Vorwort
Als ich vor gut 15 Jahren als Lehrer an einer Schule für Geistigbehinderte in einer Konferenz den Vorschlag unterbreitete, für die Hand der Schüler einen Computer anzuschaffen, reagierten nicht wenige Kollegen mit Erstaunen. Dieses Medium erschien ihnen doch zu komplex und "schwierig in der Bedienung", angesichts eingeschränkter Lern- und Handlungskompetenzen unserer Schülerschaft. Mein Optimismus und mein Einwand, dass man es doch einmal versuchten sollte und dass bei entsprechender didaktischer und methodischer Assistenz diese technische Neuerung sinnvoll eingesetzt werden könnte, überzeugte (noch) nicht - ich wurde überstimmt; und es dauerte einige Jahre, bis ich dann doch "meinen" Computer in der Klasse einsetzen konnte.
Heute ist der Einsatz des Computers und zahlreicher Software in vielen Schulen (im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung) selbstverständlich - selbst das Internet wird im Rahmen einer grenzenlosen Vernetzung über selbst erstellte Schülerportale als globales Kommunikationsmedium genutzt. Vor allem jüngere Lehrpersonen begegnen diesem neuen technischen Medium sehr aufgeschlossen, orientieren sich an Broschüren und Handreichungen über Informations- und Kommunikationstechnologien, didaktischen Begründungen, Auswahlkriterien und Softwarestudien, wie auch an softwareergonomischen Richtlinien für Computerprogrammen. Der Einsatz von Programmen ist vielfältig: Es geht um Förderung von Wahrnehmungsfunktionen und kognitiven Strategien, Begriffsbildung, Vermittlung von Sachkenntnissen (vgl. die Reihe "Löwenzahn"), Übungen zur Verkehrssicherheit bis hin zum computergesteuerten Einsatz von Maschinen zur Berufsvorbereitung.
Insofern wundert es nicht, dass es inzwischen auch kritische Anfragen gibt, ob infolge einer fortschreitenden Digitalisierung grundlegende (heil-) pädagogische Aufgaben und Erfordernisse wie Erziehung, Bildung, persönlicher Bezug oder dialogische Vermittlung nicht zu kurz kommen (können). Solche Fragen nimmt Michael Brönner in der vorliegenden Arbeit ernst. Er diskutiert zunächst kritische Einwände und mögliche "negative (Begleit-) Wirkungen des Computereinsatzes, macht dann aber deutlich, dass einerseits im Rahmen von Forderungen nach (mehr) Integration, Selbstbestimmung und Lebensqualität, andererseits im Hinblick auf die vielfältigen Möglichkeiten und Qualitäten, die das Medium Computer hinsichtlich einer Verwendung bietet, auf diesen keineswegs verzichtet werden darf und kann. Es kommt vielmehr darauf an, den Computer sinnvoll und verantwortlich in den Unterricht zu integrieren. Und dies wird dann in den weiteren Kapiteln von Michael Brönner in einer fachlich differenzierten und sprachlich sehr verständlichen Art und Weise geleistet. Der Computer wird nicht nur in seiner möglichen Rolle als Werkzeug (zur Texterstellung oder als Grafikprogramm) und als Medium zum Lernen vorgestellt, sondern auch als Medium zur pädagogischen Diagnostik und zum Spielen - immer in Bezug zu den Lern- und Handlungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung.
Es handelt sich hier um eine sehr informative Einführung in ein Thema, das in den nächsten Jahren noch stärker an Bedeutung gewinnen wird.
Prof. Dr. E. Fischer, Universität Würzburg
1. Einleitung und Themenaufriss
"Bildung kommt von Bildschirm
und nicht von Buch,
sonst würde es Buchung heißen!"
(aus unbekannter Quelle, zit. n. Lunz 1996, 2)
Das einleitende Zitat ist selbstverständlich nur ironisch aufzufassen. Dem Verfasser ist natürlich bewusst, dass der vielschichtige Begriff der "Bildung" im pädagogischen Sinne weder von dem Begriff des (Computer-) "Bildschirms", noch von dem Begriff des "Buchs" her abgeleitet bzw. gedacht werden kann, sondern eine lange Geschichte besitzt und bis auf die Mystiker im 14. Jahrhundert zurückgeht (vgl. Böhm 2004, 42).
Das Zitat verdeutlicht jedoch sehr gut, wie weit die Computertechnologie mittlerweile in unsere Lebenswirklichkeit vorgedrungen ist. Wie noch genau aufzuzeigen sein wird, ist die Computertechnik ein Teil unseres Alltags geworden und repräsentiert eine Entwicklungs- und Veränderungsdynamik im gesellschaftlich-kulturellen, technischen und wirtschaftlichen Bereich, wie sie an Schnelligkeit und Bedeutung unvergleichlich erscheint, was u.a. an der raschen technischen "Veralterung" von PCs1 deutlich wird. Die Auswirkungen dieser gesamt-gesellschaftlichen "Digitalisierung" machen hierbei weder an Schultüren, und somit auch nicht vor Lehrern, Studenten oder Schülern jeglicher Schulformen Halt. Als Beispiel kann hier die 1996 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und der Deutschen Telekom AG ins Leben gerufene Initiative "Schulen ans Netz" genannt werden. Ziel dieser Initiative war bzw. ist es, allen Schulen in Deutschland einen kostengünstigen Zugang zum Internet zu verschaffen bzw. hierbei beratend zur Seite zu stehen. Ebenso sind für die aktuelle Studentengeneration Computer und Internet zu einem alltäglichen Medium geworden, mit dem wie selbstverständlich gelernt, gearbeitet oder kommuniziert werden kann.
Daher erscheint es nicht verwunderlich, dass, wie Hagemann in einer Fragebogenuntersuchung an der Universität Köln aufzeigt, unter Lehramtsstudierenden der Geistigbehindertenpädagogik eine "... hohe bis sehr hohe Bereitschaft" (2004, 146) besteht, den Computer später im Unterricht einzusetzen. Ebenso wünschen sich diese Studierenden "... in ihrer Ausbildung konkrete Hilfen für die Unterrichtspraxis" (ebd., 153). Diese beiden Befunde sollen als Ausgangspunkt für die vorliegenden Ausführungen dienen, da versucht werden soll, diesen Ergebnissen Rechnung zu tragen.
Inhaltlich ist dieses Buch zweigeteilt und in einen theoretischen Teil (Kapitel 1-10) sowie einen ergänzenden Serviceteil bzw.
Anhang gegliedert. Die theoretischen Ausführungen verfolgen hierbei das Ziel, grundlegende Begriffe, Zusammenhänge und wichtige Sachverhalte bzgl. eines Computereinsatzes in der Schule zu klären und zu analysieren. Gleichzeitig sollen dem Leser differenzierte Hinweise bzw. konkrete Hilfen zu den verschiedenen Einsatzmöglichkeiten des PCs in der Unterrichtspraxis bei Schülern mit geistiger Behinderung aufgezeigt und angeboten werden. Um dieses Ziel zu erreichen, wird folgendermaßen vorgegangen:
In Kapitel 2 wird dargestellt, um welchen Personenkreis es in dieser Arbeit eigentlich geht. Der Begriff, unterschiedliche Definitionen und Sichtweisen bzw. mögliche Auswirkungen einer "geistigen Behinderung" auf das Arbeits-, Lern-, oder Spielverhalten sollen hier geklärt werden.
Kapitel 3 beschäftigt sich ausführlich mit der kritischen Diskussion bzw. mit der Frage nach der Notwendigkeit des Computereinsatzes bei Schülern mit geistiger Behinderung. Sowohl Argumente für als auch Argumente gegen eine Computernutzung werden beleuchtet.
Ein erster "Grobüberblick" über mögliche Verwendungsweisen von Computern im Unterricht wird in Kapitel 4 versucht. Ebenso finden sich dort methodisch-didaktische Überlegungen hinsichtlich der Rolle des Lehrers und der Stellung des PCs im Kreis anderer Medien.
In Kapitel 5 wird hierauf konkret aufgezeigt, wie der Computer im Unterricht zum Arbeiten verwendet werden kann, d.h. die Arbeit mit Standardsoftware bzw. die Nutzung des Internets stehen hier im Mittelpunkt.
Welche unterschiedlichen Möglichkeiten, aber auch Grenzen der Computer zur Unterstützung des Lehrens bzw. Lernens bieten kann, wird Thema von Kapitel 6 sein. Hierzu wird zu erläutern sein, was unter "lernen" verstanden werden muss und welche unterschiedlichen Programmarten hierfür in Frage kommen.
Kapitel 7 thematisiert im Anschluss daran detailliert den Aspekt des Spielens am Computer, einen Bereich, der bisher kaum Beachtung in der Fachliteratur zur Geistigbehindertenpädagogik fand.
Die Tatsache, dass der Computer zunehmend auch zu (förder-) diagnostischen Zwecken eingesetzt werden kann, soll in Kapitel 8 berücksichtigt werden. Es gilt kurz aufzuzeigen, welche Möglichkeiten und Vorteile, aber auch welche Grenzen und Nachteile eine (Förder-) Diagnostik am und mit dem Computer mit sich bringt.
Die theoretischen Überlegungen enden in Kapitel 9 mit einem kleinen Exkurs, in dem differenziert dargestellt werden soll, wie Computerprogramme in optimaler Weise gestaltet sein sollten, damit Menschen mit geistiger Behinderung damit effektiv arbeiten, lernen oder spielen können. Gleichzeitig werden einige praktische Hilfen zum Suchen und Finden von geeigneter Software erläutert.
Schließlich werden in Kapitel 10 die wichtigsten Ergebnisse und Erkenntnisse der vorherigen Kapitel zusammengefasst sowie ein kurzer Ausblick getätigt.
Im Anschluss an die theoretischen Ausführungen, folgt in einem Anhang bzw. dem Serviceteil eine Vorstellung von einigen ausgewählten Softwareprodukten, die teilweise speziell für Kinder und Jugendliche mit (geistiger) Behinderung entwickelt wurden und die im Unterricht Verwendung finden können. Durch diese Darstellungen werden die in Kapitel 5-8 getätigten theoretischen Überlegungen konkret und praxisnah veranschaulicht.
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im gesamten Buch ausschließlich die maskuline Bezeichnungsform von Personen gewählt. Personen weiblichen Geschlechts sind bei den verwendeten Begriffen wie "Schüler", "Lehrer" usw. selbstverständlich immer mit gemeint. Ebenso soll der Begriff des "Lehrers" sämtliche verschiedene Berufsgruppen, die an einer Schule für Menschen mit geistiger Behinderung tätig sein können, mit einschließen.