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Ich esse eure Suppe nicht!
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Winfried Palmowski


Vorwort zum Buch



"Dass etwas selbstverständlich ist, heißt ja nicht, dass wir es verstehen, sondern nur, dass wir es nicht in Frage stellen" schreibt Fritz Simon (1995, 18). Im vorliegenden Buch versuchen zwei Autorinnen, einen Sachverhalt in Frage zu stellen, der auf den ersten Blick sehr selbstverständlich erscheint: Die Überzeugung, dass es sich bei magersüchtigen Verhaltensweisen um eine Krankheit handelt - Anorexia nervosa.

Geht man nämlich von den Aussagen aus, die viele betroffene Mädchen, Frauen oder junge Männer über ihr merkwürdiges Verhalten äußern - Sie werden in diesem Buch etliches hierzu finden - dann kann man sich schon wundern, wie die Idee einer Krankheit überhaupt ins Spiel kommen konnte.

Die Sichtweisen der "Symptomträger" und der medizinisch orientierten Experten liegen hier oft diametral gegenüber. Die psychosozialen Gründe oder familiären Zusammenhänge, die von Patientinnen im Zusammenhang mit ihrem Essverhalten genannt werden, werden von medizinisch orientierten Experten mit dem Argument der "fehlenden Krankheitseinsicht" an die Seite geschoben, (wobei diese Position es zusätzlich ermöglicht, die eigenen Annahmen nicht in Frage stellen zu müssen). Das Ergebnis ist, dass Personen mit merkwürdigem Essverhalten und die sie behandelnden Mediziner häufig eher einen Machtkampf austragen, als dass sie kooperieren. Auch dies und die Ergebnisse dieses Kampfes können Sie im Einzelnen nachlesen.


Wohlgemerkt, es kann nicht darum gehen, ungewöhnliche Formen des Essens selber in Frage zu stellen, diese sind nicht zu bestreiten. Vielmehr geht es um ihr Verständnis und die sich daraus ergebenden Konsequenzen. Das im Mittelalter so beliebte Erklärungsmodell der "Dämonologie" wird heute nur noch sehr selten benutzt, die gegenwärtig zu Hilfe genommenen Sichtweisen sind die Idee der Krankheit und die der Annahme, dass ungewöhnliche Verhaltensweisen am besten in ungewöhnlichen Kontexten entstehen und aufrechterhalten werden. Es wird auch nicht darum gehen können, welche dieser Sichtweisen am meisten der Wahrheit entspricht, diese Frage wird sich nicht beantworten lassen, (vielleicht hatten die Dämonologen ja doch recht, wer kann das wissen?), es wird schlicht nur zu überlegen sein, welche Konsequenzen für praktisches Handeln sich aus welchen Grundannahmen ergeben, und als wie nützlich und hilfreich diese von den Beteiligten angesehen werden.


Die grundsätzliche Differenz, auf der auch das Thema dieses Buches aufbaut, ist somit nicht neu: "Der Mythos von der seelischen Krankheit" von Thomas Szasz erschien bereits 1972 auf Deutsch (Keupp, 1972), und auf "Die Kontextabhängigkeit psychiatrischer Diagnosen" (Rosenhan, 1979) sind wir auch schon vor einiger Zeit aufmerksam gemacht worden. Mir erscheint es merkwürdig und unverständlich, dass in manchen Bereichen medizinischen Denkens und Handelns an einem mechanistischen Menschenbild aus dem 18. Jahrhundert festgehalten wird, obwohl plausiblere und nützlichere Alternativen bekannt sind.


Die Aufgabe des vorliegenden Bandes kann es allerdings weder sein, sich ausführlich mit der Frage zu befassen, wie es möglich ist, dass trotz besseren Wissens "die Medizinisierung abweichenden Verhaltens" - übrigens auch in der (Sonder-) Pädagogik - voranschreitet, noch werden Sie eine grundsätzliche Erörterung des Krankheitsbegriffes und seines dichotomen Gegenübers, der Gesundheit finden. Diese Aspekte streifen die Autorinnen eher im Vorübergehen, sie weisen auf die Problematik hin, machen sie aber nicht zu ihrem zentralen Thema. Ihr Anliegen ist spezifischer.


Das erste Ziel dieses Buches ergibt sich aus ihrer Erfahrung, Wahrnehmung und Bewertung des gegenwärtigen Umgangs mit Menschen, die ungewöhnliche Muster beim Essen zeigen. Die Autorinnen plädieren für eine Aufgabe des Krankheitsmythos "Anorexia nervosa" und favorisieren stattdessen eine systemische Sichtweise. Die Darstellung und der Vergleich beider Sichtweisen sprechen für sich.


Neben Salvador Minuchin (1995) haben vor allem die systemisch orientierten Therapeuten der Mailänder Gruppe merkwürdige Verhaltensweisen beim Essen mehrfach zum Thema gemacht (u.a. Boscolo, Cecchin, Hoffman, Penn, 1992, 230ff; Cecchin, 1993, 96ff; Boscolo, 1997, 314ff). Auch ihnen ging es inhaltlich häufig um eine Verflüssigung des Krankheitskonzeptes, das Angebot von Sichtweisen, die dem Verhalten eine andere Bedeutung geben und eine wesentlich konturiertere Berücksichtigung des Kontextes.


"Mutter:Was Sue anlangt, sie ißt immer noch nicht richtig.
Cecchin:Es ist nicht Anorexie.
Mutter:Sie übergibt sich immer noch.
Cecchin:Die meisten Leute haben schlechte Eßgewohnheiten."

(Boscolo, u.a. 1992, 297)


Arnold Retzer (1996, 259) zeigt am Beispiel der Psychose, in welche Falle man tappen kann, wenn man ungewöhnliche Verhaltensweisen als Krankheit beschreibt, (wobei eines der negativen Merkmale sogenannter psychischer Krankheiten im Vergleich zu physischen Krankheiten darin besteht, dass auch nach einer Gesundung immer ein "Restverdacht" - sowohl bei dem Betroffenen wie seinen Familienmitgliedern - bestehen bleibt, der in nicht seltenen Fällen der Auslöser für einen tatsächlichen Rückfall sein dürfte: "Sie hat heute schon wieder nicht richtig gegessen!").

Er - Arnold Retzer - weist darauf hin, dass psychotisches Verhalten in dem Maße stabil bleibt, als die Betroffenen und ihre Angehörigen davon ausgehen, dass es ein Merkmal psychotischen Verhaltens ist, immer stabil zu bleiben. Sie haben sich entschieden, an die "Krankheit Psychose" (und ihre Implikationen: lebenslänglich, therapieresistent, nur stationär zu behandeln, völlige Verrücktheit, etc.) zu glauben. Positive Entwicklungen können eintreten, wenn "die Verflüssigung des Krankheitskonzepts" gelingt. Es geht demnach auch bei derartigen Störungen weniger um diese an sich, als mehr um die Bedeutung, die ihnen in Sprache gegeben wird.


Gleiches dürfte für andere Muster gelten, die wir als Störungen wahrnehmen und beschreiben. Die Stigmatheorie hat deutlich herausgearbeitet, dass die Verleihung eines Etiketts - psychotisch, lernbehindert, magersüchtig, verhaltensgestört, schizophren, etc. - durch Experten einen entscheidenden Schritt in der Verfestigung des Problemverhaltens darstellt. Auch die daraus zu ziehende Konsequenz einer sensibleren, relativierenderen und depathologisierenden Sprache ist längst noch nicht in alle Bereiche der Zusammenarbeit mit Menschen, die sich schwierig zeigen, vorgedrungen.


Das zweite Ziel dieses Buches besteht darin zu zeigen, wie mit Hilfe systemischen Denkens, der Entwicklung kooperativer Arbeitsformen und vor allem mit "angemessen ungewöhnlichen Fragen" Sichtweisen verflüssigt und verändert werden können. Die umfangreiche Sammlung von Fragen ist auf die spezifische Thematik hin zugeschnitten, dürfte aber für den in der systemischen Therapie bewanderten Leser eher zu Effekten des Wiedererkennens als des Neuartigen führen. Für diejenigen, die ungewöhnliches Eßverhalten bisher mit Selbstverständlichkeit als Krankheit angesehen haben, dürfte die hier zusammengetragene Vielzahl von Möglichkeiten unterschiedlicher Sichtweisen dazu beitragen, "den Mythos von der seelischen Krankheit" nachhaltig in Frage zu stellen.


Insofern bietet sich das Buch vor allem für drei potentielle Zielgruppen an:


-

Zum einen richtet es sich an alle Leser, die neugierig sind, etwas über diejenigen zu erfahren, die sich weigern, alleine die Suppe auszulöffeln, die sich ein ganzes System eingebrockt hat.

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Zum zweiten bietet es allen, die beruflich in diesem Feld zu Hause sind, eine Sichtweise an, die sie ermutigen könnte, andere oder zusätzliche Angebote in ihr bisheriges Handlungsrepertoire (die Autorinnen sprechen von "Werkzeugen") mit aufzunehmen. Dass es keine Rezepte geben kann, die lineares Behandeln beschreiben, dürfte selbstverständlich sein.

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Schließlich könnte dieses Buch auch eine Hilfe sein für Betroffene und Beteiligte, die auf der Suche sind nach einem für sie akzeptablen Verständnis eines merkwürdigen Verhaltens und nach einem sich daraus ergebenden Umgang damit, der auf die Kennzeichnung als Krankheit verzichten kann.




 
   


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