Vorwort
Eines schönen Abends zu Anfang des Sommers 2002 begegnete ich meinem heutigen Partner. Es war Liebe auf den ersten Blick, auf beiden Seiten. Die Chemie zwischen uns stimmte und die Atmosphäre kribbelte. Wir saßen auf der Terrasse am Wasser und betrachteten gemeinsam die untergehende Sonne, während jeder lebhaft von sich erzählte und aufmerksam die Geschichte des anderen anhörte. Der Vollmond ging auf. Romantischer ging es kaum. Es fiel uns an diesem Abend schwer, uns voneinander zu trennen. Er griff sofort am nächsten Morgen zum Telefon: Ob wir uns verabreden könnten? Innerhalb weniger Tage erklärten wir uns für verliebt. Es war der Beginn einer Beziehung, die meinen Blick auf mich selbst, auf Männer und auf die Liebe eingreifend verändern sollte. Ich hatte bereits eine ganze Reihe von Beziehungen hinter mir, sowohl längere wie auch kürzere. Sie waren allesamt in die Brüche gegangen; aufgrund der fehlenden Bereitschaft der jeweiligen Männer, sich zu binden und sich wirklich hinzugeben - so dachte ich. Der eine wollte nicht mit mir zusammenziehen, der andere hatte noch ein paar Freundinnen in der Hinterhand, wieder ein anderer hing emotional noch an seiner Ex. Irgendwann hatte ich schließlich genug davon;
ich kappte die Beziehung und war wieder allein. Jedes Mal hatte ich die Empfindung, dass es nicht an mir gelegen hatte. Denn ich war ja bereit für die Liebe, ich brachte mich völlig ein. Ich schlussfolgerte, dass es offenbar sehr schwierig wenn nicht unmöglich war, einen Mann zu finden, der zu einer echten, offenen und ehrlichen, treuen, erwachsenen Liebesbeziehung fähig sei. Ich gab die Idee sogar mehr oder weniger auf. Dann eben kein Mann! Doch mit diesem Mann war alles anders: Er wollte eine Beziehung, gern sogar. Die gemeinsam verbrachten Wochenenden wurden immer länger und nach einiger Zeit zogen wir zusammen. Wir waren voneinander fasziniert - und dennoch begannen wir einander immer mehr auf die Nerven zu gehen. Ich ärgerte mich über ihn und er reagierte darauf mit Rückzug. Dies ärgerte mich wiederum, und so gerieten wir in einen Teufelskreis. All dem lag ein Machtkampf zugrunde, ein Kampf, der fortwährend, manchmal offen, häufig jedoch unterschwellig, mit unterschiedlichen Waffen geführt wurde. Wer hatte recht, wer war besser, intelligenter, klüger, weiter entwickelt? Meistens handelte es sich um Bagatellen. Häufig stritten wir über unsere Art, wie wir miteinander redeten: Warum hörst du nicht zu? Warum sagst du sofort Nein zu allem, was ich sage?
Diesmal gelang es mir nicht, meinem Geliebten die Schuld in die Schuhe zu schieben. Ihm lag genauso viel wie mir an der Beziehung, das war völlig deutlich. Er liebte mich, darüber bestand kein Zweifel. Und das machte alles anders. Ich begann den Drachen zu erkennen, der in meiner eigenen Seele verborgen war, den Drachen des weiblichen Besserwissertums, des Besitzdrangs und der Sucht, an allem herumzukritteln - die Unfähigkeit, loszulassen. Diesem Drachen war ich in meiner Arbeit begegnet, einem Forschungsprojekt, das sich mit mythischen Bildern und ihrer symbolischen Bedeutung für uns heute befasste. So entdeckte ich auch das Gegenstück des Drachen in der männlichen Seele, ich nenne ihn einmal den Roboter, mit seinen gepanzerten Emotionen, seiner Sucht nach neuen und aufregenden Dingen - die Neigung, allzu leicht loszulassen. Und es wurde mir deutlich, wie und warum diese beiden Archetypen uns quasi »einprogrammiert« sind.
Ich hatte mich schon immer mit Büchern und Artikeln auseinandergesetzt, die sich mit Beziehungsfragen befassten, und ich schrieb und schreibe immer noch viel darüber in meinem Beruf als Freelance-Journalistin. Vor allem die spirituellen Seiten der Liebe fesseln mich. Einmal belegte ich einige Semester Theologie, wozu auch eine Reihe von Vorlesungen über Alchemie gehörte. Was ich bis zu dieser Zeit über die Alchemie wusste, war das, was alle mehr oder weniger wissen: Ein Alchemist ist jemand, der versucht, aus Blei Gold herzustellen. Durch die Vorlesungen öffnete sich mir eine neue Welt, eine fesselnde, jedoch komplizierte Welt von Texten, Symbolen und Idealen.
Der Dozent, ein Wissenschaftler der katholischen Radboud-Universität in Nijmegen, behandelte auch die »Chymische Hochzeit«, die den Alchemisten zufolge zwischen dem weiblichen und dem männlichen Element stattfindet. Das schlug bei mir ein. »All diese Prinzipien könnte man ohne Weiteres auf moderne Liebesbeziehungen anwenden«, sagte ich zu dem Dozenten. »Aber natürlich!«, antwortete er. »Das hängt alles damit zusammen.«
So ergab sich aus meinen eigenen Forschungen und dem Wissen, das ich mir über die Alchemie erworben habe, die Grundlage für dieses Buch. Fast alles, was ich mir an Erfahrung und Wissen über Liebesbeziehungen erworben habe und was auf diesem Gebiet schiefgehen kann, worin die Ursachen liegen und was man tun kann, um die Beziehung zu verbessern, ließ sich, wie sich zeigte, in den alchemistischen Grundprinzipien zusammenfassen.
Sie brauchen dieses Buch nicht vom Anfang bis Ende zu lesen, obwohl ich es so geschrieben habe. Sie können überall beginnen und die Kapitel in jeder willkürlichen Reihenfolge lesen. Natürlich können Sie auch einfach am Anfang beginnen. Im ersten Kapitel gebe ich das nötige theoretische Hintergrundwissen zur Alchemic Im zweiten Kapitel tauchen wir in die Praxis ein. Das dritte Kapitel erzählt Ihnen alles über den Drachen und den Roboter, und im vierten Kapitel gehe ich tiefer auf den biologischen, evolutionären Ursprung sowie die spirituelle Bedeutung dieser beiden Archetypen in unserer Seele ein. Es geht dabei um das Geheimnis des Kampfes: Jede Auseinandersetzung hat einen Nutzen und Sinn. Kapitel fünf bringt eine psychologische Übung, die zu einer vertieften Selbsterkenntnis führt und die jeder ohne Voraussetzungen anwenden kann. Dazu viele Beispiele, wie sich deren Resultate interpretieren lassen. Im sechsten Kapitel beschreibe ich die unterschiedlichen Stadien, die eine Beziehung durchlaufen kann, und im siebten Kapitel gebe ich einige Tipps, die dazu beitragen können, dass das Feuer des Kampfes nicht allzu hoch auflodert; Hinweise und Erkenntnisse, die mir selbst sehr nützlich waren. Kapitel acht handelt von der Sexualität und zeigt, was sie für Sie bedeuten kann, wenn Sie auch darin eine neue Richtung suchen. Kapitel neun behandelt die Beziehung, wenn man sie unter dem Gesichtspunkt einer alchemistischen Retorte betrachtet: Die sexuelle, aber auch die emotionale Treue zum anderen hält diese Retorte verschlossen. In den letzten drei Kapiteln gehe ich auf die spirituellen Seiten einer Beziehung ein; die Möglichkeiten und die Notwendigkeit, sich selbst zu entwickeln und deren Effekt auf die Liebe.