verhalten von Vätern und Eltern durch Recht zu beeinflussen sind aus ihrer Sicht recht begrenzt. Anders gesagt: Ein bloß symbolisches Leitbild der rechtlichen Regulierung führt noch nicht zu veränderten Geschlechterbeziehungen auf der Handlungsebene.
Aus soziologischer Perspektive nimmt Anja Wolde den in den vergangenen Jahren in Deutschland erfolgten Wandel von Vaterschaft und Väterlichkeit in den Blick. Sie untersucht Publikationen einer exzeptionellen Gruppe von Vätern: Sie kämpfen nach einer Trennung oder Scheidung um ihre Sorge- und Umgangsrechte und haben sich in Vätergruppen zusammengeschlossen. Diese Männer, so Woldes These, sind durch die Situation der Trennung in besonderer Weise mit widersprüchlichen Anforderungen an sich als Mann und Vater konfrontiert. Deshalb sind ihre Deutungsmuster von Männlichkeit und Väterlichkeit besonders interessant für Fragen des Wandels von Geschlechterbeziehungen. Während ein Teil der Väter in ihren Publikationen die Perspektive eines Geschlechterkampfes einnimmt, reagiert der andere Teil hochambivalent. Letztere oszillieren zwischen der Chance einer Erweiterung eigener Handlungsspielräume als Mann und Vater in Richtung der Integration von Aspekten der Fürsorglichkeit und Bindung und der Anforderung, damit bestehende Privilegien und Sicherheiten als Mann in Frage zu stellen.
Meike Baader exploriert pädagogisch und psychologisch orientierte, semiwissenschaftliche mediale Produktionen hinsichtlich der dort vorfindbaren Vorstellungen von Vaterschaft und Väterlichkeit. Wie wird in diesen Printmedien Vaterschaft konstruiert? Zeigen sich neue, zukunftsorientierte Konzepte von Vaterschaft? Baader arbeitet zwei Typen der Thematisierung von Vaterschaft heraus: ein Typus, der sich mit der Entwicklungsbedeutsamkeit von Vätern für ihre Kinder auseinandersetzt sowie ein zweiter, in dem die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch für Väter aufgeworfen wird. Diese neue Variante der Diskussion des Vereinbarkeitsproblems stellt Baader in einen Zusammenhang mit weitreichenden gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen. Ob die derzeitigen gesellschaftlichen Veränderungen und ihre individuelle Verarbeitung wirklich zu neuen Konzeptualisierungen von Vaterschaft führen, hängt ihrer Ansicht nach nicht zuletzt davon ab, inwieweit es Vätern in Zukunft gelingt, kulturelle Männlichkeitsideale und Aspekte väterlicher Fürsorge miteinander zu verbinden.
Vera King konzentriert sich auf die Beziehung zwischen Vater und Tochter. Diese ist aus ihrer Sicht von besonderem Interesse, weil gerade in ihr die Folgen des sozialen Wandels hervor treten: traditionell zeigt sich in diesem Verhältnis das größte Machtgefalle, da, so King, die Hierarchie in den Geschlechterbeziehungen sich durch die zwischen Erwachsenen und Kind, genauer zwischen Vater und Tochter "verdoppelt". Sie spielt Bourdieus Thesen zum Verhältnis zwischen Vater und Sohn auch für Vater und Tochter durch und geht dem Konflikt, dass Töchter (wie Söhne) sich mit einem väterlichen Erbe identifizieren und dieses gleichzeitig transformieren sollen, aus einer serialisations- und entwicklungstheoretischen Perspektive nach. Dabei konfrontiert King verschiedene empirische Studien zur Vater-Tochter-Beziehung miteinander und befragt deren Ergebnisse im Hinblick auf die Entfaltung oder Begrenzung der Autonomie und Kreativität von Töchtern im Verhältnis zu ihren Vätern. Unter Bezug auf eine psychoanalytisch fundierte Konzeption von Adoleszenz kommt sie schließlich zu dem Schluss, dass die Vater-Tocher-Beziehung sehr spezifische Anforderungen an Väter stellt, wollen sie die Autonomie und Kreativität ihrer Töchter nicht begrenzen. Mit diesen Anforderungen gehen auch veränderte Bilder von Männlichkeit und Väterlichkeit einher.
Mechthild Bereswill nimmt ebenfalls einen psychodynamisch inspirierten Blickwinkel ein, wenn sie nach der Bedeutung der Vater-Sohn-Beziehung für die biographischen Selbstentwürfe heranwachsender Männer fragt. Die Vater-Sohn-Beziehung, so Bereswills These, ist von großer Bedeutung für die Bearbeitung der typischen Autonomie- und Abhängigkeitskonflikte von heranwachsenden jungen Männern, ist aber zugleich als Teil eines weiter gefassten Beziehungsgeflechts zu explorieren. Dabei ist auch zu beachten, dass die Lebensgeschichten der von ihr untersuchten hafterfahrenen jungen Männer durch ein hohes Maß an Diskontinuität und sozialer Kontrolle geprägt sind. Vor diesem Hintergrund lotet Bereswill den Zusammenhang zwischen komplexen Prozessen der Identifikation des Sohnes mit und einer Abgrenzung vom Vater anhand von zwei kontrastierenden Fallbeispielen aus. Die Bewältigung der mit solchen Prozessen verbundenen Konflikte korrespondiert eng mit kulturellen Männlichkeitsidealen, an denen junge Männer sich gegenwärtig reiben.
Rolf Pohl untersucht Vaterschaft unter einer Fragestellung, die sich auf (individuelle und kollektive) unbewusste Inszenierungen von Männlichkeit bezieht. Er thematisiert unbewusste Größenvorstellungen von Männlichkeit, die direkt mit Vaterschaft, aber auch mit Mutterschaft verknüpft sind. Solche - kulturell gestützten und individuell ausgestalteten - Größenphantasien verweisen laut Pohl auf die aggressive Abwehr von Weiblichkeit. Anhand seiner psychoanalytischen Reflexionen auf unterschiedliche kulturelle Inszenierungen von Vaterschaft und Männlichkeit arbeitet er die Tiefendimensionen gesellschaftlichen Wandels heraus: Sichtbar werden unbewusste Abwehrmanöver, die kollektiv wie individuell dazu beitragen, dass ein gleichrangiger Umgang mit Vaterschaft und Mutterschaft längst nicht erreicht ist und Lebensentwürfe jenseits dieser Dichotomien sich offenbar nur schwer durchsetzen können.
Alle Beiträge bereichern den Diskurs über geschlechtertheoretische Perspektiven auf Vaterschaft im Wandel und geben wichtige Anregungen für Forschung, Theoriebildung und Lehre. Wir danken allen Autorinnen und Autoren für ihre anregenden Beiträge und die gute Zusammenarbeit, auch im Rahmen einer Ringvorlesung zu "Vaterschaft im Wandel" an der Stiftung Universität Hildesheim, zu deren Gelingen einige von ihnen durch ihre Vorträge beigetragen haben. Unser Dank gilt außerdem Gabriele Goeller und Silvia Krauter vom Frauen- und Gleichstellungsbüro der Universität Hildesheim. Sie haben uns bei der konzeptionellen Vorbereitung und der organisatorischen Durchführung der Ringvorlesung im Sommersemester 2005 unterstützt. Lotte Rahbauer von der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main danken wir für die zügige Bearbeitung des Manuskripts und für ihre professionelle Geduld im Umgang mit den großen und kleinen Hürden der Texterstellung.