Vorwort des Verfassers
Kaum sind die Ergebnisse der neurowissenschaftlichen Forschung auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich geworden, glimmt in pädagogischen Kreisen Hoffnung auf, den durch TIMSS (Third International Mathematics and Science Study) und PISA (Programme for International Student Assessment) ausgelösten Bildungs-Schock durch eine "gehirngerechte" Gestaltung des Unterrichts allmählich verdauen zu können. Überblickt man die relevante Literatur zu diesem Thema, so kündet mancher Beitrag von geradezu seismologischen Erschütterungen der didaktischen Landschaft. Welcher pädagogisch-didaktische Nektar aber lässt sich aus diesen sicherlich "faszinierenden Befunden" der Gehirnforschung über die menschliche Informationsverarbeitung saugen? Wie praxistauglich sind die Ergebnisse im Hinblick auf Unterricht? Und welche neuen Erkenntnisse bieten sie etwa im Vergleich zur eher schon "traditionellen" Bezugswissenschaft der Pädagogik, nämlich der Psychologie? Das sind nur einige Fragen, denen in diesem Buch nachgegangen wird. Als Pädagoge kann man sich ihnen kaum verschließen. Zu stark scheint der durch immer neue wissenschaftliche Veröffentlichungen vor allem namhafter Autoren wie Manfred SPITZER, Wolf SINGER oder Gerhard ROTH ausgelöste Druck, sich mit neurowissenschaftlichen Thesen und ihrer pädagogischen Nutzanwendung zu befassen; zu blendend der Glanz, den die Vorsilbe "Neuro" verbreitet, um sich ihm entziehen zu können. Von Interesse dürfte allerdings auch sein, inwieweit die Resultate der Gehirnforschung gegenüber den bereits aus der Psychologie vorliegenden Beiträgen Neues bieten und ob sie die Legitimation dafür liefern, schon jetzt enthusiastisch von "Neuropädagogik" oder "Neurodidaktik" sprechen zu können.
Dennoch liegt in den folgenden Betrachtungen der Fokus auf der unterrichtspraktischen Verwertbarkeit der Psychologie, namentlich der Pädagogischen Psychologie. Zwar besteht schon seit langem ein enges Verhältnis zwischen Psychologie und Pädagogik; jedoch kann von einer durchdringenden Befruchtung des Unterrichts durch psychologische Theorien nicht die Rede sein. Und so bleiben psychologisch basierte Didaktiken, die man den traditionellen, insbesondere geisteswissenschaftlichen Modellen hätte entgegensetzen oder hinzufügen können, Mangelware. Entsprechend dürftig ist der Einfluss aktueller psychologischer Theorien auf Unterricht. Nicht nur die durch obige Studien speziell uns Deutschen vor Augen geführte Bildungsmisere sollte Anlass sein, Reformen, und zwar vor allem auf der konkreten Unterrichtsebene, durchzuführen. Bei diesem Unternehmen könnte die Psychologie als langjährige Weggefährtin der Pädagogik wertvolle Dienste leisten. Sie bot von Anfang an Hinweise zur verbesserten methodischen Gestaltung des Unterrichts. Doch wie es scheint, ist die Nachfrage insbesondere seitens der praktischen Pädagogik äusserst gering. Statt zunächst einmal das empirisch gut bestätigte Potenzial lernpsychologischer Theorien auszureizen sucht man nun eilfertig, und angespornt durch neurowissenschaftliche Erfolgsmeldungen, das pädagogische Heil im hirnphysiologischen Neuland. Hier aber ist dann kritisch zu fragen: Warum denn in die neurowissenschaftliche Ferne schweifen, wo das psychologisch Gute doch so nah ist?
Damit ist die thematische Anbindung der weiteren Diskussion schwerpunktmäßig vorgegeben, in der die methodische Perspektive dominiert. Zur Frage der Inhaltsauswahl leistet die Psychologie dagegen weniger Schützenhilfe. Neben den wissenschaftlichen Erkenntnissen findet aber auch hier und da die Unterrichtserfahrung des Verfassers Eingang in die Überlegungen. Denn auch "subjektive Theorien" haben - wie wir sehen werden - ihren Wert bei der Erklärung und Bewältigung (nicht nur) des pädagogischen Alltags und sind daher in beachtlichem Maße an unserer Handlungskompetenz beteiligt.
Dieses Buch richtet sich zunächst an Lehramtsstudenten und Referendare, die sich bereits während des Studiums bzw. des Referendariats in "gebündelter Form" über neuere Ergebnisse psychologischer und hirnphysiologischer Forschung informieren wollen, um daraus Unterstützung für ihren (bald) anstehenden eigenständigen Unterricht zu erfahren - sei es bei dessen Analyse, Planung oder Durchführung. Als Lehrbeauftragter an der Universität Duisburg-Essen sowie als Ausbildungskoordinator am Berufskolleg in Geldern (Niederrhein) wurde bzw. wird der Verfasser oft mit Fragen zu einer nicht zuletzt auch theoretisch abgesicherten besseren Unterrichtsgestaltung konfrontiert. Der Bedarf an solchen Informationen ist offensichtlich groß - und leider nur allzu verständlich! Denn in so manchem Bundesland, unter anderem auch in Nordrhein-Westfalen, kommen viele Lehramtsanwärter während ihres Studiums gar nicht oder vielfach nur in Grenzen mit pädagogisch-psychologischem Gedankengut in Berührung. Dies gilt in besonderem Maße natürlich für sog. "Seiteneinsteiger". Diese Situation hat auch dazu beigetragen, das vorliegende Buch zu schreiben.
Nun interessiert Lehramtsanwärter i. d. R. jedoch auch, wie denn der Referendaralltag aussieht: Was alles sollte ein Stundenentwurf beinhalten? - Wie sind Lehrproben zu gestalten? - Welche "Besucher" sind bei Lehrproben zu erwarten? - Wie verläuft die Nachbesprechung zur Lehrprobe? oder Wie gelingt mir der Übergang von der universitären Theorie in den schulischen Alltag? Diesem speziellen Informationsbedürfnis soll in einem Anhang - wenn auch nur in knapper und exemplarischer Form - Rechnung getragen werden.
Doch nicht nur angehende Lehrer, sondern auch erfahrene Kollegen könnten aus der Lektüre ihren Nutzen ziehen. Möglicherweise finden sie Anregungen zur Modifizierung ihres Unterrichts oder fühlen sich in ihrer bisherigen methodischen Vorgehensweise bestätigt. Mehr aber soll mit diesem Buch, bei dessen Entstehung kein "missionarischer Eifer" Pate stand, nicht geleistet werden. Denn guter Unterricht ist natürlich auch ohne Kenntnis der psychologischen oder hirnphysiologischen Zusammenhänge möglich!
Meine bereits angedeutete mehrjährige Lehrtätigkeit an einer berufsbildenden Schule bringt es mit sich, dass einerseits insbesondere das Lernen von Schülern und Schülerinnen der Sekundarstufe II im Fokus der Betrachtungen steht und dass andererseits die zur Erläuterung dienenden Beispiele hauptsächlich dem Wirtschaftsunterricht entnommen wurden. Hierzu ist indes Folgendes zu bemerken: Die in diesem Buch zusammengetragenen theoretischen Konzepte wie empirischen Befunde zeigen - von wenigen Ausnahmen abgesehen - natürlich auch altersindifferente Verwertungsoptionen auf. Zudem wurden die exemplarischen Darstellungen so aufbereitet, dass sie ebenso von Fachfremden nachvollzogen werden können. Insofern sind auch pädagogische Vertreter anderer Schulstufen und/oder Fachgebiete eingeladen zu einer Tour d'Horizon durch die pädagogisch-psychologische und neurowissenschaftliche Nachbarschaft der Pädagogik.
Das Buch wäre in der Form, wie es nun vorliegt, ohne die tatkräftige Unterstützung einiger Personen nicht erschienen. Ihnen allen möchte ich hier herzlich danken. Zuallererst gilt dies für meine Frau Anne, die - wie immer bei derartigen Projekten - mit ihrer akribischen Durchsicht des Manuskripts meine Fehlerquote hinsichtlich Rechtschreibung, Interpunktion und Form beträchtlich reduzierte. Noch verbleibende Mängel liegen ausschließlich in meiner Verantwortung. Des Weiteren danke ich ganz besonders Herrn Professor Dr. Heinrich Schanz für das Verfassen des Geleitwortes sowie für kritisch-konstruktive Anregungen und ermunternde Worte während der Anfertigung dieser Arbeit. Schließlich bedanke ich mich auch bei meinen Referendaren am Berufskolleg in Geldern, nämlich bei Frau Svenja Klang, Frau Julia Heffels, Frau Jeannette Zumschilde sowie Frau Melanie Röhs, deren Hinweise mir bei der Erstellung des Anhangs eine wertvolle Hilfe waren.