Vorwort
1831 beendete Goethe Faust. Der Tragödie zweiter Teil. Während Faust. Der Tragödie Erster Teil (1808) uneingeschränkt zum Nationalgedicht und bedeutendsten Werk der deutschen Literatur wurde, folgte dem Zweiten Teil der Ruf, ebenfalls ein bedeutendes Werk der deutschen Literatur zu sein, aber sich einer eindeutigen Erklärung zu entziehen. Goethe und sein Sekretär Eckermann bezeichneten es als "inkommensurabel" (nicht messbar, nicht vergleichbar). 1 Faust II stieß zuerst auf Unverständnis und Ablehnung, ehe man die Bedeutung erkannte und begriff, dass er ein Kompendium des zeitgenössischen Wissens, ein "verführerisches Modell des modernen Bewusstseins"2 ist. Den Zeitgenossen erschien es als "ein großes, kaum begreifliches Werk"3. Beide Teile des Faust gehören zusammen, sind aber auch selbstständig. Insofern sind diese Erläuterungen eine Fortsetzung der Erläuterungen zu Faust I, aber sie beschreiben auch die Eigenständigkeit von Faust II. Sie wollen die unterschiedlichen und bis heute immer neuen Interpretationen auf den Text zurückführen und so eine Basis für das Verständnis des Werkes geben.
Der Leser des Faust II muss sich auf Ansprüche an geistige Voraussetzungen, faktografisches Wissen und vielfältig erworbene Informationen einstellen. Sein Gewinn ist ein Einblick in Zeit- und Kulturgeschichte und die systematische Erweiterung des kulturhistorischen Wissens, das immer stärker zur Bewältigung medialer Prozesse benötigt wird. Das Wissen um die Geschichte naturwissenschaftlicher Entdeckungen der Neuzeit, Einblick und Verständnis für die europäische Zivilisationsgeschichte und ihre Bedrohungen werden vergrößert und erweitert.
Textgrundlage dieser Erläuterung ist die durchgesehene Reclamausgabe des Faust II von 2001 (RUB 2).
1 | Vgl. Lange. S. 330 und Hermann Meyer: Diese sehr ernsten Scherze. Eine Studie zu Faust II. Heidelberg 1970 | |
| 2 | Lange, S. 330 | |
| 3 | Eckermann am 20. Juli 1826 an Johanne Bertram. In: Bode, Bd. 3. S. 216 | |