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Biotopverbund
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Vorwort

Biotopverbund - ein relativ neues Schlagwort macht im Naturschutzfurore. Wissenschaftler wie Praktiker, Mitarbeiter der Behörden und der ehrenamtlichen Verbände, Planer und Politiker greifen es zunehmend auf. Alle ernsthaft Interessierten sehen in dem Konzept zum Biotopverbund einen ganz entscheidenden Schlüssel, der dem Naturschutz endlichflächendeckend zu wirklichen Erfolgen verhelfen kann.

Diese wären bitter nötig, stellen doch bisherige Bilanzen dem Naturschutz leider ein schlechtes Zeugnis aus: Die Roten Listen der gefährdeten Tier- und Pflanzenarten wachsen, Tagfür Tag verschwinden weitere natürliche und naturnahe Lebensräume von der Erdoberfläche; Bodenerosion, Luft- und Wasserverschmutzung greifen zunehmend um sich. Landschafts- und Naturschutzplanung, die theoretisch geeignete Gegenmaßnahmen entwickeln undforcieren müßten, lassen teilweise die nötige Sachkunde und Konsequenz vermissen. Die bisher vielfach herrschende Beschränkung des agierenden Naturschutzes auf die Ausweisung von Naturschutzgebieten unter Vernachlässigung der Restflächen - immerhin über 98% des Areals der Bundesrepublik Deutschland - erwies sich alsfehler, zumal auch die Flächensicherung nicht einmal halbherzig verfolgt wurde.

Das Konzept zum Aufbau von Biotopverbundsystemen erhebt Naturschutzansprüche auf der Gesamtfläche, die in ihrer Intensität abgestuft sind: Eineflächendeckende Nutzungsminderung gehört ebenso untrennbar zu einer wirkungsvollen Strategie wie der Aufbau eines Schutzgebietssystems mit großflächigen Arealen im Bereich von 200 bis mehreren tausend Hektar Größe. Dieses wird ergänzt und verbunden durch die Ausweisung kleinerer punktueller Trittsteinbiotope und deren Verbund untereinander durch lineare Korridorbiotope. Diefunktionsweise des Verbundmodells verglich die Landesanstaltfür Ökologie Nordrhein-Westfalen jüngst mit dem menschlichen Blutgefäßsystem:funktionieren wird es nur, wenn der Körper - und entsprechend die gesamte Landschaft - intakt ist und nicht überstrapaziert wird.

Das vorliegende Buch stellt einen ersten Versuch dar, die vielfältigen Grundlagen und Informationen aus Wissenschaft und Praxis so zusammenzufassen, daß es vor allem dem im Naturschutz Handelnden das nötige Know-how vermittelt. Ein Thema, das sich noch derart stark in der Entwicklung befindet wie der Biotopverbund, das genügend Zündstofffür Diskussionen und Kontroversen bietet, läßt sich noch nicht auf eine objektiv gültige Linie bringen. Diese Zusammenstellung will den aktuellen Kennstnisstand dokumentieren, damit zu aktivem Handeln und zu tiefergehenden wissenschaftlichen Untersuchungen anregen und eine Plattformfür den künftigen Dialog liefern.

In den ersten Kapiteln wird die Ausgangssituation zusammengefaßt, die Inseltheorie und die Isolationswirkung vor allem der Straßen dargestellt sowie die Ökologie von Habitatinseln beleuchtet. Esfolgt die Einführung in die Grundideen des Biotopverbunds, anschließend eine Beschreibung der Möglichkeiten, entsprechende Vorhaben in etablierte Planungsabläufe zu integrieren. Ausführlich werden die einleitende Biotopkartierung als Grundlage der Planung, die Anforderungen an den Aufbau eines Schutzgebietssystems - hier insbesonderefragen der Mindestgrößen - und anhand ausgewählter Beispiele die Praxis des lokalen Verbunds durch Trittsteine und Korridore geschildert.flächendeckende Extensivierung und die Diskussion grundsätzlicher Kritik bis hin zu Aufgabenfür künftigeforschungen runden den Themenkreis ab. Ein umfassendes Literaturverzeichnis bietet die Möglichkeit, noch tiefer in die jeweilige Thematik vorzudringen.

Entstanden ist das Buch aus meiner jahrelangen Tätigkeit im Naturschutz, nicht zuletzt aus meiner Unzufriedenheit mit dem bisher Erreichten aus der Erkenntnis, daß nur ein gründliches und schnelles Umdenken - auch und vor allem in der Politik - den Durchbruch bewirken kann.

Herrn Prof. Dr. Herbert Sukopp, Institutfür Ökologie der Technischen Universität Berlin, danke ichfür das Lesen des Manuskriptes und viele wertvolle Hinweise, die das Konzeptfür dieses Buch und das Manuskript zu einer möglichst praxisnahen Handreichung ausreifen ließen. Dank gebührt auch Herrn Roland Ulmerfür das entgegengebrachte Vertrauen und die gute Ausstattung des Bandes, ebenso Herrn Dr. Steffen Volk als Lektorfür die angenehme Zusammenarbeit. Nicht zuletzt danke ich meinerfrau, Leonie Jedicke, herzlichfür ihre Mithilfe bei den Literaturrecherchen und beim Redigieren des Manuskriptes.


Wettenberg, im Januar 1990 Eckhard Jedicke



Zur 2. Auflage

Das Thema Biotopverbund gewinnt zunehmende Aktualität. Vier Jahre nach Erscheinen der ersten Auflage wurde bereits eine Neuauflage notwendig. Sie gab die Gelegenheit, durch eine umfassende Neubearbeitung auch jüngste Erkenntnisse und Erfahrungen aus Wissenschaft und Praxis einzuarbeiten. Erweitert und teils neu aufgenommen wurden u. a.folgende Bereiche:
• ökologische Grundlagen über die Inseltheorie hinaus mit dem Mosaik-Zyklus-Konzept als Begründungfür die Forderung nach dynamischem Naturschutz, dem Mosaikkonzept als Erklärungsmodellfür hohe Artenzahlen in einer kleinkammerig gegliederten Kulturlandschaft sowie den Modellen der Metapopulation und des MVP-Konzepts;
• Bedeutung und Anwendung von Biotopverbund-Maßnahmen exemplarisch für Pflanzen und ausgewählte Tiergruppen, um die je nach Artengruppe unterschiedlichen Bedürfnisse zu verdeutlichen;
• Schutzgebiete, insbesondere die Sicherung von Natur- und Waldschutzgebieten;
• Extensivierung derflächennutzung in Land- undforstwirtschaft sowie bei Eingriffsvorhaben.
Schließlich ließ die Wiedervereinigung eine Ergänzung und Aktualisierung vieler Zahlenangaben notwendig werden.

Gedankt sei allen, die durch kritische Anmerkungen und Verbesserungsvorschläge halfen, diese momentane Bestandsaufnahme des Kenntnisstandes weiter ausreifen zu lassen. Auch in Zukunftfreue ich mich über konstruktive Kritik.

Leider bleiben viele in den letzten Jahren aufgestellte Biotopverbund-Konzep- Biotopverbund-Konzepte in ihrem Anfangsstadium stecken und legten sich einefalsche, ja schädliche Selbstbeschränkung auf Korridor- und Trittsteinbiotope auf. Die Bedeutungflächendeckenden Agierens des Naturschutzfür den Erfolg nahezu sämtlicher seiner Bemühungen ist zwar in der Theorie allgemein anerkannt - doch in der Praxis wird diese Erkenntnis noch nicht umgesetzt. Landnutzung und Naturschutz müssen unter einen Hut gebracht werden, auch damit die einzelnen Naturschutzobjekte - ob Großschutzgebiete, Trittsteinbiotope oder lineare Landschaftselemente - langfristig lebensfähig werden und bleiben. Naturschutz muß viel stärker und offensiver als bisher bei derflächennutzung in Land- undforstwirtschaft mitreden.

Ein zweiter Schwerpunkt muß in der Entwicklung und Umsetzung dynamischer Schutzkonzepte liegen: Naturschutz darf nicht allein in statischen Dimensionen verharren und - mit teils hohem Pflegeaufwand - permanent gegen die natürliche Sukzession arbeiten, um Natur in einem Wunschzustandfestzuhalten. Stattdessen muß er, vorzugsweise auf großenflächen mit Totalschutz, die natürliche Entwicklung zulassen. Biotoppflege, wo sie als nötig erachtet wird, sollte in erster Linie Teil einer ökologisch und gleichzeitig ökonomisch gewinnbringenden Landnutzung sein.


Arolsen, im Januar 1994 Dr. Eckhard Jedicke



 
   


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