Vorwort
Annette von Droste-Hülshoffs Judenbuche gehört zu den unverwüstlichen Schullektüren. Noch immer nimmt sie unter den meistgelesenen Texten im Deutschunterricht eine Spitzenposition ein. Vordergründig ist dies bedingt durch eine gewisse Zählebigkeit des literarischen Schulkanons, in dem sich die historischen Titel schon allein wegen ihrer didaktischen Erprobtheit besser behaupten als aktuelle Texte, die kaum eine Chance haben.
Umso dringender aber stellt sich daher die Frage, ob es sich hier um einen im Grunde veralteten Text handelt, den man aus Scheu vor Neuerarbeitungen weiterhin zum Gegenstand macht, oder ob Die Judenbuche noch historische Antworten auf aktuelle Fragen bereithält. Die Beantwortung dieser Frage setzt jedoch die Bereitschaft voraus, sich von lieb gewordenen Deutungsmustern zu lösen, vor allem aber, den heimatorientierten und religiösen Auslegungen mit einiger Skepsis zu begegnen.
Didaktisch problematisch ist weniger der Text selbst als seine Interpretationen. Im Grunde ist jedes literarische Werk für den Unterricht geeignet, das zeitgemäße Lesarten herausfordert, denn jede neue Generation ist aufgerufen, gerade die historische Literatur neu zu lesen, zumindest den Versuch zu wagen, neuen Sinn im alten Wort zu finden. Insofern versteht sich die vorliegende Erläuterung neben allen unabdinglichen Sacherklärungen auch als Annäherung an einen historischen Text aus aktueller Sicht. Daher liegt das Schwergewicht notwendig auf der Interpretation, die sich aber keineswegs als Dogma versteht, das wäre töricht, sondern als Anstoß. Gerade hier gilt das Novalis-Wort, dass der Leser der erweiterte Autor sein muss. Auch die Interpretation soll in diesem Sinne nicht festlegen, sondern dazu anregen, weitere Lesarten zu entwickeln. Ein lebendiger Literaturunterricht wird nur dort entstehen, wo sich Diskussionen entzünden. Deutungen, wie sie hier vorgelegt werden, verstehen sich als Initialzündungen für die produktive literarische Kommunikation.
Unverstellt von gängelnden Deutungsmustern, begegnet dem Leser in der Judenbuche eine Welt, in der der Mensch dem Mitmenschen fortgesetzt Gewalt antut, in der Egoismus, Engstirnigkeit und die Brutalität der Stärke herrschen. Heimat wird zum Alptraum, Frömmigkeit zur Heuchelei. Der erlittene Hass kulminiert im Selbsthass und pervertiert das christliche Gebot, den Nächsten wie sich selbst zu lieben. Verhindertes Wachstum und die Beschädigung des Einzelnen rufenAggression und Angst hervor.
Die Welt, lieb- und mitleidlos, in einer tiefen Wert- und Sinnkrise, ohne eine erkennbare humane Zukunft, beginnt, modern zu werden, nachdem die Träume von Freiheit und Humanität ausgeträumt sind und der Rausch des Ideals verflogen ist. Die Droste ist eine Dichterin auf der Schwelle zur Jetztzeit. Sie zeigt den Menschen verwickelt in eine Gesellschaft, die in der Unmenschlichkeit und Hoffnungslosigkeit stagniert. Übermächtig zu werden drohen die Verunsicherung und die Angst. Sinnlos scheinen Leben und Tod.
Die Judenbuche ist ein Krisenspiegel des modernen Menschen und zugleich Anstoß, kritisch nachzudenken über den unverzichtbaren Sinn von Heimat, Integration, Ich-Identität, Toleranz und Achtung vor dem Leben. Vielleicht fordert gerade die schonungslos objektive Darstellung der Krise des Menschen und der Menschlichkeit in der historischen Novelle dazu heraus, auch den aktuellen Gesellschaftszustand illusionslos unter dem Aspekt seiner Veränderungsbedürftigkeit zu betrachten.
Textgrundlage der Erläuterung ist die Reclam-Ausgabe der Judenbuche (RUB 1858). Seitenangaben aus der Judenbuche schließen sich der Leserfreundlichkeit wegen in Klammern unmittelbar an das Zitat an.