Vorwort
Nach der Veröffentlichung der Atemschulung1 in der ich über die in Deutschland am häufigsten vertretenen Atemrichtungen und ihre Inhalte geschrieben habe und zahlreiche Vorschläge zu Übungen machte, erhielt ich aus allen Regionen Deutschlands, aus Österreich und der Schweiz Anfragen von interessierten Lesern2.
Es handelt sich um Menschen, die das richtige Atmen erlernen möchten, von der Vielzahl der Angebote irritiert sind und bei der Arbeit an ihrem Atem nicht weiterkommen. Auch Menschen mit krankhaften Atemstörungen bis hin zu Bronchitis, Asthma und Emphysem wenden sich an mich bzw. mein Institut für Atemtherapie, Atemunterricht und Sprechtechnik-3. In fast gleichem Ausmaß kommen ratsuchende Musikstudenten - Instrumentalisten (insbesondere Bläser) und Sänger - sowie bekannte, bereits im Beruf stehende Musiker dieser Sparten zu mir.
Viele Studierende haben mit ihren hochqualifizierten Instrumental- und Gesangspädagogen hinsichtlich der ihnen zu vermittelnden Atemtechnik Probleme. Diese Tatsache war für mich der Anlaß, die Ansichten berühmter Gesangs- und Instrumentalpädagogen zu den Themen Atmung, Haltung, Stimmstütze zu studieren. Mit Überraschung stellte ich fest, daß alle - ohne Ausnahme - über die negativen Auswirkungen einer nicht vorhandenen Grundschulung in Atemtechnik klagen, was sich bei Sängern und Instrumentalisten in einer Vielzahl von Gesundheitsschädigungen zeigt und zu einer Verschlechterung ihrer Leistungen durch falsche Stützmethoden führen kann.
Von Sängern und Instrumentalisten werden dieselben Fragen wie von Atemkranken gestellt: Wie atme ich richtig? Wo finde ich Anweisungen für das individuelle praktische Üben? - Nun ist es soweit! Mit diesem neuen Buch kann ich die erwarteten Antworten geben. Die vorliegende Grundschulung in Atmung, Haltung und Stimmstütze ist als Ergänzung und Fortsetzung meines Buches Atemschulung zu betrachten. Es geht zunächst darum, daß und wie der Lehrer bei jedem einzelnen Schüler (auch bei Gruppenarbeit) die bei jedem anders verlaufenden, individuellen Fehlatmungsformen feststellt, die sich von Jugend an als Atemmuster entwickelt haben.
Anschließend kann ein Arbeitsprogramm zusammengestellt werden, um somit dem Schüler zu helfen, seine Fehlatmung auf eine richtige Atmungs-, Haltungs- und Stützarbeit umzustellen. Das Buch versetzt aber auch jeden in die Lage, sich in seinen individuellen Fehlatmungsformen s e l b s t zu erkennen und herauszufinden, welcher Weg eingeschlagen werden muß, um über die richtige Zwerchfellatmung - die Atmung der Mitte - zu einem seelischen und körperlichen Gleichgewicht und zu besseren Leistungen im Beruf zu gelangen.
Die angegebenen Übungsfolgen sind für j e d e n Menschen wichtig. Besonders notwendig sind sie für die mit dem Atem arbeitenden Gesangs-, Instrumental- und Schauspielschüler und sogar für schon länger im Beruf stehende Künstler, die trotz ihrer Erfolge über nicht mehr genügend mitarbeitende Atemmuskeln verfügen. Dies kann z.B. nach Operationen der Fall sein, aber auch durch nach jahrelanger Gesangs- und Spielarbeit sich oft einstellende Verhärtungen der das Zwerchfell umgebenden Muskeln (z. B. Zwerchfelltiefstand durch Tonnenbrustkorb oder Zwerchfellhochstand durch allzu enge Taille). Auch bei leichteren Atemwegserkrankungen können die Übungen angewandt werden.
Vor zwei Dingen muß ich warnen: Der Atem ist nicht nur ein hilfreiches Instrument, sondern birgt auch sehr große Gefahren in sich, wenn wir z. B. plötzlich ein Zwei-bis-Drei-Minuten-Atemprogramm durchführen, wie es oft in den Illustrierten angeboten wird. Die Folgen können in Überventilationserscheinungen bestehen, wie sie auch bei dem allgemeinen Trend des mehr Ein- als Ausatmenwollens auftreten, in Herz- und Kreislaufstörungen oder einer Verschlimmerung von nervösen Atemstörungen. Die zweite Warnung gilt den Menschen, die sich Atemübungen aus Büchern aus dem asiatischen Raum auf ihre Kurz- und Fehlatmung aufpfropfen.
Die Atemschule ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil gehe ich zunächst auf die Anatomie und Funktion der an einer natürlichen Atmung beteiligten Organe und Muskeln ein, im speziellen auf den nach Julius Parow wichtigsten Atemmuskel - das Zwerchfell - und die damit verbundene richtige Haltung, um im späteren Verlauf die Bedeutung des Muskeltrainings besser verständlich machen zu können. Im zweiten Teil folgen aus den vergriffenen Büchern von J. Parow - Stimmschulung und Die Heilung der Atmung - zusätzliche wichtige Übungen insbesondere für Sänger. Im dritten Teil, einer Anthologie zum Thema "Atmung - Haltung - Stimmstütze", bringe ich Auszüge aus Büchern berühmter Gesangs- und Instrumentalpädagogen, die die gleichen Ansichten zur Atemführung wie Parow und ich vertreten. Diese Atemschule, die sich zu den meisten gängigen Atemlehren diametral entbewußt gegengesetzt verhält, kann zur richtigen "Stütze" beim Gesang, Instrumentalspiel und Sprechen verhelfen.
Beim Zusammenstellen dieses Buches kam es besonders darauf an, die in meinem Institut sonst mit jedem einzelnen Schüler oder Patienten individuell durchgeführte Arbeit nun in schriftlicher Form lebendig und allgemein verständlich zu vermitteln. Ich danke daher der Leiterin des Geschäftsbereiches meines Instituts, Liselotte Ruckteschler, daß sie auch bei diesem Buch die schwierige Aufgabe übernommen hat, das gesprochene Wort in einen geschriebenen Text umzusetzen.
Ich danke Frau Dr. med. Dagmar Adler von Webel, Ärztin mit Naturheilverfahren, für ihre Unterstützung; außerdem Herrn Ulrich Sebastian Becker, praktischer Arzt mit Naturheilverfahren, der mir als Mitarbeiter und Berater zur Seite steht.
Mein besonderer Dank gilt dem damaligen Dekan der Folkwang-Hochschule Essen, Herrn Prof. Pierre W. Feit, der sich dafür eingesetzt hat, daß in Essen - als erster Musikhochschule in Deutschland - das von mir vertretene System der Parowschen Grundschulung in Atemtechnik für Instrumentalpädagogen (Spezialgebiet "Bläser") 1993 eingeführt werden konnte.
| Mein weiterer Dank ist gerichtet an | |
| - | Prof. Dorothea Wirtz, lyrische Koloratursopranistin, Gesangspädagogin und Atempädagogin nach Parow, für die praktische Umsetzung der Stimmschulung von Parow auf dem Gebiet der Gesangspädagogik in meinem Weiterbildungsunterricht und in diesem Buch, | |
| - | Petra Koch, Blockflötistin und Instrumentallehrerin (speziell für Kinder) sowie Atempädagogin nach Parow, | |
| - | Dr. med. Edith Spieker-Devonish und Dr. med. Marlies Heuser, Ärztinnen und Atemtherapeutinnen nach Parow, für ihre Mitarbeit in meinen Weiterbildungslehrgängen und | |
| - | Gerhard Brülls, Saxophonist und Atempädagoge nach Parow. | |
Bedanken möchte ich mich auch bei dem Verlag Schott Musik International und seinem Lektorat.
Abschließend noch einige Worte zu meiner Person: Ursprünglich war ich Schauspielerin für klassische Rollen (Ausbildung an der Düsseldorfer Hochschule für Bühnenkunst unter Louise Dumont-Lindemann). Vor dem Krieg habe ich an den größten Theatern gespielt. Angebote nach dem Krieg, wieder in meinem Beruf zu arbeiten, schlug ich aus. Ich wollte mich erst einmal selbst finden. Krieg und Tod meiner Kinder hatten bei mir viele Wunden hinterlassen und Panzerungen hervorgerufen, aus denen ich mich dank des geführten Atems befreien konnte. Ich verweise hier auf den Beitrag Die willentlich bewußte Atmung von Adolf Hoff4, der am besten erklärt, was die bewußte Atmung bewirkt. Als ehemalige Schauspielerin mit zusätzlichem Klavier- und Gesangsstudium wuchs meine Liebe zur Musik. Als Schülerin von J. Parow - aus der Zeit seiner Arbeit in den Sanatorien mit Asthma- und Emphysemkranken (1958) - übernahm ich nach seinem Tod (1985) die Weitergabe seiner Lehre. Mit großem Erfolg habe ich Diavorträge und Einführungsseminare gehalten an der Folkwang-Hochschule in Essen (an der ich nach drei Semestern meinen Lehrauftrag in Atemtechnik beendete, um die Nachfragen anderer Musikhochschulen befriedigen zu können) sowie an den Musikhochschulen Freiburg, Trossingen und Basel, an der Akademie für Tonkunst Darmstadt, der Musikschule Leverkusen und in meinem Institut für Atemtherapie, Atemunterricht und Sprechtechnik in Düsseldorf.
1 | M. Scheufele-Osenberg 1987 | |
| 2 | Begriffe wie "Leser", "Student", "Lehrer" etc. sind im gesamten Buch geschlechtsneutral verwandt. | |
| 3 | Institut für Atemtherapie, Atemunterricht und Sprechtechnik, Bruchstraße 13-15, 40235 Düsseldorf; siehe auch Kap. "Weiterbildung". | |
| 4 | A. Hoff: Die willentlich bewußte Atmung, in: M. Scheufele-Osenberg 1994 | |