Vorbemerkung
Lange Zeit war es Gepflogenheit, Menschen mit geistiger Behinderung Kreativität weithin abzusprechen. So, wie ihnen eine "Bildungsunfähigkeit" attestiert wurde, so wurden ihnen auch mangelnde Spontaneität und Spielfähigkeit, Phantasie- und Einfallslosigkeit, Rigidität u. dgl. nachgesagt. Zudem war die Vorstellung weit verbreitet, dass Kreativität nur bei Menschen mit annähernd durchschnittlicher Intelligenz möglich sei.
Erst in den letzten Jahren, maßgeblich befördert durch die Entdeckung, öffentliche Bekanntmachung und Förderung der "Kunst von geistig behinderten Menschen", gibt es immer mehr Stimmen, die quasi kontrapunktisch zu dem traditionellen Nihilismus Menschen mit geistiger Behinderung wie jeder anderen Person Kreativität attestieren.
Wengleich diese Entwicklung insbesondere mit Blick auf Integration und Inklusion positiv einzuschätzen ist, besteht nunmehr die Gefahr, in einen Euphemismus zu verfallen, der Kreativität zu einem vollmundigen Schlagwort und letztlich zu einer Leerformel gerinnen lässt. Die unreflektierte Gleichschaltung von Kunst, bildnerischem Gestalten und Kreativität, wie wir sie im Lager der Behindertenhilfe nicht selten beobachten, ist ein Beleg dafür.
Freilich gibt es enge Verbindungen zwischen Kunst und Kreativität, dennoch ist es unzulässig, auf eine differenzierte Betrachtung zu verzichten.
Genau an dieser Stelle hat die vorliegende Schrift ihren Platz. Ihr Ziel es ist, auf dem Hintergrund der wichtigsten Kreativitätstheorien der Frage der Kreativität von Menschen mit geistiger Behinderung nachzugehen und Perspektiven für eine pädagogische und therapeutische Haltung und Unterstützung in schulischen und außerschulischen Arbeitsfeldern aufzuzeigen. Der vorliegende Sammelband erstreckt sich auf vier Themenbereiche:
Der erste Teil bietet eine grundlegende Einführung in das Thema der Kreativität. Er befasst sich mit zentralen Begriffsdefinitionen und den wichtigsten Kreativitätskonzepten. Dabei wird explizit auf Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung Bezug genommen und der Nachweis erbracht, dass es keine überzeugenden Argumente gibt, diesem Personenkreis kreative Potentiale abzusprechen.
Der zweite Themenschwerpunkt knüpft daran an und greift den Bereich des bildnerischen Gestaltens auf. Zunächst wird eine Galerie an Bildnereien vorgestellt und im Hinblick auf das Phänomen der Kreativität diskutiert. Unser Augenmerk gilt hierbei allen Menschen mit geistigen, seelischen und mehrfachen Behinderungen, also auch jenen, die nicht für sich selber sprechen können. Abgerundet wird der zweite Teil mit Handlungsmöglichkeiten eines kreativen bildnerischen Gestaltens für schulische und außerschulische Arbeitsfelder.
Der dritte Themenbereich stellt Konzepte, Erfahrungen und Beispiele vor, denen im Hinblick auf Rhythmik, Bewegung, Spiel, Musik und Theater eine innovative und richtungsweisende Bedeutung zukommt. Das gilt sowohl für ein auf Kreativität hin angelegtes Arbeitsprinzip einer "heilpädagogischen Rhythmik" als auch für das Konzept einer (professionellen) Theaterarbeit, die sich explizit kreativen Potentialen, der Ausdrucksstärke, Authentizität, Originalität und Phantasie von Menschen mit geistigen und mehrfachen Behinderungen verschrieben hat.
Quasi kontrapunktisch zu den bisherigen Beiträgen, die künstlerisches und kreatives Arbeiten jenseits therapeutischer Intentionen fokussieren, geht es im vierten Teil um Ansätze, die dem Phänomen der Kreativität im Lichte von Therapie besondere Aufmerksamkeit zollen. Hierzu wurden aus dem nahezu unüberschaubaren Feld an kunst- und musiktherapeutischen Konzepten vier Beiträge ausgewählt, denen eine "Schlüsselfunktion" für die Arbeit mit geistig behinderten Menschen zukommt: der erste Beitrag führt uns Möglichkeiten einer kreativitätsorientierten Kunsttherapie mit Menschen vor Augen, die als geistig schwerst und mehrfach behindert gelten; der zweite skizziert Wege und Möglichkeiten kunsttherapeutischen Arbeitens mit dementiell erkrankten und geistig behinderten Menschen im Alter. Die beiden nachfolgenden Beiträge stellen die prominente Bedeutung musiktherapeutischen Arbeitens mit geistig behinderten Menschen heraus: einerseits aus geschichtlicher Perspektive und andererseits anhand einer musikalisch-kreativen Arbeitsweise aus psychoanalytischer Sicht.
Mit dieser Auswahl an Texten hoffen wir, ein facettenreiches Buch vorgelegt zu haben, das leicht zugänglich ist, eine gelungene Mischung aus guter Theorie und guter Praxis darstellt, grundlegende Informationen wie auch wichtige Impulse für die konkrete Arbeit enthält, so dass es als Nachschlagewerk und Praxisbegleiter dienlich sein kann.
Wer die aktuelle Begriffsdiskussion im Bereich der Heil- oder Sonderpädagogik verfolgt, wird feststellen, dass es insbesondere vonseiten Betroffener Vorschläge gibt, den Begriff der geistigen Behinderung durch die Bezeichnung "Lernschwierigkeiten" zu ersetzen. Hierzu werden aber auch Bedenken geltend gemacht: Wenngleich der Begriff der geistigen Behinderung unbefriedigend sei, so diene er heute als eine rechtlich kodifizierte Hilfsetikette für eine halbwegs praktikable Verständigung und Kommunikation zwischen Pädagogik, Psychologie, Medizin, Soziologie und Sozialpolitik. Diese Argumentation hat uns letztlich dazu veranlasst, am Leitbegriff der geistigen Behinderung in der vorliegenden Schrift festzuhalten - wohl wissend, dass es sich um eine soziale Konstruktion und Zuschreibung handelt, d. h. um Personen geht, die von ihren Mitmenschen als geistig behindert bezeichnet werden.
Unser Dank gilt allen Autorinnen und Autoren für die engagierte Mitarbeit an unserem Buchprojekt. Besonders bedanken möchten wir uns bei Herrn Dr. Gert Reising, Kunsthistoriker an der Staatl. Kunsthalle Karlsruhe, für die freundliche Genehmigung der Veröffentlichung der Bilder von Elke Zwecker, bei Frau Helga Großwendt, Sonderpädagogin an der Kastanienschule Jena, für die Bereitstellung zahlreicher Schülerarbeiten, bei Herrn Dipl.-Päd. Michael Schubert für die mühevolle, exzellente Bearbeitung des Manuskripts sowie bei Herrn Andreas Klinkhardt für die unkomplizierte Zusammenarbeit.
Der Lesbarkeit halber wurde in den Buchbeiträgen zumeist die männliche Schreibweise (Pädagoge...) bevorzugt, Personen weiblichen Geschlechts sind dabei stets mitgedacht.
| November 2005 | Georg Theunissen, Halle u. Freiburg Ulrike Großwendt, Halle |