Vorwort
Goethes Dichtung stand von Anfang an im Zeichen einer rigorosen Erneuerung. Eine Erneuerung, die von Herder und Klopstock vorbereitet und eingeleitet worden war und von Goethe vollendet wurde. In der Lyrik besannen sich die jungen Dichter des Sturm und Drang auf die Volksdichtung und die Volkslieder, außerdem auf eine Naturlyrik von neuer Qualität. Eine Liebeslyrik voll natürlicher Sinnlichkeit, Erotik und Sexualität war ebenfalls kein Tabu mehr. Nicht zufällig wurde das Heidenröslein (1771) zu einem der bekanntesten deutschen Gedichte und Lieder, obwohl umstritten ist, ob das Lied ein so großes Publikum verdient und nicht vielleicht zu brutal ist (siehe S. 33 der vorliegenden Erläuterung). Das Heidenröslein gehört in eine Zeit, in der der junge Goethe bereits eine Lyrik schrieb, die eine grundsätzliche Bedeutung für die Geschichte der deutschen Literatur haben sollte. Darüber sind sich die Literaturwissenschaftler, bei aller Differenzierung, einig. Die konventionelle und verspielte Schäferpoesie wurde durch eine erregende, in einem gewissen Sinn maßlose Dichtung abgelöst. Wie bei keinem anderen deutschsprachigen Dichter wurde die Lyrik auch Dokument des Lebens. Es gab daher immer Versuche, Goethes Leben am Beispiel der Gedichte zu dokumentieren. Das begann mit Otto Erich Hartlebens Goethe-Brevier, das "Goethes Leben in seinen Gedichten" beschreiben wollte und um 1900 ein gefragtes Buch war1 , und gelangte zu Volker Neuhaus' Andre verschlafen ihren Rausch, meiner steht auf dem Papiere (2007).
Hans Mayer, begeisterter Goethe-Freund und begeisternder Literaturwissenschaftler, vertrat sogar die Meinung, dass Goethe sich autobiografisch nie der Weimarer Zeit zwischen 1775 und 1786 gestellt habe, "es sei denn in der lyrischen Totalität der Gedichte aus jener Zeit"2 . Hartleben begründete seine Biografie in Gedichten damit, dass die meisten Verehrer Goethes die wichtigsten Zeugnisse seiner Lyrik nicht kennen, dabei sei sie doch "realistisch", das heiße "wonnig individuell", und habe die "wundervollste, ... vornehmste Eigenschaft, ... unmittelbar erlebt"3 zu sein. Der vorliegende Kommentar möchte am Beispiel einiger Gedichte Einblick in Goethes Entwicklung bieten. Außerdem sollen angesichts kaum noch überschaubarer Interpretationen, die bei einzelnen Gedichten in die Hunderte gehen, Angebote für nachvollziehbare Gesamtinterpretationen unterbreitet werden.
1 Otto Erich Hartleben: Goethe-Brevier. Goethes Leben in seinen Gedichten. München: Karl Schüler, 2., verbesserte und vermehrte Auflage 1901
2 Mayer, Goethe, S. 52
3 Hartleben, S. VIII