Vorwort zur 8., veränderten Auflage
Als »Christliche Ikonographie in Stichworten« 1973 zum ersten Mal bei Koehler & Amelang in Leipzig erschien, war es notwendig, das Anliegen der Veröffentlichung zu begründen und zu erläutern:
»Kunstwerke sind abhängig von den politischen, ökonomischen, sozialen und ideologischen Bedingungen ihrer Entstehungszeit. Sie spiegeln immer eine konkrete historische Situation wider, auch dann, wenn die Themen bildlicher Darstellungen durch Mythologie oder Religion festgelegt sind und sich die Bildformen über längere Zeit hinweg nicht zu verändern scheinen. Oft waren mythologische und christliche Themen nur das Gewand für aktuelle Aussagen [...] Um derartige Bedeutungen der Bildwerke zu erkennen und zu verstehen, bedarf es der Kenntnis der mythologischen und religiösen Thematik. Die Ikonographie als Kunde von den Bildinhalten ist dabei ein unerläßliches Hilfsmittel. Sie beschreibt die Bildinhalte aufgrund allgemein verbreiteter wie auch aufgrund erst durch die Forschung ermittelter literarischer Quellen. Die Quellen der christlichen Ikonographie sind die biblischen Bücher und deren Interpretationen durch kirchliche Schriftsteller sowie die Legenden der Heiligen. Sie umfaßt neben der Beschreibung von Personen und deren Handlungen auch die Bestimmung von Allegorien und Symbolen. Im weiteren Sinne erschöpft sich ihre Aufgabe aber nicht in der Erläuterung von Bildinhalten allein, vielmehr ist es auch ihr Anliegen, die darüber hinausgehende Bedeutung eines Bildes oder ganzer Bildzyklen, zum Beispiel deren Repräsentations- oder Erinnerungszweck, festzustellen. Für dieses Teilgebiet ikonographischer Forschung hat sich im Unterschied zur reinen Inhaltsbeschreibung der Begriff Ikonologie eingebürgert« (aus dem Vorwort zur ersten Auflage).
Es war die erste lexikalische Publikation zu dieser Thematik in der damaligen DDR und sollte auch die einzige bleiben. Ihre erste Neuauflage mußte zehn Jahre auf sich warten lassen, eine dritte war 1988 möglich, weil sich ein westdeutscher Partner zur Kooperation bereit gefunden hatte. Erst nach 1989/90 konnten Nachauflagen unbehindert erfolgen, für die Autoren eine große, aber nicht uneingeschränkte Freude. Zum einen mochten sie darin eine Anerkennung ihrer Arbeit sehen, zum anderen aber wußten sie, daß die unveränderten Nachdrucke nicht mehr dem Entwicklungs- und Forschungsstand von Ikonographie und Ikonologie entsprachen, das Buch also dringend einer Neubearbeitung bedurfte. So wurden nun jüngere Forschungen berücksichtigt, neuere Literatur sowie zusätzliche Stichwörter in das Buch aufgenommen, in begrenztem Umfang, um seinen Charakter nicht zu verändern und seinen Rahmen, der sich als brauchbar erwiesen hat, nicht zu sprengen. Verlag und Autoren hoffen dennoch, daß die Benutzer des Buches, im wesentlichen Studenten der Kunstgeschichte und der Theologie sowie interessierte Laien, wie bisher durch die knappen, alphabetisch geordneten Stichworte über die christlichen Bildthemen in kürzester Form informiert werden. Nach wie vor gilt: »Die Stichworte umfassen die biblischen Bildbereiche des Alten und des Neuen Testaments, die Erscheinungsformen der Christus- und Marienbilder, die Heiligen und ihre Attribute sowie Allegorien und Symbole. Die Anzahl der behandelten Heiligen ist notwendigerweise beschränkt. Berücksichtigt werden in erster Linie die für die Kunstgeschichte wichtigsten Heiligen und heiliggesprochene Personen der Kirchengeschichte. Darüber hinaus sind in den Attributartikeln noch weitere Heilige als Attributträger genannt, so daß dadurch die Zahl der tatsächlich aufgenommenen erweitert ist. Die Autoren waren bestrebt, aktuelle Bedeutungszusammenhänge, also ikonologische Bezüge anzudeuten. Als literarische Quelle wird im wesentlichen die Bibel angeführt, die wir, abweichend von den meisten bisher vorliegenden ikonographischen Lexika, nach der Lutherschen Übersetzung zitieren. Bei den Legenden der Heiligen verweisen wir auf die Legenda aurea des Jacobus de Voragine in der Übersetzung von Richard Benz« (aus dem Vorwort der ersten Auflage).
Von den Standardlexika sind das Unternehmen von Engelbert Kirschbaum, »Lexikon der christlichen Ikonographie« (LCI), und das »Lexikon der Kunst« abgeschlossen, und es empfiehlt sich, diese gleichfalls zu Rate zu ziehen, ebenfalls, soweit sie vorliegen, die Bände des »Reallexikons zur deutschen Kunstgeschichte« (RDK) und die ersten Lieferungen des »Lexikons der christlichen Ikonographie« von Hans Aurenhammer.
An der Neubearbeitung war bis zu ihrem frühen Tod nach schwerer Krankheit im Herbst 1990 unsere verehrte Freundin und Kollegin Hannelore Sachs unermüdlich beteiligt. Sie war der eigentliche Spiritus rector der Publikation, ihrer und des Verlegers Initiative war das Zustandekommen des Buches seinerzeit zu verdanken. Inzwischen ist die 7., überarbeitete Auflage, die 1998 bei Koehler & Amelang erschienen war, schon seit längerem vergriffen. Dankenswerterweise und zu unserer großen Freude hat der Verlag Schnell & Steiner in Regensburg die Weiterführung von „Christliche Ikonographie in Stichworten" übernommen, so daß nunmehr die 8., veränderte Auflage als „Wörterbuch der christlichen Ikonographie" vorgelegt werden kann.
Helga Neumann Wernigerode
Ernst Badstübner Greifswald