Vorwort zur sechsten Auflage
Vor fünfzehn Jahren ist dieser Band in der ersten Auflage erschienen. Zur Orientierung der Leserinnen und Leser, die frühere Auflagen besitzen oder kennen, erscheint es mir sinnvoll, die Veränderungen und Erweiterungen im Verlauf der sechs Auflagen zu skizzieren:
Die zweite Auflage wurde gegenüber der ersten lediglich durchgesehen und um neue Literaturverweise erweitert.
In die dritte Auflage wurde darüber hinaus ein neues Kapitel zur aktuellen methodologischen Diskussion in den qualitativen Methoden aufgenommen (10. Praxeologische Methodologie) sowie ein Kapitel mit Anleitungen zur Durchführung von Gruppendiskussionen (11.1. Reflexive Prinzipien der Initiierung und Leitung von Gruppendiskussionen).
Die vierte Auflage wurde gegenüber der dritten lediglich durchgesehen und um neue Literaturverweise erweitert.
Die fünfte Auflage wurde darüber hinaus um Kapitel zur Gesprächsanalyse (7.3. Die Gesprächsanalyse der dokumentarischen Methode im Kontext soziolinguistischer Verfahren) und zur Bildinterpretation erweitert (9. Qualitative Verfahren der Bildinterpretation und dokumentarische Methode). In weiteren neuen Kapiteln wurden die dokumentarische Gesprächsanalyse (12.2. Exemplarische Interpretation einer Textpassage) und die dokumentarische Bildinterpretation (12.4. Exemplarische Bildinterpretationen) beispielhaft erläutert.
Die hiermit vorgelegte sechste Auflage ist gegenüber der fünften lediglich durchgesehen und um neue Literaturverweise erweitert worden.
Ralf Bohnsack
Berlin, im August 2006
Einleitung
Dieses Einführungsbuch ist aus dem Erfahrungs- und Gesprächszusammenhang der Lehre erwachsen. Das heißt, es basiert wesentlich auf Manuskripten, die ursprünglich für die Praxis des Seminar- und Lehrbetriebs bestimmt waren.
Zugleich ist dieses Buch durch die Erfahrungen der eigenen Forschungspraxis (einschließlich der Praxis der Lehrforschung) geprägt. Diese auf der Grundlage eigener Forschungserfahrung und in der Auseinandersetzung mit ihr allmählich gewachsene empirisch-methodische Verfahrensweise habe ich schlagwortartig als "dokumentarische Methode" bezeichnet.
Ich knüpfe damit an die methodologische Tradition der Kultur- und Wissenssoziologie von Karl Mannheim an, wie dieser sie bereits in den 20er Jahren des nun ausgehenden Jahrhunderts begründet hatte. Zwar hat Harold Garfinkel, der Begründer der Ethnomethodologie, Anfang der 60er Jahre auf die dokumentarische Methode und mit ihr auf einige wesentliche Elemente der methodologischen und der erkenntnistheoretischen Arbeiten von Karl Mannheim aufmerksam gemacht. Dennoch sind jene in Mannheims "Lehre von der Seinsverbundenheit des Wissens" bereits in den 20er Jahren ausgearbeiteten methodologischen Einsichten vonseiten der Ethnomethodologie nicht wirklich für eine Rekonstruktion der empirischen Forschungspraxis nutzbar gemacht worden (vgl. Kap. 3.2).
Obschon ich vom Standort meiner eigenen forschungspraktisch fundierten methodologischen Position her argumentiere und auf diese Weise das vorliegende Buch seinen roten Faden und übergreifenden Rahmen erhält, versuche ich dennoch, den anderen, in diesem Buch genauer dargelegten und diskutierten Positionen in deren eigenen, immanenten Ansprüchen gerecht zu werden. In erster Linie sind dies die beiden Verfahrensweisen bzw. Methodologien der objektiven Hermeneutik und des narrativen Interviews.
Die auf dieser Grundlage dann auch vorgenommenen Vergleiche und Gegenüberstellungen der Methodologien haben einerseits den Vorteil, dass deren unterschiedliche Positionen konturierter zum Ausdruck kommen können. Zugleich geht es mir aber auch immer wieder darum, die Gemeinsamkeiten dieser unterschiedlichen Strömungen innerhalb der qualitativen oder rekonstruktiven Sozialforschung durch alle Unterschiede hindurch herauszuarbeiten. So wird es möglich, grundlegende Merkmale und Prämissen rekonstruktiver Sozialforschung erkennbar werden zu lassen. (Damit folge ich im Übrigen demselben Prinzip, welches auch für die empirische Forschungspraxis von zentraler Bedeutung ist: nämlich der komparativen Analyse.)
Um einen Überblick über derartige grundlegende Merkmale der qualitativen bzw. genauer: der rekonstruktiven Verfahren geht es in Kapitel 2 - und zwar in Abgrenzung von der hypothesenprüfenden Verfahrensweise. Es ist diese Gegenüberstellung und Abgrenzung, die ich für sinnvoll und begründbar halte, nicht aber jene von qualitativer und quantitativer Sozialforschung.
Methodologische Überlegungen, die von tatsächlicher Relevanz für die empirische Forschung sein können, haben ihre Erfahrungsgrundlage in der Forschungspraxis. Sie sind im Sinne einer Explikation, Systematisierung, Begründung, Einordnung und Absicherung forschungspraktischer Verfahren zu verstehen, also im Sinne einer Rekonstruktion dieser Forschungspraxis bzw. im Sinne einer Beantwortung von Fragen, die sich im Zuge derartiger Rekonstruktionen dem Forscher stellen. Dies ist eine der Bedeutungen des Titels: "Rekonstruktive Sozialforschung".
Innovative Methodologien, wie diejenige des narrativen Interviews, der objektiven Hermeneutik sowie der Grounded Theory von Glaser/Strauss und schließlich auch der dokumentarischen Methode sind aus der Forschungspraxis heraus entstanden und in der Forschungspraxis weiterentwickelt worden. Eine Methodologie ist hinsichtlich ihrer Plausibilität und ihres innovativen Potentials direkt abhängig von der Forschungspraxis, aus der heraus sie entwickelt wurde (vgl. dazu auch Kap. 11).
Das bedeutet aber auch, dass für das adäquate Verständnis einer Methodologie eine zumindest gewisse Vertrautheit mit der Forschungspraxis Voraussetzung ist. Das heißt, ein Erlernen "qualitativer" Methoden ist an ein (in der Forschungspraxis) selbst erworbenes Erfahrungswissen gebunden, ein lediglich (lehrbuchartig) angeeignetes Wissen bietet keine ausreichende Grundlage. Die Aneignung methodologischer Reflexion, methodischer Regeln, Anweisungen oder Richtlinien allein ermöglicht noch keine Forschungspraxis und auch kein adäquates Verständnis einer Methode. Zwischen methodischen Regeln einerseits und Forschungspraxis andererseits besteht keine deduktive, sondern eine reflexive Beziehung.
In diesem gegenüber der hypothesenprüfenden Methodologie veränderten Verhältnis zur Forschungspraxis dokumentiert sich ein grundlegend anderes Verhältnis zur Alltagspraxis im Allgemeinen, welches nicht nur die Praxis der Forscher, sondern auch die der Erforschten tangiert: Theorie- und Typenbildung vollzieht sich auf der Grundlage einer Rekonstruktion der Alltagspraxis der Erforschten bzw. auf der Grundlage der Rekonstruktion des Erfahrungswissens, welches für diese Alltagspraxis konstitutiv ist. Dies ist die andere der beiden Bedeutungen des Titels: "Rekonstruktive Sozialforschung".
Mit einem derart umrissenen Methodenverständnis sind dann zugleich auch die Grenzen des vorliegenden Buches markiert: Wenn für das Erlernen qualitativer Methoden ein in der Forschungspraxis selbst erworbenes Erfahrungswissen Voraussetzung ist, so erwächst die Aneignung dieser Methoden primär aus der Praxis der Lehrforschung. Methodenbücher können zunächst lediglich einen Beitrag leisten zur Reflexion, Vergewisserung und Bewältigung von Problemen, wie sie sich denjenigen stellen, die sich auf die Forschungspraxis bis zu einem gewissen Grade bereits eingelassen haben.
Dort, wo diese Teilnahme an der Forschungspraxis nicht gegeben ist, vermag ein Lehrbuch dies ansatzweise durch eine "virtuelle Teilnahme" am Forschungsprozess zu kompensieren - auf der Grundlage von Erfahrungsberichten, von Beschreibungen und Erzählungen aus dieser Forschungspraxis.
In jedem Fall aber folgt aus dem bisher Gesagten als wesentliche Voraussetzung für ein sinnvolles Lehrbuch zu Forschungsmethoden, dass es auf der Grundlage von (selbst erworbenen) Forschungserfahrungen entstanden sein sollte. Damit sind nicht allein Erfahrungen im Rahmen größerer Forschungsprojekte gemeint, sondern auch solche im Rahmen der Lehrforschung, d.h. im Rahmen kleiner Forschungsprojekte, die eigens zum Zwecke der Einübung von Student(inn)en in die Forschungspraxis konzipiert worden sind.
Was meine eigenen Erfahrungen anbetrifft, so denke ich hier vor allem auch an jenen Typus von Seminaren oder Kolloquien, in denen Teilnehmer(innen) unterschiedlicher Fachrichtungen ihre eigenen, selbstverantwortlich konzipierten Forschungsprojekte - Examensarbeiten, Dissertationen und Habilitationsschriften - in den verschiedenen Phasen ihrer Bearbeitung zur Diskussion stellen. Da vor allem die Erfahrungen mit Studierenden höherer Semester und mit Graduierten die Gestaltung dieses Buches geprägt haben, ist es in erster Linie an diesen Leserkreis adressiert.
Die von mir dort erfahrene Lebendigkeit und Kreativität der zumeist mehrstündigen Forschungskolloquien ist wohl im Wesentlichen darin begründet, dass im Arbeitsprozess rekonstruktiver Sozialforschung Erforschte wie Forscher sich hinsichtlich der Komplexität ihres Erfahrungswissens, ihrer Alltagskompetenzen und ihrer Sensibilität gleichermaßen ernst genommen fühlen können. Liefert doch die empirische Sozialforschung andererseits genügend Beispiele dafür, dass in den Produkten des Forschungsprozesses sich nicht nur die Erforschten, sondern auch die Forscher selbst kaum wiederzuerkennen vermögen: Indem Forschungstechniken und -produkte ohne Bezug zur Alltagserfahrung und zu der dort verankerten Sensibilität bleiben, sind nicht nur die Ergebnisse dürftig, sondern es sind auch die Voraussetzungen einer produktiv-kritischen Auseinandersetzung mit der Alltagserfahrung gar nicht gegeben. In diesen Bedingungen der Wissens- und Theorieproduktion haben zentrale Probleme der Praxisrelevanz sozialwissenschaftlicher Forschung ihre Wurzeln.
Da die Forschungspraxis ihrer eigenen reflexiven Vergewisserung und Explikation, ihrer methodologischen Rekonstruktion immer ein ganzes Stück voraus ist, lebt die Weiterentwicklung rekonstruktiver Verfahren wie auch deren Vermittlung in der Lehre in ganz entscheidendem Maße vom Austausch der "Werkstatterfahrungen", die am veröffentlichten Produkt des Forschungsprozesses so ohne weiteres nicht mehr abzulesen sind (auch wenn der Prozess der Herstellung der Ergebnisse teilweise mit dargestellt wird).
Derartige methodisch-theoretische Zugänge sind untrennbar verbunden mit Formen der Lehre, die sich von den üblichen Seminarstilen unterscheiden: Die bereits erwähnten Forschungskolloquien mit Studierenden, zu deren wesentlichen Elementen die gemeinsame Erarbeitung, der Austausch und die Reflexion forschungspraktischer Erfahrung gehören, finden sich heute an mehreren Ausbildungs-stätten rekonstruktiver Sozialforschung - bisweilen unter dem Namen "Forschungswerkstatt". Wer diese Seminare kennt, weiß, dass hier die Chance besteht, den in manchen Bereichen schon gar nicht mehr ernst genommenen Anspruch der Einheit von Forschung und Lehre in lebendiger Weise einzulösen.