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Astrosophie I
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VORSPRUCH



Es ist ein holder, freundlicher Gedanke,
Daß über uns in unermeßnen Höhn
Der Liebe Kranz aus funkelnden Gestirnen,
Da wir erst wurden, schon geflochten ward.
Doch was geheimnisvoll bedeutend webt
Und bildet in den Tiefen der Natur,
Die Geisterleiter, die aus dieser Welt des Staubes
Bis in die Sternenwelt mit tausend Sprossen
Hinauf sich baut, an der die himmlischen
Gewalten wirkend auf und nieder wandeln,
Die Kreise in den Kreisen, die sich eng
Und enger ziehn um die zentralische Sonne -
Die sieht das Aug' nur, das entsiegelte,
Der hellgebornen, heitern Joviskinder.
O! nimmer will ich jenen Glauben schelten
An der Gestirne, an der Geister Macht.
Nicht bloß der Stolz des Menschen füllt den Raum
Mit Geistern, mit geheimnisvollen Kräften,
Auch für ein liebend Herz ist die gemeine
Natur zu eng, und tiefere Bedeutung
Liegt in den Märchen meiner Kinderjahre
Als in der Wahrheit, die das Leben lehrt.
Friedrich Schiller




VORWORT


Warum Astrosophie?


In den letzten 400 Jahren sind alle Wissenschaften, Naturwissenschaften wie Geisteswissenschaften, Philosophie wie Theologie, in die Sackgasse eines intellektuellen Materialismus hineingeraten. Eine tragische, geistige Verfinsterung verbarg dem Menschen sein wahres Wesen. Erst in den letzten Jahrzehnten beginnt sich dieses Dunkel zu lichten. Die Alleinherrschaft eines gegenständlich veräußerlichten Bewußtseins wird von immer mehr Menschen als Illusion durchschaut, welche uns die wahre Wirklichkeit verdunkelt. Besonders deutlich manifestiert sich der Strukturwandel des europäischen Geistes in der Entfaltung neuer Wissenschaften wie Atomphysik, Parapsychologie, Tiefenpsychologie auf kosmischer Grundlage und Astrosophie. Dinge, die im Bewußtsein des abendländischen Menschen seit den Tagen Platons verblaßten und vergessen wurden, tauchen heute wieder auf. Es ist keine Frage: Der westliche Mensch ist auf dem Wege zu einem geweiteten, umfassenden, kosmischen Bewußtsein, vollzieht einen neuen Durchbruch in die Sphäre des Überbewußtseins.

Auf mich persönlich wirkte die Vertiefung in die esoterische Astrosophie bahnbrechend im Sinne eines kosmisch-supramentalen Bewußtseins. Seit dem Jahre 1927 erschloß sich mir zuerst in lebendig-imaginativer Anschauung die überwältigende Erkenntnis vom makrokosmischen Wesen des Menschen.

Zu allen Zeiten haben hervorragende und erleuchtete Geister jene umfassende, geistige Entsprechungslehre gekannt, die Mikrokosmos und Makrokosmos in lebendigem Zusammenhang erfaßt. Dieses Wissen geht von Pythagoras, Heraklit, Platon, Plotin über Hildegard von Bingen, Albertus Magnus, Thomas von Aquin, Dante bis zu Leonardo da Vinci, Melanchthon, Paracelsus, Kepler und reicht weiter bis zu Goethe und Novalis. Erst im Jahre 1835 wurde der letzte Lehrstuhl für Astrologie in Deutschland an der Universität Erlangen aufgehoben. Der Rationalismus und die einseitig naturwissenschaftlich-technische Geisteshaltung des 19. Jahrhunderts hatten kein Verständnis mehr für die großen kosmosophischen Zusammenhänge. Die uralte Erkenntnis vom makrokosmischen Wesen des Menschen war verlorengegangen. Heute aber vollzieht sich durch die Weitung unseres Bewußtseins ins Kosmische auch eine Wiedergeburt der echten Sternenweisheit. Insbesondere vermag eine aus ihren spirituellen Grundlagen heraus neu gestaltete Astrologie zu einer umfassenden kosmischen Signaturenlehre zu werden, die als Astrosophie vor allem geeignet ist, den geistlosen Rationalismus der heutigen Zeit zu überwinden und eine kulturell wichtige Brücke zwischen Wissenschaft und Religion zu bilden.

Bei der echten Astrologie, mit der wir uns allein befassen, handelt es sich um eine mythisch-symbolische Denkform, die eine tiefere Schicht der Wirklichkeit erfaßt als das kausal-naturwissenschaftliche Denken. In die Tiefen des Seins dringt nur das mythisch-symbolische Denken und auf höherer Ebene die geistig-übersinnliche Schau.

Die neuesten Erkenntnisse auf dem Gebiet der Atomphysik und der Parapsychologie haben den modernen Forschern den Weg gebahnt zur Wiederentdeckung der uralten Lehre von der Mehrdimensionalität von Mensch und Kosmos. Die dreidimensionale physische Wirklichkeit erweist sich uns dabei als Spezialfall einer höher dimensionierten Wirklichkeit, als Hülle eines feineren, ätherischen Organismus, der seinerseits von einem noch feineren seelisch-astralen Gebilde umgriffen wird, das eingebettet ist in eine geistige Kraftatmosphäre. Das gilt für das All, für den Mikro- wie für den Makrokosmos, für die atomaren Kleinwelten wie für die makrokosmischen Sternsysteme.

Diesen verschiedenen Schichten in Mensch und Welt, jeder Ebene des Daseins wollen wir gewähren, was ihr zukommt. Der physischen Ebene gehört die materielle Welt an, der ätherischen Ebene die Welt der Lebenskräfte, der Astralebene die Seelenwelt, der Mentalebene das Reich der Gedanken, der supramentalen Welt dagegen gehören wir selber an mit unserm kosmisehen und überkosmischen Bewußtsein. Aus einem geistig-übersinnlichen Schauen, aus dem ins Kosmische geweiteten Überbewußtsein des Menschen ist alle echte Astrologie und Astrosophie zuletzt entstanden.

Die Astrosophische Schau, welche uns den Makrokosmos als großen, lebendigen Organismus und den Menschen als in diese Geistzusammenhänge eingewobenen Mikrokomos erleben läßt, repräsentiert die untere Ebene des kosmischen Überbewußtseins. Ein richtig gedeutetes Horoskop zeigt uns die eigene höhere Lebensführung auf. Wir erkennen darin unsere geistig-kosmische und individuell-irdische Veranlagung. Es geht uns auf, daß dieselben Faktoren, welche unseren Charakter bestimmen, auch unser Schicksal fügen. Diese Zusammenschau von innerer Veranlagung und scheinbar von außen kommendem Schicksal vermittelt uns einen Tiefblick, wie ihn keine menschliche Psychologie zu geben vermag. Wir überschauen unser Leben von einer höheren Warte und erkennen den inneren Zusammenhang unseres Wesens und Schicksals. Dadurch gewinnen wir Abstand von uns selbst. Solche Selbst- und Schicksalserkenntnis erhebt uns über unser niederes Ich und gibt uns die Möglichkeit, unser Leben im Sinne unseres höheren Selbstes zu gestalten.

Die Gestirnskonstellation unserer Geburt gehört also zu uns, wie unser Körper, unser Seelenwesen, unser Temperament zu uns gehört. Wir sind abhängig von unserm Körper, unserm Seelenwesen, unserm Temperament, unserer Gestirnung, aber keineswegs dadurch restlos determiniert. Der Mensch ist auch noch mehr als seine Gestirne. Denn die untere Ebene des kosmischen Überbewußtseins wird überhöht durch die obere Ebene des überkosmischen Überbewußtseins. Der Mensch überragt mit seinem innersten Wesen den gesamten Kosmos, reicht durch alle kosmischen Sphären bis in den Urgrund Gottes hinein. L'homme passe l'homme infiniment, "Der Mensch ragt unendlich weit über den Menschen hinaus", sagt schon der große französische Mathematiker Pascal.

Das Kraftfeld des Lebens wird, je höher wir geführt werden, um so gesättigter mit Geisteskraft. Die Erkenntnisse werden größer, umfassender und die Liebe hingebender. Je stärker das Gottes-Ich in uns aktiv wird, das aus einer Sphäre ewigen Lebens stammt, die über allen Sternenkräften waltet, um so mehr wird der Mensch zum Meister seines Schicksals. Da wird zuletzt, wie der Apokalyptiker Johannes es schaut, der Menschensohn in uns geboren, dessen Antlitz wie die Sonne leuchtet und der als Lenker der Planetenkräfte die sieben Sterne in seiner Hand trägt. Dieser Weg zur Gotteinigung, zur unio mystica, ist im Horoskop verankert. Denn es ist ein ganz persönlicher Weg, verschieden nach Veranlagung und Schicksal bei jedem Menschen. Alles astrosophische Weistum, jede recht verstandene Horoskopdeutung soll nur Mittel sein zur wahren Selbst- und Schicksalerkenntnis auf dem Wege zu jenem höchsten Ziel der Gotteinigung.

Wir dürfen als Christen also im Horoskop nicht hängen bleiben, müssen aufsteigen aus dem kosmischen Bewußtsein mit seinen lichten und dämonischen Geisterhierarchien in das überkosmische Lichtbewußtsein des Urkosmos und der reinen Engelwelt, um uns zuletzt zu einen mit dem überkosmisch-supramentalen Wahrheitsbewußtsein des göttlichen Logos. Da erst, im Urgrund der Urbilder, im unerschaffenen Licht, hat unser höheres Ich seinen Urständ gefunden in Gott.

In diesem Sinne hat auch Dante die Astrologie aufgefaßt und vertreten, wenn er sagt:

"Gott hat seine Lenkerweisheit
Als Kraft den großen Sternen mitgeteilt.
Nicht nur der Wesen Sein ist vorgebildet
Im Geiste dessen, der vollkommen ist,
Nein alles, was sie tun und auch ihr Heil.
Wohl lenkt der Himmel eures Tuns Beginn,
Doch auch nicht ganz, und selbst gesetzt, es sei,
Bleibt euch Erkenntnis doch von Bös und Gut.
Als Freie folgt ihr einer höhern Macht
Und besseren Natur, und diese schafft
Den Geist in euch von Sterneneinfluß frei."
(Paradiso VIII, 98 - 102 und Purgatorio XVI.)

Oberstdorf (Allgäu), Ostern 1969 Arthur Schult




 
   


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