Vorwort
Das Nachdenken über Städtebau, über seine Formen, seine Strategien, seine Konzepte und seine Bedingungen, ist seit jeher Bestandteil der Planung und Realisierung von Städten. Spätestens seit der Entstehung einer Theorie über die Ordnung des Gemeinwesens in der griechischen antiken Kultur wird auch über die bestmögliche architektonische Anlage der Stadt reflektiert. Diese Reflexionen verdichten sich besonders seit der Aufklägung zu Theorien, die grundsätzlich eine Verbesserung des jeweils zeitgenössischen städtebaulichen Status Quo anstreben und ihrerseits auf zeitlich folgende urbanistische Maßnahmen einwirken.
Die entsprechenden Quellentexte sind allerdings vielfach schwer zugänglich: abgelegen publiziert, fragmentarisch wieder aufgelegt und teilweise sogar fehlerhaft übersetzt. Die theoretische Basis der Geschichte des Städtebaus wird somit fragil. Um ihr die Solidität zurückzugeben, die ihr gebührt, haben wir uns daran gemacht, die Quellentexte zu beschaffen, auszuwählen, zu ordnen und zu edieren. Mit anderen Worten: eine Anthologie zum Städtebau zu erarbeiten.
In unserer Anthologie zum Städtebau des 18., 19. und 20. Jahrhunderts werden nur solche Texte berücksichtigt, die programmatisch das Thema Stadt und Städtebau reflektieren und die über Hinweise, Anregungen und Ideen hinaus den Rang einer Theorie beanspruchen können. Die Reflexion über Stadt und Städtebau ist nicht Sache der Architekten und der Architekturtheoretiker allein. Speziell der vorliegende Band schöpft aus einem heterogenen Fundus von Gattungen und Autoren: Texte aus Literatur, Philosophie, Politik und Staatswissenschaft, Wirtschaft, Architektur, Kunstgeschichte, Journalismus, Pädagogik, Recht, Naturwissenschaften, Nachschlagewerke, Tagespresse, geschrieben von Sozialreformern, Medizinern, Schriftstellern, Unternehmern, Verwaltungsbeamten, Polizeipräfekten, Philanthropen, Gelehrten, Stadtplanern, Hochschulprofessoren, Historikern, Juristen, Militärangehörigen, Nationalökonomen, Geistlichen und sogar Erfindern und Amateuren.
Um sowohl dem programmatischen als auch dem reflektierenden Aspekt der Theorie Genüge zu leisten, wurden die zu bearbeitenden Quellentexte auf folgende Textkategorien eingegrenzt:
1. Planbeschreibungen und Erläuterungsberichte, die konkreten städtebaulichen Projekten beigegeben sind.
Eigentliche Theorien über den Städtebau, die sowohl die apercuhafte Überlegung eines Manifestes als auch die ausgefeilte Konstruktion eines theoretischen Werkes umfassen können.
Literarische Zeugnisse, sofern sie einen programmatischen Charakter im Hinblick auf städtebauliche Vorstellungen und explizite Bezüge zu konkreten städtebaulichen Projekten aufweisen.
Wissenschaftliche Untersuchungen aus anderen Disziplinen, die entscheidend in den städtebaulichen Diskurs eingreifen.
Aus den nach diesen vier Kategorien zusammengestellten Quellen galt es, diejenigen Texte herauszufiltern, die aufgrund ihrer Eigenständigkeit Gegenstand der eigentlichen theoriehistorischen Betrachtung und damit der Anthologie sein können. Entscheidend für die Auswahl waren folgende Kriterien:
Originalität: Der Text entwickelt eine eigenständige und innovative Haltung.
Kohärenz: Der Text vermittelt ein in sich durchdachtes und schlüssiges Gedankengebäude.
Komplexität: Der Text baut auf einer Kette von ineinandergreifenden Argumentationen auf, die mehrere Aspekte des vielschichtigen Phänomens Stadt abdecken.
Konkretheit: Der Text transportiert eine eindeutig erkennbare formale Vorstellung von Stadt.
Die Quellentexte werden so gut wie ausnahmslos in ihrer Originalfassung präsentiert, das heißt in der Form ihrer Erstveröffentlichung. Ziel der Auswahl war, nicht immer die bekanntesten und schon oft publizierten Texte zu veröffentlichen, sondern diejenigen, in denen zum ersten Mal, und wenn nur in Ansätzen, Gedanken und Konzepte thesenartig zum Ausdruck gelangen. In den Selektionsprozess wurde nur publiziertes Material einbezogen, da auch eine rezeptionsgeschichtliche Entwicklung aufgezeigt werden sollte. Eine (einzige) Ausnahme bildet Manuel de Maias Disserta ç äo (1755), ein verwaltungsinterner Brief von größter historischer und stadtplanerischer Bedeutung; hier wurde die kommentierte Ausgabe von Jose Augusto França von 1965 als Vorlage verwendet.
Im Rahmen der gleichen Suche nach Authentizität werden die Texte, wiederum fast ausnahmslos, in ihrer Originalsprache wiedergegeben. Speziell in diesem Band wurde diese Regel ganz ohne Ausnahme eingehalten: Sämtliche Texte wurden in der Originalsprache übernommen (Französisch, Deutsch, Englisch, Italienisch und ein einziger Text, die genannte Disserta ç äo, auf Portugiesisch).
Das zusammengestellte und ausgewählte Textmaterial wurde chronologisch und zugleich thematisch geordnet. Aufgrund der Fülle der Schriften haben wir uns für ein dreibändiges Publikationskonzept entschieden.
Der erste, vorliegende Doppelband der Anthologie beinhaltet die Zeit vom Beginn des 18. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts und die Entwicklung von der Stadt der Aufklärung zur Metropole des industriellen Zeitalters. Die ersten beiden Kapitel behandeln die großen ideengeschichtlichen Strömungen, welche die Haltung zum Phänomen Stadt seit dem 18. Jahrhundert bestimmen: einerseits die emphatisch bejahenden, umfassenden theoretischen Darstellungen idealer Stadtkonzepte, andererseits die antiurbanen, alternativen Siedlungsmodelle, die sich seit dem 18. Jahrhundert an den vehementen Aufruf "Zurück zur Natur" anschließen. Das dritte Kapitel umfasst als Konkretisierung der idealen Stadtentwürfe das kulturhistorische Thema der Stadt als Architektur und als Kunstwerk. Diese im Kern ästhetische Frage leitet über zum vierten Kapitel: dem "Embellissement" als dominantem theoretischem Konzept für den Umgang mit Stadt vor der Entstehung des wissenschaftlichen Urbanismus. Radikalere Stadtmodelle, wie sie im fünften Kapitel beschrieben werden, die durch ihre gesellschaftspolitischen Implikationen die herkömmlichen europäischen Städte insgesamt infrage stellen, existieren schon lange vor der Industrialisierung. Die frühe Kritik der industrialisierten Stadt (sechstes Kapitel) formuliert bereits eine Reihe von Problemstellungen, die als Konstanten die späteren Debatten um die moderne Stadt prägen werden. Die Wohnungsfrage der notleidenden Arbeiter in den Ballungsräumen (siebtes Kapitel) entwickelt sich zu einem engmaschigen, stark ideologisierten Diskurs, der den Städtebau vornehmlich unter wirtschaftlichen und machtpolitischen Aspekten ausleuchtet. Die europäischen Städte der Hochindustrialisierung reagieren auf die neuen gesellschaftlichen Herausforderungen vorrangig mit der Erweiterung und Verbesserung ihrer infrastrukturellen Ausstattung (achtes Kapitel). Seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts gehört die technologische Verkehrserschließung mit Eisen- und Straßenbahn zu eben dieser infrastrukturellen Ausstattung (neuntes Kapitel), was vermehrt in sozialutopischen Konzepten zur Neuordnung der Stadt thematisiert wird. Das letzte Kapitel zeigt auf, wie die fortschrittliche Technik nicht nur zu einem wichtigen Bestandteil, sondern zur Lösungsformel schlechthin für die Stadt der Zukunft propagiert und in literarischen Utopien popularisiert wird.
Der zweite Band der Anthologie, der im nächsten Jahr erscheinen wird, setzt bei den Anfängen des theoretischen Urbanismus im 19. Jahrhundert an und führt bis zur Stadt der Moderne des 20. Jahrhunderts. Der dritte, bereits erschienene Band deckt die Zeit und die Debatten vom Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur zeitgenössischen Stadt ab.
In allen drei Bänden werden die Kapitel durch einführende Texte in ihren kultur- und städtebaugeschichtlichen Kontext eingebettet und bieten somit einen themen- und problemorientierten Überblick über die Stadtbaugeschichte des entsprechenden Zeitlaufs. Die Einteilung der Anthologie in einzelne Themenkomplexe erschließt nicht nur differenzierte Nutzungsmöglichkeiten für die wissenschaftliche Forschung zur Geschichte des Städtebaus, sondern macht die Anthologie selbst zu einem eigenen und eigenständigen historischen Projekt. Der den Texten beigefügte Kommentar bietet eine Einführung zu Autor und Text mit Informationen zur Biographie, Editionsgeschichte und Rezeptionsgeschichte; er ordnet den Autor und sein Werk historisch und ideengeschichtlich ein und stellt seinen Beitrag zum Städtebau in einen größeren Kontext.
Insgesamt stellt die Publikation eine umfassende, kritische und kommentierte Sammlung von Quellentexten zur Theorie des Städtebaus in Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika vom 18. Jahrhundert bis heute dar. Diese zeitliche und räumliche Eingrenzung entspricht einer weitgehend in sich geschlossenen historischen Einheit, die von durchgängigen Traditionen und wechselseitigen Rezeptionen gekennzeichnet ist. Ergebnis dieser Synopse ist ein Handbuch zur Städtebautheorie als verlässliches, effizientes und dringend benötigtes Nachschlagewerk, wie es für die benachbarten Wissensgebiete der Architekturtheorie und der Theorie der Gartenkunst als unverzichtbare Grundlage der Forschung längst vorliegt.
Die Textsammlung soll als bislang fehlendes Kompendium zur Städtebautheorie nicht nur eine erstaunliche Forschungslücke schließen, sondern auch einen Beitrag zur Grundlagenforschung im Bereich des Städtebaus leisten. Sie richtet sich an Studierende und Forschende, aber auch an praktizierende Architektinnen und Architekten, die sich mit stadtplanerischen Aufgaben befassen. Denn das Nachdenken über städtebauliche Vorstellungen und Strukturen der Vergangenheit und die Kenntnis des theoretischen Ursprungs aktueller Debatten sind notwendige Voraussetzungen für eine produktive Beschäftigung mit der gegenwärtigen Stadt sowie für die Entwicklung zukünftiger Stadtmodelle.
Dieses große und anspruchsvolle Vorhaben konnte nur dank des großen Engagements zahlreicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Professur für Geschichte des Städtebaus im Institut für Geschichte und Theorie der Architektur am Departement Architektur der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich entstehen, vor allem jenes von Katia Frey und Eliana Perotti, die die Hauptarbeit geleistet haben, aber auch jenes von Thomas Gnägi, der an der Textauswahl und den Forschungen zu diesem Band beteiligt war, und jenes von Stephanie Warnke, die neben den umfassenden redaktionellen Arbeiten auch das Verfassen von zahlreichen Einführungstexten zu den Quellenauszügen übernommen hat. Maik Hömke und Susanne Businger haben ebenfalls engagiert und kompetent mitgearbeitet. Zudem erhielt das Projekt Unterstützung durch eine Reihe externer Verfasserinnen und Verfasser. Eine unverzichtbare Hilfe haben bei der Textarbeit vor allem die Züricher Bibliotheken und ihre Spezialsammlungen geleistet: Die Sammlung Alte Drucke der Zentralbibliothek und diejenige der ETH-Bibliothek, die Baubibliothek und der Interbibliothekarische Leihverkehr der ETH. Die Schulleitung und das Departement Architektur der ETH haben das der Anthologie zugrunde liegende Forschungsprojekt großzügig gefördert. Herr Hans-Robert Cram und der Gebr. Mann Verlag haben die verlegerische Herausforderung, die eine derart breit angelegte Publikation bedeutet, mit Mut und Engagement aufgenommen. Ihnen allen sei an dieser Stelle von Herzen gedankt.
Vittorio Magnago Lampugnani Zürich, im August 2008.