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Im Fadenkreuz des Schützenfischs
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Vorwort

Die Natur bringt die erstaunlichsten Dinge hervor. Allein das menschliche Auge oder das menschliche Ohr, deren Aufbau wir alle in der Schule gelernt haben, sind solche Meisterwerke natürlicher Erfindungskunst, dass man kaum aus dem ehrfürchtigen Grübeln herauskommt, wenn man etwas länger darüber nachdenkt. Und wie viele andere wunderbare Werke der Natur wir mit diesen nützlichen Organen wahrnehmen können, besonders in der Tierwelt: die bunten Farben eines Korallenfischs oder das prächtige Kleid eines Pfaus, den schönen Gesang einer Nachtigall oder die auf seltsame Weise berückenden, sphärischen Laute, die bestimmte Wale von sich geben. Ganz verständlich eigentlich, dass manche Menschen da an dem Glauben festhalten, es könne nicht die Evolution gewesen sein mit ihrer einzigen strengen, kalten Regel »Überlebe!«, die so viel Wunderbares zustande gebracht hat. Sondern dass es einen göttlichen Schöpfer geben muss, der sich all diese erstaunlichen und wunderbaren Dinge ausgedacht hat.

Doch wenn es diesen Schöpfer tatsächlich gäbe, wäre er auch mit einer gehörigen Portion krimineller Energie ausgestattet. Und hätte seine schöpferische Fantasie nicht nur spielen lassen, wenn es um Nützliches und Schönes geht, sondern auch in Sachen Mord. Selbst ein schlichtes Spinnennetz, das jeder von uns schon einmal achtlos aus einer verstaubten Zimmerecke gewischt hat, ist im Grunde ein so clever ausgetüfteltes Mordwerkzeug, eine so hinterlistige tödliche Falle, dass einem ganz mulmig werden kann, wenn man sich zu lange damit beschäftigt. Gegen diejenigen Mordmethoden allerdings, mit denen Mutter Natur einige exotische Verwandte unserer heimischen Hausspinne auf die Jagd schickt, ist dieses Netz kaum mehr als ein plumper Trick - ein fast schon lächerlich einfacher Mordplan.

Um solche ungewöhnlichen tierischen Mordmethoden - und die sie ausführenden Mörder - geht es in diesem Buch. Um die südamerikanische Bolaspinne, die ihre Opfer mit dem Parfum fremder Frauen anlockt und sie dann mit einem Lasso fängt. Um den südostasiatischen Schützenfisch, der seine Beute mit seiner eigenen Spritzpistole von Uferpflanzen schießt. Um den griechischen Steinadler, der sich seine ganz eigene Strategie ausgedacht hat, um der unbezwingbaren griechischen Landschildkröte den Garaus zu machen. Um den Todesstich der Tarantelwespe, den Killerknall des Pistolenkrebses, den tödlichen Stromstoß des Zitteraals. Um tierische Mörderbanden, Serienmörder und Psychokiller, um heimliche und sogar um missverstandene Mörder.

Dabei ist »Mord« natürlich streng genommen das falsche Wort. Zum echten Mord sind nur wir Menschen fähig, denn nur wir haben die Wahl zwischen Gut und Böse. Zwar stellen neueste Untersuchungen der Hirnforschung infrage, ob wir wirklich einen freien Willen besitzen. Aber bei den Tieren zumindest ist die Fachwelt sich noch einigermaßen einig, dass sie rein instinktgeleitet handeln und deshalb für ihre eigenen Taten nicht verantwortlich sind. Auch geht es bei ihnen, anders als bei uns Menschen, immer ums Ganze, wenn sie töten. Von wenigen Ausnahmen abgesehen tun sie das nur, um Beute zu machen und so zu verhindern, dass sie selbst sterben, oder um sich im Kampf um Paarungspartner gegen ihre Rivalen durchzusetzen. Sie töten aus Hunger oder aus Leidenschaft. Und kein Richter der Welt würde sie des kaltblütigen, vorsätzlichen Akts bezichtigen, der im Gerichtssaal unter dem Wort »Mord« verstanden wird.

Trotzdem: Die in diesem Buch geschilderten »Tötungen« geschehen so planvoll und mit Bedacht, mit solch offenkundigem, kühl kalkulierendem Vorsatz, dass sich das Wort »Mord« geradezu aufdrängt. Und wenn man - wie ich es hier tue - etwas fahrlässig damit umgeht, ergeben sich die erstaunlichsten Parallelen zur Welt der Kriminalverbrechen.

Tiere töten auf so faszinierende, intelligente und raffinierte Weise, dass man nur staunen kann. Da ist die Bolaspinne, die nicht nur den Geruch weiblicher Nachtfalter exakt nachbildet, um Nachtfaltermännchen in ihre Nähe zu locken, sondern diese auch noch mit einem selbst gewebten Lasso einfängt wie Cowboys ihre Kühe. Oder die auch in der Nordsee vorkommende Sepie, die ihre Opfer erst hypnotisiert, bevor sie sie angreift, und dann in ihrem eigenen Panzer zu Krabbenpüree verarbeitet.

Ob Hammerhai und Stachelrochen, Tigernatter und Erdkröte oder Eisbär und Ringelrobbe: Anhand von zahlreichen Morden erfahren wir nicht nur alles über die bizarrsten Täter-Opfer-Konstellationen der Evolution, sondern auch alles Wissenswerte über Ernährung, Fortpflanzung und Lebensraum der Protagonisten. Und warum das Opfer keine Chance hat - egal, ob das Verbrechen am Nordpol, in Südostasien, Afrika oder Europa geschieht.


 
   


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