Vorwort
Der Begriff Gymnastik erlebte in der Geschichte einen stetigen Bedeutungswandel, der bis heute eine kaum noch überschaubare Begriffsvielfalt erzeugte. Neben Bezeichnungen, die einzelnen Sportarten zugeordnet sind, wie Skigymnastik oder Hürdengymnastik, werden Begriffsverbindungen wie Wassergymnastik, Gefäßgymnastik, Ausdrucksgymnastik oder Jazzgymnastik gebraucht, die einen sehr unterschiedlichen Ansatz haben. Der in Abbildung 1 gezeigte "Gymnastikbaum" systematisiert die Gymnastik durch die Einteilung in zwei wesentliche Bereiche, den tänzerisch-rhythmischen und den funktionellen Bereich. Diese Differenzierung der Gymnastik gab es in der griechischen Antike, auf die der Begriff Gymnastik zurückgeht, noch nicht. Die Griechen verbanden mit Gymnastik sowohl eine ästhetische ("männliche Schönheit") als auch eine gesundheitliche Komponente und benutzten Gymnastik als Oberbegriff für alle Formen der Leibesübung. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte P. H. Ling in Schweden ein System der Körperübungen, das von anatomisch-physiologischen Grundlagen ausging und gezielte Funktionsverbesserungen einzelner Organsysteme in den Mittelpunkt stellte. Auch die Therapie bestimmter Krankheitsbilder, wie z.B. der Skoliose, mit Hilfe von Bewegungsübungen, wurde von ihm mit Erfolg propagiert.
Aus diesem System, das als Schwedische Gymnastik oder als Heilgymnastik bekannt wurde, entwickelte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Richtung der Gymnastik, die als Funktionelle Gymnastik bezeichnet werden könnte. Die amerikanische Ärztin Bess Mensendieck entwarf auf der Grundlage des Lingschen Gedankenguts eine spezielle Gymnastik für Frauen mit dem Ziel der Verbesserung der "Gesundheit und Funktionsfähigkeit des weiblichen Körpers". Auch die ersten Krankengymnastikschulen in Deutschland, die 1902 in Kiel und 1918 in Dresden gegründet wurden, bezogen sich auf das Werk von Ling. Neben dieser funktionellen Richtung der Gymnastik entwickelte sich um 1900 der künstlerischrhythmische Bereich, der mit den Namen von F. Delsarte und J. Dalcroze verbunden ist. In Deutschland prägten Rudolf Bode und Hinrich Medau, vor allem mit der rhythmischen Gymnastik, das Bild der Leibeserziehung bis in die 60er und 70er Jahre des letzten Jahrhunderts hinein.
Die funktionelle Gymnastik rückte erst ab den 80er Jahren wieder ins Blickfeld der Öffentlichkeit, als die "Stretching-Welle" aus Amerika nach Deutschland überschwappte. In der Nachfolge von Anderson (1980) propagierten viele Autoren Stretching als die optimale Form des Dehnens, das darüber hinaus positive Auswirkungen auf die Psyche und das seelische Wohlbefinden haben sollte. Knebel popularisierte ab 1985 den Begriff der "Funktionsgymnastik", der althergebrachte Übungen der Gymnastik in Frage stellte und ihre Wirksamkeit einer kritischen Betrachtung unterzog. Seither ist eine breite Debatte über die Effektivität verschiedener Dehn- und Kräftigungsübungen im Gange, die teilweise für mehr Verwirrung als Klarheit gesorgt hat. Nach unserer Auffassung steckt diese Diskussion immer noch in ihren Anfängen, da zahlreiche Funktionsweisen des Körpers noch nicht wissenschaftlich untersucht oder verstanden wurden. Deshalb können viele Erkenntnisse nur als vorläufig gelten und müssen ihre Bewährungsprobe in der alltäglichen sportlichen Praxis bestehen. Unter dieser Voraussetzung sollte auch das vorliegende Buch, das sich an Übungsleiter, Trainer, Sportlehrer und Sportstudenten sowie alle Sporttreibende richtet, kritisch benutzt werden.