Liebe und Tod - zwischen diesen beiden Polen lebte und arbeitete der Dichter Rainer Maria Rilke.
Er selbst bezeichnete sich zeitlebens als rast- und heimatlos, lebenslang auf einer Pilgerschaft mit dem Ziel, die Dinge des Lebens zu ergründen.
Er kreist »um Gott, um den uralten Turm« - und ringt um Selbstverwirklichung, um die Wurzel der Worte.
Seine Poesie ist gelebte Spiritualität, Spiritualität auf der Suche nach dem Rätsel des Daseins, eine Form der individuellen Frömmigkeit.
Liebe und eheliche Gemeinschaft begreift Rilke als Aufgabe zum Wächter der Einsamkeit des anderen zu werden, sodass der Mensch ungehindert wachsen und sich entfalten kann. Reine Liebe kann nur besitzlose Liebe sein.
Für Rilke gehört es zu den großen Lebensaufgaben des Menschen, sich mit dem Tod anzufreunden und ihn nicht aus dem Leben zu verbannen.
Für Rilke ist dies die Voraussetzung für ein bewusstes und intensives Leben: Tod als eine andere Wirklichkeit, als Geheimnis, das Geheimnis bleiben will, und eine Grenzerfahrung, die die Verbindung zum Toten nicht zerstören kann.
So schrieb Rilke vor 100 Jahren, Ende Oktober 1908, das »Requiem für eine Freundin«, das er der Malerin Paula Modersohn-Becker widmete, die am 21. November 1907 im Alter von 31 Jahren in Worpswede nach der Geburt ihrer einzigen Tochter an einer Embolie gestorben war. Dieses Requiem wurde zu einem Dialog mit der toten Künstlerfreundin, in dem er seine Trauer verarbeitet und seinen Dank zum Ausdruck bringt.
Liebe und Tod - von diesen beiden Polen erzählen auch die manchmal beseelt wirkenden Engel und Skulpturen in diesem Buch, sie erzählen von der Endlichkeit und gleichzeitig von der Unendlichkeit der Liebe, die unser Leben so kostbar und wertvoll machen.
In diesen Figuren wird das Leben weitergedacht, denn sie sprechen vom Tod als Wandlung zwischen den Welten, als Hoffnung auf lichte Fernen oder wie Rilke 1924 zwei Jahre vor seinem Tod, schreibt:
»Irgendwo blüht die Blume des Abschieds und streut immerfort Blütenstaub, den wir atmen, herüber; auch noch im kommendsten Wind atmen wir Abschied«
Gabi Anna Müller