Vorwort
Bücher wie das hier vorgelegte entstehen in einem Gespräch. Obgleich es ein einzelner Autor ist, der die Fragen durchdenkt, ist auch dieses Buch vor allem im Dialog geworden. Das elementare Gespräch, das den hier vorgestellten Gedanken zugrunde liegt, ist der Lebensraum der Kirche. Für die Theologie als Ganze, aber im Besonderen für die Ekklesiologie ist diese Voraussetzung entscheidend, wenn die Rede von Gott und seinen Plänen für die Welt nicht ein eigenmächtiges Ausdenken sein soll, sondern Gottes Handeln in dieser Welt wahrnehmen und deuten will. Dass dabei von der Kirche als "Lebensraum" gesprochen wird, geschieht bewusst: Die Fähigkeit, ihren Auftrag und ihr Wesen zu verstehen, wird nicht durch eine formale Mitgliedschaft gewonnen, sondern durch das Mitgehen ihres Weges. Davon wird noch zu sprechen sein.
In einem der Gleichnisse von der Gottesherrschaft, wie sie Matthäus überliefert, vergleicht Jesus einen Schriftgelehrten, der ein Jünger des Himmelreiches geworden ist, mit "einem Hausherrn, der aus seinem reichen Vorrat Neues und Altes hervorholt" (Mt 13,52). In der Auslegungsgeschichte dieses Wortes finden sich Deutungen, die darin Aufgabe und Methode der Theologie genannt sehen. Auch die vorliegende dogmatische Arbeit versteht dieses Wort als Einladung an die Theologie und als hermeneutischen Fingerzeig. Theologie muss immer "Altes" hervorholen: Sie muss die Quellen sichten, befragen und deuten. Diese Arbeit reicht aber tiefer als nur in die Zeit Jesu. Sie muss bis an den Anfang des Gottesvolkes zurück, denn die Stiftung der Kirche ist Neusammlung des Gottesvolkes Israel, auch wenn sie über das eine Volk hinausreichen wird. Zum anderen gehört es zur Aufgabe des Theologen, "Neues" aus dem Schatz der Kirche hervorzuholen. Ohne dieses Neue bliebe das Alte stumm wie Exponate eines Museums. Das Neue, das der Theologe hinzufügen muss, ist die ursprüngliche 'alte' Aufgabe: Die Geschichte der aktuellen Kirche und ihrer Gemeinden wahrzunehmen, zu deuten und zu erzählen als Handeln und Anrede Gottes an sein Volk. Für die hier vorgelegte Arbeit hat sich daraus die Konsequenz ergeben, die systematische Theologie auch in ihren gegenwärtigen geistesgeschichtlichen, kulturhistorischen und sozialgeschichtlichen Zusammenhängen zu betrachten und mit ihnen die großen Phänomene von Globalisierung auf der einen und von Partikularismus auf der anderen Seite wahrzunehmen und nach deren 'Anrede' für die Kirche zu fragen. Für die frühe Theologie war es einsichtig, dass diese Rede ohne die Hilfe Israels nicht verständlich werden kann, auch nicht ohne die Hilfe der kritischen 'Heiden' und ihrer Versuche und Einsichten.
Aus diesem Grund ist für die Reflexion des Verhältnisses von Universalkirche und Lokalkirchen in der vorliegenden Arbeit der Disput zwischen Joseph Ratzinger und Walter Kasper, der in den Jahren 1999 bis 2001 geführt wurde, nur ein erster Schritt. Die Reduktion dieser Auseinandersetzung auf das Holzschnittartige, aber auch traditionelle innerkirchliche Muster haben die Diskussion der Kardinäle allzu schnell in jene theologischen Konflikte eingereiht, in denen es um die Durchsetzung persönlicher Präferenzen geht. Es ist klar: Theologie wird immer von Personen formuliert und vorgetragen, deren Blick und Sprache durch unterschiedliche Erfahrungen und Denkwege geprägt sind. Wo das Ringen aber, wie in der vielbeachteten Diskussion der beiden Theologen, über die persönlichen Interessen hinausführt und das zunächst begrenzte Gespräch von anderen aufgegriffen wird, kann sich Theologie weiterentwickeln. Dazu will die vorliegende Arbeit beitragen.
Viele kirchliche Konflikte der vergangenen Jahre, nicht nur in Deutschland, sind zu Konflikten an der Grenzlinie zwischen Gesamtkirche und Ortskirchen geworden. Nahezu unlösbar werden sie, wenn die Spannung zwischen Lokalem und Universalem nur als Konkurrenz und auf der Ebene der Kompetenzen betrachtet wird. Das Bedenken, was Kirche ist und sein soll, und damit die Wiederentdeckung des Katholizismus als Lebensform - im Sinne de Lubac's catholicisme - ermöglicht einen Wechsel der Perspektive im Spannungsverhältnis zwischen Gesamtkirche und Ortskirchen, der die Polarität fruchtbar machen kann. Diesen Wechsel als biblisch begründet und dogmatisch stringent zu zeigen, ist ein Hauptanliegen der vorliegenden Untersuchung.
Ohne den Lebensraum der Katholischen Integrierten Gemeinde wäre für den Verfasser dieser Blick nicht möglich geworden. Mein Dank gilt deswegen zuerst allen, die täglich diesem Weg in der Kirche auf verschiedenste Weise dienen. Stellvertretend für viele, die mir an verschiedenen Orten täglich ein Zuhause bereitet haben, nenne ich dankbar Beatrix und Ulrich Strobel. Obwohl die "Gemeinschaft der Priester im Dienst an Katholischen Integrierten Gemeinden" eine relativ kleine Assoziation ist, hat sie mich in der Zeit der Forschung sehr großzügig unterstützt. Den Mitgliedern, besonders dem Ökonomen der Gemeinschaft, Michael Müller, danke ich dafür sehr. Eine sommerliche Zeit in meiner Heimat Hechingen, für die ich ebenso wie für die bleibende Unterstützung meiner Mutter und meiner Familie danke, hat mir den äußeren Abschluss der Arbeit ermöglicht. Das Personenregister wurde von Frau Elisabeth Kellner, Hermann Egl, Helmut Saure und Pfr. Josef Müller erstellt, denen ich ebenfalls danke.
Theologisch inspirierend und weiterhelfend hat von Anfang an vor allem Prof. Dr. habil. Ludwig Weimer diese Arbeit begleitet. Prof. DDr. Rudolf Pesch hat die Mühe auf sich genommen, mein Arbeiten mit präziser Fachkritik voranzubringen. In unterschiedlicher Weise verdanke ich deswegen beiden sehr viel. Prof. Dr. Michael Schulz, Bonn, danke ich besonders, dass er von Anfang an bereit war, die Arbeit zu betreuen. Er hat auch das Erstgutachten, Prof. Karl Heinz Menke das Zweitgutachten für die Fakultät erstellt; beiden danke ich für ihre kritische Prüfung und ihre Anregungen, den Mitgliedern der Katholisch-Theologischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn für die Annahme der vorliegenden Arbeit als Habilitationsschrift.
Für Druckkostenzuschüsse, ohne die das Vorhaben der Publikation schwerlich zu realisieren gewesen wäre, bin ich der Erzdiözese Freiburg, dem Bistum Augsburg, der Deutschen Bischofskonferenz so wie der Geschwister Boehringer Ingelheim Stiftung für Geisteswissenschaften zu aufrichtigem Dank verpflichtet. Herrn Dr. Zwank vom Verlag Pustet danke ich für die hervorragende Zusammenarbeit bei der Drucklegung.
Rom im Januar 2009