1. Vorwort
1.1 Die Entstehung
Im Rahmen des einjährigen Bachelor-Studiengangs 2002/2003 an der Hogeschool Zuyd in den Niederlanden haben wir uns in unserer Diplomarbeit mit der Elternberatung nach dem Kanadischen Modell (Canadian Model of Occupational Performance - CMOP) beschäftigt. Aus unserer bisherigen Berufspraxis in der Pädiatrie empfanden wir Elternberatung als etwas, das von jedem Therapeuten sehr individuell eingesetzt wird. Wir vermissten ein einheitliches ergotherapeutisches Konzept. Das klientenzentrierte CMOP mit seinem Prozessmodell OPPM erschien uns eine geeignete Vorgehensweise dafür.
In einer Fragebogenstudie nach der Delphi-Methode untersuchten wir, wie deutsche Ergotherapeuten (13 Experten) in der Behandlung 4- bis 6-jähriger Kinder nach dem CMOP deren Eltern beraten.
Wir messen der Elternberatung in dieser Altersgruppe besondere Bedeutung bei, da 4- bis 6-jährige Kinder bezüglich des Therapieprozesses nur begrenzt entscheidungsfähig sind (Flaschel 2002).
Die Ergebnisse unserer Erhebung zeigen, dass die Elternberatung nach dem Kanadischen Modell die Effektivität der klientenzentrierten Behandlung erhöht und das OPPM eine geeignete Vorgehensweise für den Beratungsprozess ist. Im weiteren Verlauf der Studie ergänzten wir das Behandlungsprozessmodell OPPM im Hinblick auf Beratungsaspekte.
Aus den Resultaten dieser Studie entstand das Grundgerüst des praktischen Leitfadens. In den letzten beiden Jahren nach Abschluss unseres Studiums konnten wir eigene berufspraktische Erfahrungen mit der Elternberatung nach dem Kanadischen Modell sammeln. Die Inhalte des Leitfadens wurden deswegen überarbeitet und praktisch vervollständigt. Auch wenn wir wissen, dass eine solche Veränderung nicht von einem Tag auf den anderen in den Alltag umzusetzen ist, soll der Leitfaden Ergotherapeuten bei einer an das Kanadische Modell angelehnten Elternberatung unterstützen. Wir möchten darstellen, wie man im Rahmen einer klientenzentrierten ergotherapeutischen Behandlung die Eltern beraten kann.
1.2 Die Anwendung des Leitfadens
Dieser Leitfaden richtet sich an Ergotherapeuten, die bereits nach dem CMOP klientenzentriert behandeln, aber auch insbesondere an alle Therapeuten, die auf der Suche nach einem geeigneten Vorgehen für ihre Elternberatung sind. Neben konkreten Anregungen für die Elternberatung geben wir Impulse, die zeigen, wie lohnend die Auseinandersetzung mit dem Kanadischen Modell sein kann. Dieser Leitfaden soll eine Hilfe bei der Umsetzung einer klientenzentrierten Elternberatung sein, erhebt aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Wir haben uns aufgrund der leichteren Lesbarkeit entschieden, die männliche Form von "Ergotherapeut" zu verwenden. Die weibliche Form ist selbstverständlich eingeschlossen.
1.3 Aufbau des Leitfadens
Zu Beginn verdeutlichen wir die Grundgedanken des Kanadischen Modells, insbesondere mit Sicht auf das 4- bis 6-jährige Kind.
Im Weiteren gehen wir auf die Elternberatung in der Ergotherapie und auf wichtige allgemeine Beratungsaspekte ein. Das folgende Kapitel beinhaltet die Ergebnisse unserer Studie und gibt ein Abbild der Erfahrungen von Ergotherapeuten, die dieses Modell in der Behandlung wie auch in der Elternberatung anwenden. Anhand eines Fallbeispiels wird der ergotherapeutische Elternberatungsprozess praktisch dargestellt.
Interessant für die Umsetzung sind die Chancen und Schwierigkeiten, die sich aus Sicht der Ergotherapeuten aus der klientenzentrierten Elternberatung ergeben. Die Veränderungen, die wir selbst seit der Anwendung des Kanadischen Modells in unserer Elternberatung und klientenzentrierten Behandlung bemerkt haben, finden dort ebenfalls ihren Platz. Schlussgedanken reflektieren die praktische Anwendung und geben einen Ausblick auf mögliche Weiterentwicklungen.
Im Glossar werden Begrifflichkeiten des Kanadischen Modells, die in der deutschen Ergotherapie bislang wenig verwendet werden, erklärt.
Abschließend werden Literaturhinweise und eine kurze Information zu den Autorinnen gegeben.