VORWORT
ZUR 5. AUFLAGE 1958
Dieses Buch hat eine Geschichte. Vor 25 Jahren, im Jahre 1933, als in stürmischer Gegenwart deutlich wurde, welche geistigen Auseinandersetzungen auszufechten sein würden, entschloß sich der Verfasser zu dem Wagnis einer umfassenden christlichen Geistesgeschichte und ihrer aus dem Alten Testament abzulesenden Vorstufen. In den Jahren 1927-1929 hatte er in 25 Lieferungen einen Beitrag zu geben versucht zu einem neuen Verständnis der Evangelien; in den Jahren 1930-1933 waren in 42 Lieferungen mit entsprechenden Begleittexten die Bücher des Neuen Testamentes in neuer Übersetzung erschienen. In diesen Arbeiten hatte ihn das Bestreben geleitet, durch die Bilderschicht, die vor allem in den ersten drei Evangelien den Stil bestimmt, auf den real-historischen Grund des unerhörten Heilsgeschehens vorzudringen, wo Geschichte nicht mehr als eine Summe von Einzeltatsachen, sondern nur noch als fortwährendes Mysterium, als Stil, Wille und Offenbarung höherer Mächte, gemeint sein kann.
Jetzt sollte, was nun auch auf Grund der Eindrücke von zwei Palästina-Reisen möglich war, Geschichte als solche dargestellt werden, im Blick auf die Figuren höheren Geschehens im Menschenschicksal, angefangen beim Alten Testament, fortfahrend mit dem Urchristentum, hier aber in einem weiteren Sinne verstanden: die Morgenröte einer neuen Zeit auf den Schauplätzen der letzten vorchristlichen Jahrhunderte, das Leben Jesu, die »drei Jahre«, und schließlich das stille und oft unterirdische Weiterströmen urchristlichen Geistes bis in die Gegenwart herein mitumfassend.
Für die Darstellung der im Alten Testament zutage tretenden Geistesgeschichte war anfangs nur ein Band vorgesehen. In der Arbeit daran zeigte sich jedoch, daß der Stil beim Festhalten an der ursprünglich geplanten Raumverteilung viel zu kompakt und schwer zu verstehen sein würde. Es ergab sich, daß es günstiger war, den ersten Band nur bis zur Patriarchen-Zeit zu führen und den übrigen Stoff auf zwei weitere Bände zu verteilen.
Hinzu kam, daß die Zeitverhältnisse dazu aufforderten, der Veröffentlichung soviel Gewicht wie möglich zu geben. In den Jahren 1934-1936 ein Werk über das Alte Testament erscheinen zu lassen, gehörte wie kaum etwas anderes zu dem geistigen Kampfe hinzu, den damals die Mitarbeiter und Gemeinden der Christengemeinschaft in Deutschland mit dem geistfeindlichen Terrorismus der Machthaber zu führen hatten. Statt politisierender Abwehr mußten dem Ungeist positive Leistungen entgegengestellt werden. Es war im damaligen Zeitpunkt nicht mißzuverstehen, daß durch eine positive Arbeit über das Alte Testament gerade da um geistige Werte der Menschheit gerungen wurde, wohin die hassende Verfolgungswut vor allem zielte.
Leider hat sich der ursprüngliche Plan, das Alte Testament in einem Bande zu behandeln, für den ersten Band, der hier in 5. Auflage erscheint, ungünstig ausgewirkt. Gerade hier waren Darstellungen erforderlich, die in der Gegenwart zunächst noch recht fremd anmuten müssen. Sie wären besser in sehr viel größerer Ausführlichkeit gegeben worden. Es war aber auch später, als Neuauflagen notwendig waren - der erste Band war schon nach einem Jahr vergriffen -, nicht möglich, den allzu komprimierten Text umzugestalten. Es schien ratsamer, die Gesamtdarstellung erst einmal weiter fortzuführen.
Und so ist es geblieben, nicht nur als 1935 und 1936 die beiden anderen Bände über das Alte Testament erschienen, sondern auch in den Jahren, als die ersten vier Bände über das »Urchristentum« hinzukamen, die ersten beiden 1937 und 1939, die beiden nächsten 1948 und 1954, nach der Verbotszeit, während welcher unsere gesamte Literatur verboten war. Nachdem aber nun von dem Gesamtwerk schließlich sieben Bände vorliegen, und zwar von dem Moses-Buch an in einem angemesseneren, ausführlicheren Stil, sind ja wohl rückwirkend auch für den ersten Band erleichterte Verständnismöglichkeiten gegeben. Und so erscheint dieser auch jetzt wieder mit nur geringen Änderungen.
Aus dem Vorwort zur ersten Auflage (1934) sei noch folgendes wiederholt:
Die »Beiträge zur Geistesgeschichte der Menschheit«, die mit Betrachtungen über das Alte Testament beginnen, stellen einen Versuch dar, das lebendige Licht der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners auf eine Erkenntnis der großen Linien und Impulse des historischen Werdens und zugleich auf die Erschließung der biblischen Urkunden anzuwenden.
In ihrer Methode müssen die hier beginnenden Betrachtungen ein Wagnis sein. Auf der einen Seite können sie sich, da sie bemüht sind, sich vom Banne der materialistischen Denkgewohnheiten freizuhalten, nicht in den Bahnen eines ausschließlich auf äußeren Quellen fußenden Wissenschaftsbetriebes bewegen. Auf der anderen Seite können sie nicht den Anspruch erheben, aus der souveränen Schau des Geistesforschers, die Rudolf Steiner zu Gebote stand, hervorzufließen. Es muß versucht werden, die Kenntnis der äußeren historischen Tatbestände sowie der imaginativ-mythischen okkulten Überlieferungen, wozu neben den biblischen Büchern auch das außerbiblische Legendenmaterial gehört, zu verbinden mit dem Leben in der Anthroposophie, die zu beidem einen Schlüssel gibt, sei es, daß sie in der Entfaltung des spirituellen Weltbildes grundsätzlich die Möglichkeit bietet, überall die geistigen Hintergründe zu erkennen, sei es, daß sie selber über bestimmte Knotenpunkte und Rätsel des historischen Werdens Aussagen macht. Auf diesem Wege kann zu einer inneren gedanklichen Anschauung der historischen Gestalten und Prozesse vorgedrungen werden, so daß eins das andere trägt und zur Evidenz bringt. Im Vertrauen darauf, daß sich ein Leserkreis findet, der bereit ist, aus der hier zutage tretenden Gesamtanschauung heraus die dargebotenen Einzeldarstellungen als Arbeitsmaterial für das eigne Eindringen entgegenzunehmen, ist es gewagt worden, ans Werk zu gehen. Dabei konnte natürlich nicht in allem von vorne angefangen werden. Es war nicht möglich und auch wohl nicht notwendig, alle Elemente der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung von Grund auf zu entwickeln. Dafür wurde angestrebt, die Grundbegriffe und die Darstellung so anschaulich wie möglich zu gestalten, so daß sie durch sich selbst verständlich sind und doch den, der sich um ihre genauere Fundierung bemühen will, auf das entsprechende Studium der Anthroposophie hinweisen. Wo aus einer Gesamtanschauung geschöpft wird, die manchem zunächst fremd und ungewohnt ist, kann nur ein geduldiges Zusammenarbeiten von Autor und Leserschaft weiterhelfen. Manches wird erst im Fortschreiten der Darstellungen ganz klar. Das Ganze erklärt das Einzelne. Das Ganze aber des geschichtlichen Werdens in allem Einzelnen zu ahnen und zu erkennen, bedeutet, die Quellen des Enthusiasmus zu finden, von dem Goethe sagt, daß er das Beste sei, was wir von der Geschichte haben.
Mit der Darstellung des Alten Testaments wird deshalb begonnen, weil darin, wenn man es recht versteht, der Blick auf den geistig-kosmischen Mutterschoß der Menschheitsgeschichte gelenkt wird. So wie man das Menschenwesen nicht enträtselt, wenn man nicht zu der Frage nach der Unsterblichkeit die nach der Ungeborenheit hinzufügt, so muß man auch nicht nur nach dem Wohin, sondern auch nach dem Woher der Menschheit fragen, wenn man den inneren Zug und Atem der Geschichte erkennen will. Es möchten die hier beginnenden Beiträge auch ein Erweis dafür sein, daß derjenige das Neue Testament besser und tiefer versteht, dem sich das Alte Testament erschlossen hat, und daß die christliche Bibel nicht ohne Grund die Bücher des Alten Bundes mitumspannt.
Lic. Emil Bock
Bei der Neuherausgabe des siebenbändigen Werkes von Lic. Emil Bock »Beiträge zur Geistesgeschichte der Menschheit« ist der Inhalt unverändert geblieben. Die Überarbeitung beschränkt sich auf die Anordnung des Textes und die Vereinheitlichung der Schreibweise. Im Interesse eines geschlosseneren Druckbildes und einer leichteren Lesbarkeit wurden inhaltliche Anmerkungen und Einschaltungen so weit wie möglich in den Text eingefügt. Die Quellenangaben und Verweise auf bestimmte Stellen oder Kapitel innerhalb der Reihe wurden in einem Anhang zusammengefaßt. Zudem ist jedem Band ein ausführliches Register beigegeben worden, obwohl dem Herausgeber bewußt ist, daß man dem Charakter der Darstellungen nicht gerecht wird, wenn man einzelne Aussagen aus dem Zusammenhang herausgreift. Diese Bücher wollen als Ganzes gelesen werden. Trotzdem mag das Register für die Arbeit mit ihnen und das eingehende Studium der Zusammenhänge eine Hilfe sein.
Mai 1978
Dr. Gundhild Kačer-Bock
VORWORT
Geschichte darzustellen ist nie ohne Mut möglich. Mit der Aneinanderreihung äußerer Tatsachen und Geschehnisse ist es nicht getan. Diese sind überhaupt noch nicht Geschichte. Was sie erst zu Elementen der Geschichte macht, sind die führenden und fügenden Hereinwirkungen geistiger Mächte und Wesenheiten, die hinter den Einzel und Völkerschicksalen stehen.
Die Götter schreiben auf die Erde; die Buchstaben und Schriftzüge, die sie so entstehen lassen, sind die Tatsachen und Ereignisse der irdischen Geschicke. Das ist das Wesen der Geschichte. Sie wird zuerst von Götterhänden geschrieben. Und wenn wir Menschen uns daran wagen, Geschichte zu schreiben, so müssen wir wissen: nur soviel Wahrheit und Realität ist in unserer Darstellung, als wir die Fähigkeit entwickelt haben, jene Tatsachen-Urschrift zu entziffern und zu lesen und in den kleinen Wortschriftzeichen unseres Denkens und Sprechens nachzuzeichnen.
Die Alten sahen in Klio, die mit ihrem Griffel in steinerne Tafeln schreibt, die inspirierende Muse, nach der sich der Geschichtsschreiber zu richten habe. Ihr Bild war eine helfende Brücke zwischen dem Schreiben der Götter in Tatsachen und dem Schreiben der Menschen in Worten. Wie ist es möglich, »mit dem Griffel der Klio zu schreiben« in unserer Zeit, da das Schreiben im Gegensatz zu den in Stein gehauenen Hieroglyphen der Ägypter, den Keilschriftzeichen der Assyrer, den in Holz geschnittenen Runen des Nordens bis in das Schreibzeug hinein flach und mechanisch und zum Ausdruck einer abstrakten Denkungsart geworden ist?
Ein Weg ist dieser: exakt die Tafeln aufzusuchen, auf welche die Genien der Geschichte ihre unverlierbaren Schriftzeichen schreiben. Wo können wir das Buch des Lebens fassen, in das die Götter mit dem Griffel der Klio geschrieben haben und schreiben? Wir können die gleiche Frage auch so ausdrücken: Wo offenbart sich in den geschichtlichen Entwicklungen ein wirklicher Sinn und Fortschritt? Von außen gesehen kann das Geschichtsganze immer nur als ein ewiges Auf und Nieder, als ein kreisendes Vorwärts und Rückwärts, als ein sinnloses Entstehen, Aufblühen und Wiederverwelken der verschiedenen Kulturkreise erscheinen. Nirgends stößt man auf einen wirklich sinnvollen, unverlierbaren Ertrag, der aus einer zu Ende gehenden Kultur in eine andere hinübergetragen wird, es sei denn, daß man noch den Illusionen eines naiven äußeren Zivilisations- und Fortschrittsglaubens huldigt. Der Blick auf die Außenseite der Menschheitsgeschichte kann im Grunde nur zu einem solchen pessimistischen Weltbilde führen, wie Spengler es in seinem »Untergang des Abendlandes« ausgebreitet hat: immer aufs neue wiederholt sich der Kreislauf der Kulturen durch Keimen, Blühen, Reifen, Verwelken, ohne daß von einer Kultur zur anderen ein die Reihenfolge rechtfertigender Entwicklungssinn hindurchschritte. Die Geister der Geschichte scheinen mit einer schlechten Tinte zu schreiben, die stets nach einiger Zeit wieder verlöscht.
In Wirklichkeit sind die Blätter im Buche des Lebens, auf die durch die Jahrtausende hindurch unverlierbare Zeichen geschrieben worden sind und noch weiter geschrieben werden, in einer mehr nach innen gelegenen Schicht zu suchen. Die Tafel, auf die der Griffel der Klio schreibt, ist das menschliche Bewußtsein. Wer die Weltgeschichte als Bewußtseinsgeschichte zu lesen und darzustellen versucht, hat einen Zugang zu den darin waltenden, fortschreitend sich realisierenden Götterzielen. Die Bewußtseinswandlungen, durch welche die Menschheit hindurchgeschritten ist, sind die Stationen des gottgewollten Fortschrittes. In ihnen ist der Sinn des geschichtlichen Werdens zu erkennen.
Die hier vorgelegten »Beiträge zur Geistesgeschichte der Menschheit« versuchen auf den durch die Geisteswissenschaft Rudolf Steiners gewiesenen und gebahnten Wegen eine Darstellung der Geschichte als Bewußtseinsgeschichte. Das muß bei einer Schilderung des Moses-Zeitalters ganz besonders betont werden, da dasselbe bewußtseinsgeschichtlich einen besonders wichtigen Knoten- und Wendepunkt darstellt.
Die Geschichte der Menschheit bis in die Zeit des Moses hinein und darüber hinaus ist noch nicht Geschichte im Sinne der neueren Entwicklungen, weil das menschliche Bewußtsein in jenen Zeiten unserem heutigen Bewußtsein noch gänzlich unähnlich war. Was für die Urzeit bis zu den Patriarchen des Alten Bundes hin in noch viel höherem Maße zutrifft, das gilt auch noch für die Moses-Zeit: die Geschichte ist noch mehr übermenschlich und mythisch als menschlich und historisch. Im eigentlichen Sinne langt die Geschichte, aus dem Obermenschentum kommend, erst in der Zeit Davids beim Menschen an. Aber die Moses-Zeit ist eben die des großen Überganges. In ihr vollzieht sich der für das Bewußtsein der neueren Menschheit grundlegende Bewußtseinswandel; in ihr bahnen sich die Mächte, die das geschichtliche Werden lenken, den Weg zur eigentlichen Menschenebene.
Einer Erkenntnis der menschheitlichen Wichtigkeit gerade des Moses-Zeitalters steht vielfach die gewohnheitsmäßige Vorstellung im Wege, als gehörten Moses, Josua und die Richter bereits zu der allerdings ganz einseitig gewordenen jüdischen Strömung. So wie wir in der »Urgeschichte« das Vor-Israelitische, Allgemein-Menschheitliche solcher Gestalten wie Adam, Henoch, Noah darzutun hatten, so muß durch den hier vorliegenden Band das Vor-Jüdische des Moses und seiner Nachfolger deutlich werden. Das eigentliche Judentum entstand erst in der nachsalomonischen Zeit dadurch, daß ein einzelner von den zwölf israelitischen Stämmen, der Stamm Juda, in den Vordergrund rückte. Bis dahin trug die Geschichte des Alten Bundes noch das gesamt-israelitische Gepräge; das Volk war noch in seiner Zwölfheit eine ausgeglichene Quintessenz der ganzen Menschheit. Das sollte in der Darstellung unter anderem auch durch das Heranziehen der griechischen Parallelgeschehnisse anschaulich gemacht werden. Der die Moses-Zeit erfüllende große Bewußtseinswandel ist in der Tat ein die ganze Menschheit überall ergreifender und gestaltender Vorgang.
Daß sich der vorliegende Band auf das Zeitalter des Moses beschränkt, ist in erster Linie begründet in dem Bestreben, den wichtigen bewußtseinsgeschichtlichen Wendepunkt deutlicher hervorzuheben und ausführlicher zu schildern. Der dritte Band soll das Zeitalter der Könige und der Propheten schildern. Was die Methode der Darstellung anbelangt, so darf, weil es auch auf diesen zweiten Band zutrifft, auf das im Vorwort zum ersten Band Gesagte verwiesen werden. In einem Punkte allerdings hat sich dem Verfasser bei der Niederschrift des zweiten Bandes die konsequentere Durchführung eines methodischen Elementes aufgedrängt: ein ausführlicheres Zitieren der Wortlaute Rudolf Steiners erschien gerade hier ganz unerläßlich. In dem unabsehbar reichen Vortragswerke Rudolf Steiners - weitaus der größte Teil der etwa 6000 Vorträge, die es neben den zahlreichen Büchern von ihm gibt, liegt heute bereits gedruckt vor - gibt es auf Schritt und Tritt Darstellungen und Erwähnungen, die auf das geschichtliche Werden der Menschheit die erstaunlichsten und aufschließendsten Lichter werfen. Und gerade auch über die Probleme der Moses-Zeit ist da in den verschiedensten Zusammenhängen und von den verschiedensten Ausgangspunkten her so gesprochen, daß das ganze geschichtliche Denken und Anschauen dadurch die wesentlichsten Anregungen empfangen kann. Der Verfasser hofft, daß die nun in reicherem Maße wiedergegebenen wörtlichen Zitate wie ihm selber so auch vielen Lesern zu Keimworten eines neuen Denkens und Erkennens werden.
Lic. Emil Bock
VORWORT
Die allgemeingültige, menschheitliche Bedeutung, die das Alte Testament hat, ist am leichtesten zu erkennen am ersten Anfang seiner Bücher, wo in großen Schauungen der Schöpfungsurbeginn, die Urzeit der Erde und des Menschengeschlechtes an uns vorüberzieht. Da stehen wir vor dem geheimnisvollen Werdeschoß, aus dem die ganze Kreatur und alle Menschen stammen.
Auch die Darstellung der Moseszeit ist noch sehr viel mehr als nur ein Stück aus der Geschichte eines einzelnen Volkes. Zeigt die Genesis die Geburt des Menschen auf der Erde, so zeigen die nachfolgenden Bücher die Geburt eines wirklich eigenen Bewußtseins im Menschen. Moses und sein Zeitalter zu betrachten, heißt: der großen Wendung in der Bewußtseinsentwicklung zuzuschauen, durch die der Grund gelegt worden ist zu der Denkfähigkeit und inneren Freiheit, die seit langem für jeden Menschen die wichtigste Lebensnotwendigkeit bedeutet.
Da, wo die Bibel dann dazu übergeht, das davidisch-salomonische Zeitalter und weiterhin die Zeit der Könige und Propheten zu schildern, scheint sie nun in der Tat nichts anderes mehr zu sein als die Geschichte eines sehr speziellen Volkes. Es ist nicht ohne weiteres klar, warum die Entwicklung eines einzelnen Volkes für andere als für die zu ihm Gehörigen mehr als eine studienmäßige Bedeutung haben soll. Und erst recht ist nicht leicht einzusehen, wie die Beschreibung dieser Volksgeschichte innerhalb des Christentums, also für einen gänzlich andersartigen religiösen Bereich, den Charakter einer heiligen Schrift beanspruchen kann.
Es ist die Aufgabe dieses dritten Bandes über »Das Alte Testament und die Geistesgeschichte der Menschheit«, ein Gefühl dafür zu erwecken, daß sich die israelitisch-jüdische Geschichte in der ersten Hälfte des letzten vorchristlichen Jahrtausends im hellbeleuchteten Mittelpunkt der Menschheitsgeschichte abgespielt hat. Zu jeder Zeit steht ein Volk oder eine Völkergruppe im Zentrum der Weltgeschichte und verkörpert voranschreitend und stellvertretend die derzeitige Stufe der inneren Menschheitsentwicklung. Dort laufen eine Zeitlang von überallher, wenn auch nicht immer in äußerlich hervortretenden Zusammenhängen und Vermittlungen, die Strahlen des geistigen Lebens und Strebens zusammen. Dort ist der Brennpunkt der Gesamtentwicklungen und -fortschritte. Dort scheint der wahre Geist des Zeitalters sein Ausstrahlungszentrum zu haben; dort schlägt der Menschheitspuls für diese Zeit. Das trifft zu für die im Alten Testament dargestellte Geschichte.
Selbstverständlich wäre es sinnlos, für die heutige Zeit oder für das Mittelalter oder auch noch für die letzten Jahrhunderte vor der Zeitenwende der Geschichte des Judentums eine so zentrale Menschheitsbedeutung zuzusprechen. Aber zwischen David und Esra war die jüdische Volksgeschichte durchsichtig für die Menschheitsgeschichte.
Die menschheitliche Bedeutung der alttestamentlichen Geschichtsdarstellung wird aber erst in ihrer ganzen Tragweite erkennbar, wenn man hinter dem äußeren Geschichtsverlauf das geistige Geschehen, die Christus-Geschichte, ins Auge faßt. Wiederum ist es die Aufgabe der hier vorgelegten Betrachtungen, ohne fortwährend davon zu sprechen, erkennen zu lassen, wie sehr die israelitisch-jüdische Geschichte ihren Inhalt und ihre innere Gestalt von oben her durch die sich zur Inkarnation anschickende, den Volksleib überschwebende Christuswesenheit empfangen hat. Das eben rückte letzten Endes die Geschichte des einen Volkes eine Zeitlang so deutlich ins Zentrum: daß damals die Menschwerdung Christi ihre volksmäßige Vorstufe fand. Lichter, wie es die Wunder der Prophetenzeit sind, fallen aus einer anderen Sphäre in die irdische Geschichte und lassen in die metahistorischen Vorgänge hineinschauen, die auf einer höheren Ebene vor sich gehen und der Erdengeschichte die höhere Beseelung verleihen.
In das Stoffgebiet dieses Bandes gehören nicht nur die historischen Schriften des Alten Testamentes. Es mußten auch die poetischen Bücher, wie die Psalmen und die salomonischen Schriften, und vor allem auch das prophetische Schrifttum miteinbezogen werden. Dabei konnte, entsprechend dem historischen Charakter der Gesamtarbeit, nur der geistesgeschichtliche Aspekt in Anwendung kommen. Für eine eingehende Betrachtung des Textes dieser Schriften, der die größten künstlerischen, religiösen und spirituellen Reichtümer enthält, möchte unsere Darstellung ausdrücklich den Raum freilassen. Es ist sehr zu hoffen, daß recht viele solcher Betrachtungen von befreundeter Seite erfolgen (siehe Dr. Rudolf Frieling: Die Psalmen), weil dadurch die hier vorgelegte Arbeit eine notwendige Ergänzung findet. Bei der historischen Darstellung mußte, damit die Fülle des Stoffes noch auf eine einigermaßen übersichtliche Art vorgeführt werden konnte, auf alles verzichtet werden, was in der Richtung der Detailmalerei liegt.* Aller Wert mußte auf die Herausarbeitung der großen geistesgeschichtlichen Linien gelegt werden. Dabei mußten auch gelegentliche Wiederholungen in Kauf genommen werden, sei es, daß dadurch die Brücke zu den beiden vorangehenden Bänden (»Urgeschichte« und »Moses und sein Zeitalter«) geschlagen wurde, sei es, daß sie innerhalb dieses Bandes zur Unterstreichung und Verdeutlichung dienen konnten. Wieder muß bedauert werden, daß es, um die Darstellung nicht allzu umfangreich werden zu lassen und um ihr den Charakter einer rein positiven Schilderung zu bewahren, unmöglich war, die hier vorgetragene Betrachtungsart Schritt für Schritt in Form einer Auseinandersetzung mit den Theorien und »Ergebnissen« der Schultheologie zu entwickeln. Manche Leser werden, da sie die anderen Standpunkte nicht kennen, vielfach gar nicht bemerken, zu welchen oftmals endlos diskutierten Problemen hier Stellung genommen wird, und wie weit entfernt von den in der Schultheologie vertretenen Anschauungen die Lösungen liegen, die sich ergeben auf Grund der gar nicht auszuschöpfenden geisteswissenschaftlichen Weg-Weisungen Rudolf Steiners. Schließlich ist es ja aber wichtiger, für diejenigen zu schreiben, die ein unmittelbares, menschlich-religiöses Lebensinteresse zu den hier behandelten Stoffen hinführt, als theologisch-wissenschaftliche Ansprüche zu erheben.
Was die Methode der Verarbeitung geisteswissenschaftlicher Hilfen und Anregungen anbelangt, ist das Notwendige in den Vorworten zu den ersten beiden Bänden gesagt. In diesem Bande waren die Gelegenheiten zu einem wörtlichen Zitieren von Ausführungen Rudolf Steiners weniger zahlreich als in der Darstellung der Moseszeit. Wir haben aber im Interesse derer, denen an der Erarbeitung exakter und eindringender spiritueller Begriffe liegt, auch da nicht auf solche Zitate verzichtet, wo dieselben (wie in dem Abschnitt über »Die Namen Salomos«) für den der Geisteswissenschaft noch ganz fremd Gegenüberstehenden schwer verständlich sein müssen. Es ist darauf Bedacht genommen worden, solche voraussetzungsreicheren Aspekte so in das Buch einzugliedern, daß es möglich ist, darüber vorerst einmal hinwegzugehen, ohne dadurch den Faden der Darstellung zu verlieren.
Lic. Emil Bock
ZUR NEUAUFLAGE 1953
Durch die vorliegende Neuausgabe steht die Reihe der drei Bücher über das Alte Testament, die in den Jahren 1934 bis 1936, also den damaligen offiziellen Kulturtendenzen zum Trotz, herauskamen und 1941 durch Einstampfen vernichtet wurden, wieder vollständig zur Verfügung. Der Neudruck erfolgte bei allen drei Büchern mit nur geringfügigen stilistischen Veränderungen.
Die Bücher über das Alte Testament können nunmehr auch wieder der neu vervollständigten anschließenden Bücherreihe über das »Urchristentum«, wie das in der ursprünglichen Absicht lag, als Fundament dienen.
E.B.
VORBEMERKUNG ZUR NEUAUFLAGE 1958
Seit dieses Buch vor zwei Jahrzehnten in erster Auflage erschien, sind nicht nur die mannigfaltigsten Katastrophen und Untergänge über die Menschheit hereingebrochen: Das Erdreich hat auch, wie von Erdstößen geschüttelt, wichtige Spuren und Dokumente als Zeugnisse entscheidender historischer Entwicklungen hergegeben. Und ein Teil der Entdeckungen, die so gemacht werden konnten, die »Funde am Toten Meer«, betrifft auf das Unmittelbarste einige Kapitel dieses Buches. Es läge also nahe zu denken, daß bei einer Neuauflage dem Neu-Bekannt-gewordenen Rechnung getragen und so das Buch auf den neuesten Stand der Forschung gebracht werden müßte.
Nun ist aber der Verfasser gerade im Blick auf die Tote-Meer-Funde in einer besonderen Lage: Auf Grund zahlreicher Darstellungen Rudolf Steiners habe ich in diesem Buche, vor allem in den Kapiteln über den Essäer-Orden und seinen großen Lehrer und Reformator Jeschu ben Pandira, vor mehr als 20 Jahren gerade diejenigen Tatsachen und Zusammenhänge schildern können, auf welche die skeptische Schulwissenschaft erst durch die Funde am Toten Meer gestoßen und ernsthaft aufmerksam geworden ist.
In einer Reihe von Aufsätzen, die ich in den Jahren 1950-1957, schrittweise den palästinensischen Entdeckungen folgend, schrieb, konnte ich immer wieder darauf hinweisen, daß nun greifbare Bestätigungen des von mir bereits 1937 Dargestellten gefunden seien und daß sich in diesen Darstellungen auch der Schlüssel finde für die Rätselfragen, die durch die Funde neu aufgeworfen und offen geblieben sind.
So darf ich wohl auf Verständnis dafür rechnen, daß ich trotz oder vielmehr wegen der »sensationellen Funde« das Buch unverändert in seiner ursprünglichen Fassung wieder erscheinen lasse; aber auch dafür, daß ich ihm als zweiten Anhang, neben den Schriften des Philo von Alexandrien über die Essäer, das Wesentliche aus den Aufsätzen beifüge, mit denen ich die fortschreitenden Entdeckungen begleitet und in Zusammenhang mit meinem Buch gebracht habe:
1. März/April 1950: »Wichtige Funde in der Wüste« (Die Christengemeinschaft, Jg. 22, Heft 3/4)
2. August 1952: »Die hebräischen Handschriften aus der Höhle« (Die Christengemeinschaft, Jg. 24, Heft 8)
3. Februar 1954: »Zwei Mysterien-Milieus« (Die Christengemeinschaft, Jg. 16, Heft 2)
4. Juli/August 1956: »Zu den Funden am Toten Meer« (Die Drei, Jg. 26, Heft 4)
5. Juli 1957: »Nach den Handschriftenfunden: nun Ausgrabungen am Toten Meer« (Die Christengemeinschaft, Jg. 29, Heft 7)
E.B.
VORWORT ZUR ERSTEN AUFLAGE (1937)
Das Wort »Urchristentum« drückt mehr aus als nur einen historischen Begriff. In jedem Menschen, der mit dem Christentum innerlich verbunden ist, spricht es ein höheres Heimatgefühl an. Es erweckt in ihm eine liebende Bewunderung, ein geistiges Heimweh.
Wenn Goethe von der »Urpflanze« sprach, so meinte er damit nicht ein äußeres Pflanzengebilde, das in der Vergangenheit einmal am Anfang aller pflanzlichen Entwicklungen gestanden hat, sondern ein Geistig-Wesenhaftes, das sein sonnenhafter Blick in jeder einzelnen Pflanze gegenwärtig schaute als ein fortwährend Lebendig-Schöpferisches, das einzelne Blatt - oder Blumengebilde aus sich hervorgebärend.
Ähnlich wie die Urpflanze zu den einzelnen Pflanzen, so verhält sich das Urchristentum, obwohl selber auch eine Entwicklungsphase, zu den einzelnen historischen Entwicklungen und Gestalten des Christentums. Die Geschehnisse, auf die in den Evangelien und in der Apostelgeschichte hingedeutet ist, sowie auch noch die wesentlichen Ereignisse der drei ersten christlichen Jahrhunderte sind mehr als nur irdische Geschichte. In ihnen tritt Überirdisches in das irdische Geschehen ein; in ihnen wird der Himmel zur Erde und der Gott zum Menschen. Durch die irdisch-sichtbaren Bilder und Phänomene hindurch ist deutlicher als in irgendeiner anderen Epoche die himmlische Sphäre der Urbilder und Urphänomene zu erkennen. Ein überirdisches und übermenschliches Geistig-Wesenhaftes verleiblicht sich. Und so ist, die Geschichte des Urchristentums zu beschreiben, nur dann gerechtfertigt, wenn dabei wenigstens der Versuch unternommen wird, durch alles einzelne hindurch die eine große geistige Ganzheit sichtbar werden zu lassen. In dem Maße wie der Versuch gelingt, dämmert im Innern des Geschehens ein Antlitz auf, und wir erkennen: Das Urchristentum ist selbst ein lebendiges Wesen, ein göttlichmenschlicher Genius. Und halten wir schließlich den Blick auf die kosmische, erlösende Liebestat dieses Wesens gerichtet, so können wir sogar sagen: Das Urchristentum ist ein Mensch.
In den üblichen historischen Darstellungen der christlichen Entwicklung kommt das Urchristentum nirgends zu seinem Recht. Zumal die von der protestantischen Theologie hervorgebrachten Bücher über die christliche Kirchengeschichte fangen fast durchweg, nach kurzen, gelegentlich sogar kleingedruckten Vorbemerkungen über die Zeit Jesu und der Apostel, erst mit einer Beschreibung des nachapostolischen Zeitalters an und breiten die Fülle ihrer Schilderungen erst da aus, wo das eigentliche Urchristentum schon zu Ende ist.
Der oberflächliche Grund dafür ist die Abgrenzung der theologischen Disziplinen: Der Kirchenhistoriker überläßt das Leben Jesu sowie die Schicksale und Taten der Apostel einschließlich des Paulus seinen Kollegen, denen die Erforschung des Neuen Testamentes obliegt. Uns scheint jedoch hier durch die Einrichtungen des theologischen Spezialistentums ein ganz tiefliegender Mangel zutage zu treten. Die Loslösung der Evangelienkunde von der historischen Darstellung des Christentums führt dazu, daß die im Neuen Testament dargestellten Ereignisse nicht wirklich als Geschichte, geschweige denn als das Herzstück und der Wendepunkt der ganzen Menschheitsgeschichte, ernstgenommen werden und daß der Kirchengeschichte ihr geistiges Fundament und ihre Quelle, ihre überirdisch-irdische Ausgangswirklichkeit entzogen wird. Die Geschichte des Urchristentums, wie es sich in den ersten drei Jahrhunderten unserer Zeitrechnung entfaltet hat, und insbesondere der äußere und innere Verlauf der ersten 50 Jahre bieten den Schlüssel dar zur Geschichte des Christentums überhaupt. Damals ist die wesenhafte Schicksalsrealität deutlich zutage getreten, die in den späteren Zeiten nur noch durch mancherlei Verschüttungen hindurch sichtbar geworden ist und die zu entzaubern und in erneuter Gestalt wieder erstehen zu lassen den innersten Antrieb zu jeder Darstellung der Christentumsgeschichte bilden sollte.
Der Versuch, dessen erster Teil hier vorgelegt wird, verneint mit Bewußtsein die Trennung der neutestamentlichen und der kirchengeschichtlichen Theologie. Die Geschehnisse, von denen die Bücher des Neuen Testamentes berichten, sollen als ein organisches und zugleich durch und durch zentrales Stück Weltgeschichte geschildert werden, und es wird gewagt, die historische Entwicklung des Christentums und der neueren Menschheit überhaupt darzustellen im Hinschauen auf das wesenhafte Werden des Urchristentums, letztlich auf die fortschreitenden Schicksale der Christuswesenheit selbst.
Die angestrebte organische Geschichtsbetrachtung, die nicht vom Einzelnen zum Ganzen, sondern vom Ganzen zum Einzelnen kommen möchte, macht es notwendig, noch eine andere in der Schultheologie übliche Abtrennung aufzuheben. Je mehr das Christus-Ereignis als der Mittelpunkt der ganzen Menschheitsgeschichte erkannt wird, um so unmöglicher ist es, die Geschichte der vorchristlichen Menschheit von der des Christentums loszulösen. Man bedarf einer inneren Verknüpfung dessen, was in der Theologie als alttestamentliche und religionsgeschichtliche Disziplin einerseits, als neutestamentliche und kirchenhistorische Forschung andrerseits auseinanderfällt. Das übliche Spezialistentum führt dazu, daß das Alte Testament und die Geschichte der übrigen vorchristlichen Religionen ihren inneren Sinn verlieren und daß das Christentum relativiert wird zu einer Religion unter vielen anderen. Man versteht nicht recht, warum überhaupt christliche Theologen noch so viel Wert auf das Studium des Alten Testamentes legen sollen, und verliert den Blick für die innere Universalität und Menschheitlichkeit des Christentums. Nur wenn man lernt, in der alt-testamentlichen Geschichte wie auch in den anderen religiösen Strömungen der Menschheit die vorchristliche Christentumsgeschichte, die Schicksale der Christuswesenheit vor ihrer Menschwerdung zu erkennen, gewinnt das Vorchristliche seinen tieferen Sinn und das Christentum seine Absolutheit zurück. Dann aber ist es notwendig, die christliche Geschichte an die vorchristliche, die im Neuen Testament dargestellten Ereignisse an die im Alten Testament geschilderte Geschichte organisch anzuknüpfen. Das Urchristentum wird entweder aus einer ganz umfassenden, universellen Totalität oder gar nicht verstanden.
Das ist der Grund, weshalb die jetzt beginnende Bücherreihe über das Urchristentum eng an die vorher erschienenen drei Bände über »Das Alte Testament und die Geistesgeschichte der Menschheit« (Urgeschichte, Moses und sein Zeitalter, Könige und Propheten) angeknüpft wird. Es ist zwar Rücksicht darauf genommen, daß die Darstellung des Urchristentums möglichst auch aus sich selbst verständlich sein soll. Aber es muß doch gesagt werden, daß die Schilderungen, mehr als es die ausdrücklichen Rückverweisungen erkennen lassen, auf dem Vorangegangenen fußen. Das Bestreben, das Urchristentum so organisch wie möglich in die bereits vorher entstandene Umwelt hineinzustellen und aus der Geschichte der letzten vorchristlichen Jahrhunderte hervorgehen zu lassen, hat es auch mit sich gebracht, daß in der ersten Hälfte dieses ersten Bandes, die Bücher über das Alte Testament fortsetzend und die Darstellung des Urchristentums vorbereitend, zuvor die letzte griechische, hellenistische, römische und jüdische Vorgeschichte skizziert werden mußte. Nirgends ist es notwendiger als bei einer geschichtlichen Darstellung des Urchristentums, den menschheitlichen Rahmen so weit wie nur irgend möglich zu spannen. Die große, verbindende Ganzheit allein gibt hier dem Einzelnen seinen Sinn.
Viel mehr noch als die nun abgeschlossene Schilderung der alttestamentlichen Geschichte ist der Versuch, das Urchristentum historisch zu beschreiben, ein Wagnis in Hinsicht auf die Methode. Hier, wo so viel Überirdisches und Übersinnliches, so viel allerinnerste Seelenprüfung und Seelenbegnadung in das irdische Geschehen eingetreten ist und im zentralsten Sinne »Geschichte gemacht« hat, muß eine Geschichtsbetrachtung versagen, die sich »um der Wissenschaftlichkeit willen« verpflichtet fühlt, alles zu bezweifeln und zu verneinen, was nicht aus zeitgenössischen Urkunden und Quellen dokumentarisch erwiesen werden kann. Am Urchristentum, vor allem an dem im Evangelium geschilderten Ursprungsgeschehen, entzieht sich das Wesentlichste jeder äußeren Überlieferung und Beweisbarkeit. Man muß das Christus-Ereignis einschließlich dessen, was die Jünger nach dem Karfreitag erlebt haben, wirklich als »das Mysterium von Golgatha« bezeichnen. Die Mysterien der zu Ende gehenden Alten Welt wurden absichtlich geheim gehalten. Dies Mysterium hält sich selber geheim, weil es sich dem Menschen immer nur nach Maßgabe des inneren Spürsinns erschließt. Von diesem »Mysterium von Golgatha« und auch von dem Mysterienhaften der Umwelt, in die es eintrat, historisch zu sprechen, verlangt Ehrfurcht und Wagemut zugleich.
Die skeptizistische und agnostizistische Denkungsart der üblichen »wissenschaftlichen Geschichtsbetrachtung« kommt prägnant in den folgenden Sätzen zum Ausdruck, die in einer Schrift über »Das Christentum im Weltanschauungskampf der Gegenwart« stehen: »Es ist nötig, vor allem auf den fragmentarischen Charakter aller unserer, auch der vollständigsten historischen Erkenntnisse aufmerksam zu machen. Der Reichtum des Geschehenen, die geschichtliche Wirklichkeit in der Vergangenheit, ist nach Inhalt und Umfang unendlich viel größer als unser Wissen davon jemals sein wird, und wenn wir noch Jahrtausende forschten. Denn aus der unübersehbaren Masse der Geschehnisse können dem Historiker nur Teilbestände zugänglich werden, nur das, was irgendwie überliefert ist, durch Quellen, Urkunden zu ihm kommt. Alles andere, was nicht überliefert wurde und überhaupt nicht überliefert werden konnte, weil es der geistigen Innenwelt angehört, dem unerforschlichen Gebiete des Seelenlebens, der inneren Motivation des persönlichen Lebens, kann der Historiker nicht >wissen<, sondern höchstens erraten. Dieses >Erraten< wird unter allen Umständen selbst bei dem exaktesten und gewissenhaftesten Vorgehen mit Mängeln, mit subjektiven Momenten behaftet sein. Wenn Goethe sagt: >Ins Innere der Natur dringt kein erschaffner Geist<, so muß dies Wort ergänzt werden: >Ins Innere der Geschichte dringt auch keinen.«
Rudolf Steiner, der diese Stelle zitiert1, weist mit Nachdruck darauf hin, wie sich die hier unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit zu Tage tretende Erkenntnisresignation durch die darin enthaltene Goethe-Fälschung verrät. Das Wort
Ins Innre der Natur dringt kein erschaffner Geist.
Glückselig, wem sie nur die äußre Schale weist!
ist nicht von Goethe. Goethe zitiert es nur, um sich zornerfüllt dagegen zu wenden:
Das hör ich sechzig Jahre wiederholen
Und fluche drauf, aber verstohlen;
Sage mir tausend tausendmale:
Alles gibt sie reichlich und gern;
Natur hat weder Kern
Noch Schale,
Alles ist sie mit einem Male.
Dich prüfe du nur allermeist,
Ob du Kern oder Schale seist.
Auf Goethe kann sich nur eine Geschichtsbetrachtung berufen, die den mit Ehrfurcht und Gründlichkeit verbundenen Mut an die Stelle des pflichtmäßigen Zweifels und des lahmen Agnostizismus setzt. Wie die Natur, so ist auch die Geschichte »weder Kern noch Schale, sondern alles mit einem Male«. Und die Geschichte des Urchristentums ist mehr noch als alle andere Geschichte Kern und Schale, Urphänomen und Phänomen, Überirdisches und Irdisches zugleich. Sie so darzustellen, daß ihre innere Wahrheit dadurch sichtbar wird und zu ihrem Recht kommt, ist nur möglich, wenn es mit viel Wagemut geschieht.
Zumal in der zweiten Hälfte des hier vorgelegten Bandes mußte immer mehr von den Gepflogenheiten der Schultheologie Abstand genommen werden, auch auf die Gefahr hin, den Vorwurf der Phantasterei dadurch herauszufordern. Vieles wird den Lesern als unbewiesene Behauptung erscheinen. Es möge dann aber auch beachtet werden, wie überall da, wo es nötig schien, durch die Stilisierung zum Ausdruck gebracht wird, daß ich selbst vieles offen lasse und nur immer bemüht bin, mich so weit an die historische Realität heranzutasten, bis wenigstens ein Bild davon entsteht, wie es gewesen sein könnte.
Es ist bezeichnend, daß ein sehr großer und ernstzunehmender Teil der Literatur, die es über das Urchristentum, speziell über das Leben Jesu, gibt, in romanhafte Formen gekleidet ist. Es ist eben immer gefühlt worden, daß es sich hier um geschichtliche Realitäten handelt, die sich eher der künstlerischen Phantasie als dem wissenschaftlich-kritischen Verstande erschließen. Der durch Rudolf Steiner leuchtend aufgetanen spirituellen Gesamtanschauung und seinen bahnbrechenden historischen Hinweisen folgend, wage ich den Versuch, ein Element der inneren künstlerischen Anschauung in die Erforschung und Beschreibung der Urchristentums-Geschichte miteinzubeziehen. Nach den Erfahrungen meiner früheren Arbeiten über die Evangelien sowie meiner dreibändigen Darstellung der alttestamentlichen Geschichte glaube ich, mich an einen Leserkreis wenden zu können, der bereit ist, einer Betrachtungsart zu folgen, die in erster Linie darauf zielt, innere Zusammenhangs- und Gesamtanschauungen zu vermitteln, und die das Einzelne im Darstellen und Entgegennehmen offen lassen kann, weil nicht von den Einzelheiten ausgegangen, sondern das Einzelne aus dem Ganzen gefunden und verstanden wird.
Das vertrauensvolle Wagnis ist bei diesem ersten Bande deshalb besonders groß, weil derselbe vorwiegend einen Vorbereitungscharakter hat und eigentlich nicht mehr tun kann, als den Grundriß abzustecken, auf dem nachher weitergebaut werden soll. Wenn eine erste landkartenartige Gesamtanschauung erreicht werden sollte, mußte ich mir durchweg die Beschränkung auf eine meist nur andeutende Knappheit auferlegen, auch da, wo die Darstellung zunächst ungewohnt und befremdlich anmuten muß. Ich bedauere, der ersten Hälfte nicht eine ganze Reihe von ausführlichen Spezialuntersuchungen beifügen zu können, z. B. über Jeschu ben Pandira. Sie könnten das jetzt nur knapp Skizzierte belegen und im Detail beweisen oder evident machen. Aber das hieße, statt eines Buches eine Bibliothek zu schreiben. Die zweite Hälfte konnte ich, obwohl es da noch gewagter war, getroster in dieser zunächst nur andeutenden Kürze formulieren, da in den folgenden Darstellungen vielfach die gleichen Zusammenhänge von anderen Ausgangspunkten her ausführlich zur Behandlung kommen werden. Um dann wirklich ausführliche und intime Schilderungen geben zu können, werde ich das Leben Jesu in zwei Büchern, »Kindheit und Jugend Jesu« und »Die drei Jahre«, beschreiben. Manche christologischen Elemente, die jetzt einfach nur hingestellt oder sogar vorausgesetzt werden müssen, werden gleichfalls in den Darstellungen des Lebens Jesu oder in dem Buch über »Paulus« nachträglich eingehend zur Sprache kommen.
Möge der Versuch, der in diesen Büchern unternommen wird, auch ein Beitrag sein zur Neubelebung und Stärkung urchristlichen Geistes in unserer Zeit.
Lic. Emil Bock
VORWORT
Kann die Schilderung einer Kindheit und Jugend Anspruch darauf erheben, ein wesentlicher »Beitrag zur Geistesgeschichte der Menschheit« zu sein? Gehört sie nicht eher in das Reich des fabulierenden Märchens als in die Darstellung des strengen, großen Zuges der Weltgeschichte?
In den nie rastenden Strom der Zeit gestellt, neigen wir dazu, die Geschichte für ein unendliches Drama mit immer neuen Akten zu halten, ohne Anfang und ohne Ende. Aber wir dürfen doch die Frage nicht zu stellen versäumen, wo der Ertrag der großen historischen Epochen bleibt. Wie das unscheinbare Samenkorn das Ergebnis eines ganzen Baumes mit seinem Wurzelwerk und Stamm, mit all seinem Geäst und Laub in sich birgt, so ist oftmals in den stillen Anfängen eines einzelnen Menschenlebens, noch ehe das tätige Mannesalter einen neuen Beitrag hinzufügt, das Ergebnis großer weltgeschichtlicher Entwicklungen enthalten.
Mehr aber als von irgendeinem anderen Lebenslauf gilt von der Kindheit und Jugend Jesu, daß sie der stille Same ist, in dem sich der Ertrag der vorhergehenden Menschheitsentwicklung sammelt. Wunder der Vorsehung waren da am Werk, so daß ein wirklicher Mittelpunkt der Weltgeschichte entstand, ein Brennpunkt, in dem alle wichtigen Strahlen der Alten Welt zusammenliefen.
Mit diesem Bewußtsein ist der hier vorgelegte Versuch unternommen worden. Es ist nicht eine mehr oder weniger idyllische Episode, sondern einer der entscheidungsvollsten Abschnitte der Menschheitsgeschichte darzustellen, wenn das Leben Jesu bis zu dem Punkte hin geschildert werden soll, wo es in das eigentliche Christus-Leben einmündet.
Verfolgen wir, was im nächsten Bande geschehen soll, die Wege der Christus-Gestalt zwischen Jordantaufe und Golgatha, in den drei Jahren, auf die der Blick der Evangelien in der Hauptsache gerichtet ist, so haben wir viel mehr, als man zunächst annehmen möchte, das Wesen und Schicksal eines Menschen vor uns, der sich von den anderen Menschen nicht abhebt. Um das hohe göttlich-menschliche Mysterium zu begreifen, das in die schlichte Menschengestalt Jesu zwischen dem 30. und 33. Jahre hineinverschwunden ist, müssen wir uns in das versenken, was vor der Jordantaufe und nach dem Kreuzestode geschehen ist. Offener als in den drei Christus-Jahren liegen die christologischen Geheimnisse vor uns ausgebreitet in den Wundern der Vorsehung, die, von dem Weihnachtsgeschehen ausstrahlend, die Kindheit und Jugend Jesu erfüllen, und in dem noch größeren Wunder der Auferstehung, in das durch das Ostergeschehen das ganze Leben Jesu einmündet. Ostern beginnt in der Menschheit der göttliche Keim der Zukunft, der Same der neuen Welt aufzugehen. Die Bedeutung des Weihnachtsgeschehens und der daraus hervorgehenden Jugendschicksale ist, daß dadurch die Menschheit dem auf die Erde herniedersteigenden Christuswesen die Summe der Vergangenheit, die Frucht der Alten Welt entgegenträgt.
Mancher Leser wird diesem Buch mit der Frage gegenüberstehen: Wie kann man überhaupt angesichts der spärlichen Angaben in den Evangelien und bei dem zweifelhaften Werte der Legendentradition eine ausführlichere Darstellung der Kindheit und Jugend Jesu wagen und noch dazu mit so weittragenden Zielsetzungen?
In Wirklichkeit tut sich bereits eine überquellende Fülle von Anschauung auf, wenn man die Widersprüche ganz ernst nimmt und konsequent verfolgt, die in Hinsicht auf die Anfänge des Lebens Jesu zwischen dem Matthäus-Evangelium und dem Lukas-Evangelium bestehen. Das ist erst recht der Fall, wenn man die epochemachenden positiven Aufschlüsse benützt und verarbeitet, die Rudolf Steiner über die Zweiheit der beiden Weihnachtsgeschichten gegeben hat. Allerdings sind die Vorstellungen, die sich dabei ergeben, so unerhört neu und ungewohnt, daß es eines besonderen Mutes bedarf, ein Buch wie das vorliegende zu schreiben, und wohl auch, um es im Lesen sich anzueignen.
Obwohl sehr vieles einzelne darin nur beanspruchen kann, eine Darstellung davon zu sein, »wie es etwa gewesen sein könnte«, glaubte ich, dieses Buch wagen zu müssen. Die altgewohnten Vorstellungen des traditionellen Christentums bröckeln überall mit erschreckender Schnelligkeit ab. Um so mehr muß man sich verpflichtet fühlen, die Ergebnisse eines neuen Evangelienverständnisses auch da auszusprechen, wo sie den Lesern und Hörern viel Ungewohntes und vielleicht zunächst Fremdartiges zumuten. Es gilt eben doch heute, inmitten großer und erschütternder Völkerschicksale, auf jede Art Zeugnis abzulegen für die durch die Christenheit selbst nur allzuoft verkleinerte und ins Altmodische verzerrte wahre Größe und Zukunftsfähigkeit des Christentums.
Lic. Emil Bock
VORWORT
Seit 1939 das letzte der fünf Bücher zur Geistesgeschichte der Menschheit* erschienen ist, die hier ihre Fortsetzung finden, sind sieben schicksalsschwere Jahre vergangen. Und die Schicksale, die es unterdes zu bestehen galt, haben auch diese Arbeiten betroffen. Im Juni 1941 wurde unter gewalttätigem Zugriff die Christengemeinschaft in Deutschland verboten. Damals wurden mit unserer gesamten Literatur auch die bereits erschienenen Bände dieser Reihe, wo man ihrer nur habhaft werden konnte, weggenommen und samt allen Verlagsbeständen eingestampft. Unter den Büchern und Papieren, die man wagenladungsweise aus meiner Wohnung fortholte, war auch das Manuskript zu mehreren Kapiteln des nächsten Bandes, der Ende 1941 hätte erscheinen sollen. Nach meiner Entlassung aus dem Konzentrationslager gelang es mir - im Jahre 1943 - die verlorenen Teile neu zu schreiben und das Fehlende zu ergänzen. Allerdings mußte ich dabei, da zu dieser Arbeit neben der aufgenötigten fremden Berufstätigkeit nur wenig Zeit blieb, mehr als ich es sonst getan hätte, in der Formgebung auf eine Reihe von Vorträgen zurückgreifen, die ich im Winter 1939/40 gehalten hatte.
Nun ist, nachdem die Christengemeinschaft zu Pfingsten 1945 ihre Wirksamkeit wieder aufgenommen hat, noch einmal weit mehr als ein Jahr verstrichen, ehe es möglich wurde, an die Herausgabe neuer Bücher zu denken. Auch erlaubt es die Fülle der Aufgaben, die jetzt zu bewältigen sind, auf absehbare Zeit nicht, das in der Verbotszeit halb skizzenhaft Niedergeschriebene in eine reifere, mit der Entwicklung Schritt haltende Form umzuschmelzen. So stehe ich vor der Frage, ob es in Zeiten, die in einem so stürmischen Tempo vorwärtsdrängen und die Welt so von Grund auf verändern, verantwortet werden kann, Arbeiten der Öffentlichkeit zu übergeben, die bereits vor einer Anzahl von Jahren entstanden sind. Selbstverständlich würde in dem Buch, wenn ich es heute neu formen könnte, die apokalyptische Hochspannung der gegenwärtigen Menschheitsschicksale kräftiger und unverhohlener mitschwingen. Wenn ich trotzdem dem drängenden Verlangen nach einem ersten Ersatz für unsere zerstörte Evangelienliteratur entspreche, so ist das nur möglich, indem ich die Leser bitte, die Entstehungszeit und Vorgeschichte des Wortlautes zu berücksichtigen, ähnlich wie ich es werde tun müssen, wenn einmal ein Neudruck der vorangehenden Bände möglich werden sollte.
Auch in der jetzigen Fassung des Werkes wird der Leser ein gewisses Mitschwingen des Zeitschicksals bemerken. Wie in den früheren Bänden - die Bücher über das Alte Testament erschienen ja in den Jahren 1934 bis 1936 -, so ist auch in diesem Buch kein Wort geschrieben ohne das Bewußtsein, dadurch dem dämonischen Fieber und der satanischen Veräußerlichung der chaotisch gewordenen und sich in Todeszuckungen windenden Zivilisation die ordnenden und neubeseelenden Ideale und Impulse einer zeitgemäßen Christus-Erkenntnis entgegenzusetzen. So ist die geistesgeschichtliche Einleitung: »Apollonius von Tyana und Jesus von Nazareth«, die ich 1939 und 1940 in zahlreichen Städten in Vortragsform vorbrachte, zugleich als ein deutliches Wort zur Gegenwart erlebt worden.
In der Form weicht der hier vorgelegte Band von den früheren fünf Büchern insofern ab, als er statt der fortlaufenden historischen Darstellung einzelne Betrachtungen enthält. Das Zurückgreifen auf die Form der Evangelienbetrachtungen, wie ich sie 1925-1927 in zwei Jahrgängen herausgab, ist, abgesehen davon, daß die erwähnte Anlehnung an die Vortragsform dazu veranlaßte, in der Natur des behandelten Gegenstandes begründet. Ein »Leben Jesu« zu erzählen, ist im genaueren Sinne nur möglich bis zu dem Ereignis der Jordantaufe hin (wie ich es in dem letzten Buche »Kindheit und Jugend Jesu« versucht habe), weil es sich nur da um eine menschliche Biographie handelt. Die drei Jahre zwischen Jordantaufe und Golgatha in ähnlicher Art darzustellen, ist zwar nicht unmöglich, setzt aber eine solche letzte Reife der Anschauung und Formgebung voraus, daß es nur allzu leicht eine Vermessenheit ist, sich an diese Aufgabe zu wagen. Bis zu dem historischbiographischen Tatbestand dieser knappen drei Jahre vorzudringen, so still und schlicht er auch gewesen sein mag, ist die allerhöchste und schwerste Aufgabe im Ringen um ein wirkliches Verständnis der Evangelien und des geschichtlichen Werdens. Die Theologie des letzten Jahrhunderts hat das nicht gesehen. Sie glaubte im Gegenteil, der äußere historische Verlauf liege auf der Hand und könne ohne weiteres den Ausgangspunkt für alles andere bilden. So entstanden ungezählte Darstellungen des »Lebens Jesu«. In Wirklichkeit ist das, was wir von diesem einmaligen göttlich-menschlichen Lebenslauf in den Evangelien zunächst erreichen, nur die imaginative Schicht, d. h. eine Folge von Seelenbildern, in denen vor allem innerseelisch und übersinnlich verlaufene Geschehnisse wiedergegeben sind. So bin ich auch in meinen Evangelienbetrachtungen zuerst von einer Herausarbeitung des imaginativen Elementes einschließlich des Geheimnisses der Komposition ausgegangen. Und nur in jahrelangem Weiterarbeiten konnte ich hoffen, durch den imaginativen Bild-Schleier allmählich auch zu einer Anschauung dessen vorzudringen, was sich damals auf dem äußeren physischen Plane abgespielt hat. Und so möchten in Fortsetzung der vorangehenden zwei Bände die in diesem Buch zusammengefaßten Betrachtungen, soweit das heute möglich ist, dem Leser Anschauungen und Durchblicke vermitteln, die ihn instand setzen, sich selbst die Bilder und den Verlauf des »Lebens Jesu« auch während der drei Jahre aufzubauen. Die Betrachtungs-Form des Buches bringt einen weitschichtigeren Stil mit sich, während eine fortlaufende historische Schilderung wesentlich knapper und konzentrierter sein könnte. Dafür aber erlaubt sie, sich dem Gegenstande immer wieder von neuen Seiten zu nähern. Eigentlich müßte man nun aber die Zahl der Betrachtungen um ein Vielfaches vermehren. Und so sei es erlaubt zu sagen, daß ich nur, um das Buch nicht über Gebühr anwachsen zu lassen, aus einer wesentlich größeren Zahl vorhandener Betrachtungen eine bestimmte Reihe ausgewählt habe.
Wie die früher erschienenen fünf Bände, so ist auch der gegenwärtige eine Frucht der Bemühung, die durch Rudolf Steiner neu erschlossene spirituelle Betrachtungsart und Erkenntnisfülle auf die Erarbeitung der Evangelien und einer umfassenden Christus-Anschauung anzuwenden. 1935, als gerade der zweite Band über das Alte Testament in Vorbereitung war, wurde in Deutschland die Anthroposophische Gesellschaft verboten. Ich habe trotzdem in den weiteren Bänden überall da, wo es sachlich erforderlich war, den Hinweis auf Rudolf Steiner und die Anthroposophie eingefügt. Jetzt ist es wieder möglich das in voller Deutlichkeit und ohne jede Zurückhaltung zu tun. Möge dieses Buch nun auch ein Beitrag dazu sein, daß auf den Trümmerfeldern Europas die neue schöpferische Geistigkeit erblühe, die allein durch die weiteren Untergänge hindurchtragen und eine neue Welt begründen kann.
Juni 1946
Lic. Emil Bock
Vorbemerkung zur 3. Auflage
Dies Buch hat seine besonderen Schicksale gehabt dadurch, daß sein Entstehen eng in die dramatischen Zeitschicksale hineinverflochten war. Es mag deshalb erlaubt sein, ihm das Vorwort zu belassen, das vor einem Jahrzehnt sein erstes Erscheinen begleitete, obwohl der Wortlaut dieses Vorwortes bis in viele Nuancen hinein aus dem damaligen besonderen Augenblick geprägt ist: eine erste Veröffentlichung nach schweren Kriegs- und Verbotsjahren.
Inzwischen ist das Buch 1955 in englischer Übersetzung unter dem Titel »The three Years« erschienen, und die Bücherreihe über das »Urchristentum« ist durch das Paulus-Buch um einen vierten Band vermehrt worden.
Spätjahr 1956
E.B.
| * | Dieses Element wird auf eine anschauliche und anregende Art (wenn auch innerhalb der schultheologischen Theorien bleibend), z. B. in den populären, für Unterrichtszwecke bestimmten Büchern von Hermann Tögel gepflegt. Die Darstellung des Alten Testamentes trägt den Titel »Das Volk der Religion«. |
| * | Drei Bände über das Alte Testament (1934-1936), zwei Bände zum Urchristentum (1937 und 1939).
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