Vorwort
Ein Bekannter - ehemaliger Entwicklungsingenieur bei einem weltweit tätigen Autoteilezulieferer - erzählte mir, dass er mit 60 Jahren in den vorzeitigen Ruhestand gegangen sei. Die Firma wurde nach deutscher Gründung und erfolgreicher Führung an verschiedene Großkonzerne aus Deutschland, Amerika und Frankreich verkauft. Nach Verkauf an einen französischen Konzern seien als erstes Kostensenkungsmaßnahmen bekannt gegeben worden. Der französische Kostensenker habe bei seiner Antrittsrede wie folgt agiert: »Ich wundere mich, dass Sie in dieser Firma einen Stamm von für mich überalterten Mitarbeitern haben. Ihre Mitarbeiter sind überwiegend seit 10, 20, 30, 40 und auch 50 Jahren im Betrieb, für uns Franzosen völlig unvorstellbar. Warum?«
Antwort der deutschen Geschäftsleitung: »Unsere erfahrenen, bewährten, zuverlässigen Mitarbeiter sind unser Kapital. Dieses Kapital muss unbedingt gepflegt werden.«
Antwort des Franzosen: »Sie haben in unmittelbarer Nähe hervorragende Ingenieurschulen, die junge Ingenieure ausbilden. Ich werde bei Ihnen, nun in unserem Konzern, die bisherige Strategie ändern und auf dieses Potenzial zurückgreifen. Wir werden ab sofort überwiegend junge, brennende Ingenieure übernehmen.«
Dann formte er die Hand zu einer Presse, streckte den Arm aus und sagte: »Wir werden diese jungen Ingenieure auspressen wie eine Zitrone. Danach sind sie verbrannt und ich werde sie fallen lassen.«
»Das war für mich der Grund, sofort, nach fast 45 Jahren Betriebszugehörigkeit, von der Lehre bis zum Ingenieur, die Arbeit vorzeitig zu beenden.«
So, wie von diesem Herrn vorgetragen und plastisch dargestellt, haben sich leider in den vergangenen mehr als 10 Jahren auch sehr viele, überwiegend große, renommierte Architektur- und Ingenieurbüros, und besonders auch große Bau oder Baustoffkonzerne verhalten, die von unerfahrenen jungen Hochschulabgängern Höchstleistungen verlangten, zu denen diese aufgrund ihrer unzureichenden Ausbildung nicht fähig waren. Es ging nach dem Motto >hire and fire<. Nach ca. zwei Jahren waren die Jungarchitekten oder -ingenieure entweder völlig ausgebrannt, wurden entlassen, oder hatten den Härtetest bestanden.
Frage: Hat sich daran etwas geändert? Leider nein. Die Ausbildungspolitik für Ingenieure aller Fachrichtungen der letzten Jahre ist zu Recht gescheitert. Während früher, ausgenommen für Universitäten, alle zukünftigen Ingenieure und Architekten vor Studienbeginn eine abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen mussten - dafür war das Abitur unnötig - wurde diese Ausgangsbasis unnötig aufgeweicht. Statt einer soliden Grundausbildung war es nun möglich, nur mit Abitur sofort Studien in technischen Berufen anzutreten, ohne die Materialien, mit denen zukünftig zu planen und zu arbeiten war, jeweils in den Händen bzw. verarbeitet zu haben. Dass eine solche Ausbildungspolitik Schiffbruch erleiden musste, zeigt sich an den täglichen Folgeschäden von Planungsfehlern in allen technischen Branchen. Beispielhaft sind nicht nur die überwiegend zitierten Fehler im Bauwesen, sondern z.B. auch in der Flugzeugindustrie beim A 380 oder den Fehlplanungen in der Autoindustrie.
Diese seit über 40 Jahren falsche Bildungspolitik ist überwiegend für den Missstand bei der Ingenieur- und Architektenausbildung verantwortlich. Warum müssen junge Architekten nach Studienabschluss ein Praktikum (AiP) oft ohne Bezahlung oder zu Hungerlöhnen absolvieren, war die Ausbildung ungenügend? Das Rad zurückzudrehen ist leider unmöglich. Also noch mehr Planungs- und Ausführungspfusch - Danke!
In den zwei nachfolgend zitierten Leserbriefen von Architekten im Deutschen Architektenblatt 10/2007 [1] nehmen die Kollegen Stellung zur Ausbildungsqualität und Qualifikation von Berufsanfängern und den sich daraus ergebenden Folgen: »Architekten haben sich in den letzten Jahrzehnten von wesentlichen Baubereichen verabschieden müssen, da diese z.B. von Bauträgern, Fertighausherstellern, Bauunternehmen, usw., übernommen wurden. Viele werden als Planer toller Entwürfe wahrgenommen, die aber für die Ausführung der Baumaßnahme nicht kompetent sind. Oberste Priorität in der Ausbildung muss haben, dass ein ausgebildeter Architekt in der Lage ist, mindestens ein Einfamilienhaus oder eine einfache Umbaumaßnahme vollständig, d.h. schadensfrei, zeitgerecht, qualitätsgerecht und unter Beachtung des vorgegebenen Kostenbudgets usw. einwandfrei zu realisieren. Leider ist festzustellen, dass Absolventen nicht in der Lage sind, viele der wesentlichen Aufgaben zu leisten. Eher warten sie mit wunderschönen Präsentationszeichnungen aus ihren CAD-Programmen auf Die Masse von uns ist aber im Neubau >normaler< Objekte und der Sanierung beschäftigt und nur am Rande in der Lage oder mit der Möglichkeit bedacht, ein herausragendes, tolles und besonderes Objekt zu realisieren. Für diese Standardlösungen müssen die Kompetenzen vorhanden sein und bei den Studenten geschaffen werden. Solange sich dies nicht ändert, wird es nach wie vor für unseren Berufsstand massive Probleme geben und die Aussichten sind meines Erachtens negativ zu beurteilen, denn wir werden bei der momentanen Entwicklung zunehmend Marktanteile verlieren.« (Architekt Karsten Jürgens, Hameln) »Es wird ständig von hoher Qualifikation und Kreativität der Architekten ausgegangen; dies ist mitnichten so. Im Gegenteil! Die jungen Kollegen, die aus dem Studium kommen, sind in keinster Weise auf die Ansprüche des Marktes vorbereitet, sondern - wenn überhaupt - auf nette Bauzeichnerei getrimmt. Es fehlt an allen Grundlagen: z.B. Kenntnis und Anwendungspraxis jeglicher DIN-Normen, Kenntnisse von Baurecht, Sonderbauvorschriften und deren Verfahren, Kenntnisse über Ausschreibung, Abrechnung und Kosten, Bauabwicklung usw. Daher fällt es einem Inhaber sehr schwer, einen angestellten Architekten zu beschäftigen, da es einen enormen Aufwand (zeitlich und pekuniär) bedeutet, diesen in drei bis sechs Jahren zu einem halbwegs ausgebildeten Mitarbeiter zu machen (wenn es überhaupt möglich ist).« (Architekt Bernhard Zahn, Fürth).
Die Einführung der CAD Technik vor über 20 Jahren hat auch in der Bauplanung alle Planungsabläufe vollständig verändert. Während früher vor jedem Strich überlegt und geprüft wurde, macht das heute der Computer. Technische Details werden nicht mehr für das jeweilige Bauwerk entwickelt, sondern entweder von anderen Objekten verwendet oder von der Baustoffindustrie vorgegeben. Dass sich das negativ auf alle technischen Bereiche auswirken musste, ist kein Wunder. So lange es noch ausreichend ausgebildete, die deutsche Sprache beherrschende Fachhandwerker gab, konnten Planungsmängel von diesen rechtzeitig erkannt, besprochen und ohne großes Aufheben bei der Ausführung beseitigt werden. Doch heute gibt es auf den Baustellen leider nur noch sehr wenige ausgebildete, Deutsch sprechende Fachhandwerker. Für fast alle Gewerke werden aus Kostengründen überwiegend Subunternehmer aus allen Niedrigstlohnländern der ganzen Welt auf den Baustellen beschäftigt. So lange Politiker, Kammern, Fachverbände und Ausbildungsstätten dieses Problem nicht anpacken, werden die Planungssünden nicht ab-, sondern weiter zunehmen, zum großen Schaden aller Beteiligten. Schon durch einfache Hilfestellungen wie z.B. mehrsprachiges Beschriften der Pläne, Herstellerrichtlinien in verschiedenen Sprachen können Sprachbarrieren gemindert und somit Pfusch vermieden werden. Auch die Entsendungsrichtlinie löst die fehlende Ausbildung und das Sprachengewirr leider nicht.
Bauherren, Planer und Ausführende sind vor ständigen Überraschungen nicht gefeit. Gelder und beauftragte Firmen verschwinden, fertig gestellte Objekte sind nicht nutzbar. Nicht nur die täglichen Überraschungen und Probleme am Objekt, sondern die leider inzwischen üblichen nachträglichen Auseinandersetzungen wegen Qualitätsmängeln, Nichteinhaltung von Baubestimmungen oder Kostenüberschreitungen verursachen weiteren Ärger und Kosten für die Beteiligten. Verlierer sind immer die betroffenen Bauherren, Planer und Firmen, Gewinner sind immer die Juristen.
Auch wenn von vielleicht manchen Lesern als zu ausufernd empfunden, habe ich bewusst manche Vorgeschichten etwas länger und detaillierter beschrieben, um auch dem nicht informierten Leser das erforderliche Verständnis für die Einzelfälle übermitteln zu können. Bücher über eigentlich trockene und unschöne Themen sollen verständlich sein und auch mit Schmunzeln zu Ende gelesen werden können, denn nicht zu Ende lesbare Bücher frustrieren die Leser und sind wirklich zum Fenster hinausgeworfenes Geld.
Bietigheim-Bissingen, im Herbst 2007