Vorwort
Wird in der Presse dieser Tage das Thema Doping erwähnt, ließt man in der Regel über besser werdende Testverfahren, dichtere Kontrollen und härtere Strafen im Kampf gegen Dopingsünder. Die öffentliche Debatte um deviantes Verhalten im Sport verengt sich dabei auf medizinische und juristische Instrumente der Problemlösung zwischen denen straffällige und tatwillige Sportler eingekeilt werden sollen. Ziel ist, den Athleten von einer Manipulation abzuschrecken und einen sauberen Sport zu schaffen.
Nun weiß man nicht erst seit der Debatte um zunehmende Jugendgewalt, dass härtere Strafen nicht zwangsläufig zu weniger Gewaltdelikten fuhren - im Gegenteil. Vielmehr ist es wichtig, das soziale und gesellschaftliche Umfeld der Delinquenten in den Lösungsprozess einzubeziehen. Das gilt auch für den Sport. Der dopende Sportler ist kein devianter Einzeltäter, sondern ein Akteur im Schnittpunkt hochkomplexer Netzwerke, die sein Handeln ermöglichen und kanalisieren. Eine solche Perspektive wurde im Antidopingkampf bisher wenig berücksichtigt und ist unbequem. Sie bezieht uns alle in die Analyse der Ursachen des Dopings mit ein - als Eltern, Trainer, Politiker, Wirtschaftsakteure, Medienvertreter und Publikum.
Das soziale Umfeld des dopenden Sportlers gleicht zunächst dem des Hochleistungssportlers im Allgemeinen. Erst spezifische persönliche, gruppendynamische und organisatorische Zwänge trennen im weiteren Verlauf die Karrieren des Dopenden vom Nichtdopenden. So sind es auf persönlicher Ebene, durch die stetige Ausdehnung einer durchschnittlichen Karriere hervorgerufene, finanzielle Existenzängste die deviantes Handeln begünstigen. Die Soziologen Bette und Schimank bezeichnen diese Hochkostensituation, in der jede weitere Investition in den Sport den Erfolgsdruck potenziert, bei gleichzeitiger absoluter Minimierung anderer sozialer Aktivitäten, als "biographische Falle". Ein Phänomen dem man durch parallel zur Sportkarriere laufende Ausbildungs- und Studienprogramme leicht entgegenwirken könnte. Auf gruppendynamischer Ebene findet sich das Problem der fehlenden Transparenz im Sinne eines: "Ich weiß nicht was der andere tut, also tue ich es vorsorglich auch.". Dabei fuhrt die eigentümliche Verquickung von Einzel- und Mannschaftssport im Profiradsport zu fragilen Gruppenkonstellationen in denen zwingender Egoismus durch monetäre Leistungen in Gruppendisziplin integriert werden muss. Mythen über mögliche Dopingmittel, die selten auf faktischem Wissen beruhen, bestimmen die Diskussionen zwischen Sportlern und Betreuern. Im Resultat wird keinem Sieger ein sauberer Sieg zugetraut und das gegenseitige Misstrauen im "Rüstungswettlauf ins Unermessliche getrieben. Aufklärung, Wertevermittlung und das Sichtbarmachen dieser Grauzone, wie es sich einige Pilotprojekte zum Ziel setzten, sind hier die richtigen Ansätze. Auf organisatorischer Ebene sind es mangelnde Vereinsführung, überfüllte den Trainingsplan diktierende Wettkampfkalender sowie überhöhte Leistungsvorgaben des Deutschen Olympischen Sportbundes, der im Zuge allgemeiner Kosteneinsparungen Olympiamedaillen fördert - gute Leistungen, also Ergebnisse ab Platz 3, jedoch finanziell beschneidet, die Doping eher fördern als bekämpfen.
Auch aus systemischer Perspektive ist Doping für unsere Leistungsgesellschaft, der Sport als letztes faires Heldenepos dient, hochproblematisch. Sport erhält seinen Reiz und Sinn durch Regeln, Chancengleichheit, Grenzüberschreitung, fehlendes Stellvertreterhandeln und einen offenen Ausgang. Doping gefährdet diese Logik des Sports, in deren Lichte sich auch Akteure anderer gesellschaftlicher Felder gerne sonnen. Ein siegender Sportler ist dabei von besonderem Interesse und lässt das allgemeine sportliche Fairplay erst zum modernen Heldenepos werden. Olympische Medaillen spielen in der internationalen Politik ebenso eine Rolle wie im regionalen Wahlkampf. Gerne lassen sich politische Akteure mit Blumen und Pokalen ablichten. Dass Hochleistungssport in Verbindung mit Siegen für die Wirtschaft als Werbe- und Kommunikationsmittel hocheffizient ist, ist kein Geheimnis. Bleiben die Medien, die gerne über Helden berichten - oder Doping. Nur als Kuriosum erwecken Durchschnittsleistungen die mediale Aufmerksamkeit. Und wer verlangt nach den Ausnahmeathleten? Wir als Publikum und Katalysator dieses sich selbstbeschleunigenden Gefüges. So verstärken die externen Faktoren nur den Druck der Systemlogik, den sich der Sport mit dem Siegescode selbst setzt. Siege werden zum einzigen Trumpf und deren Ausnahme zur geforderten Alltäglichkeit.
Leise wird die letzte "Insel des Fairplay" einer sonst entfesselten Leistungsgesellschaft von den Imperativen des Wirtschaftsystems besetzt. Wer glaubt, dass im Milliardengeschäft Sport mit bloßem Wasser gehandelt wird und werden kann, verschanzt sich hinter naiver Gläubigkeit. Erst wenn alle Beteiligten dieser "Konstellation" (vgl. Bette; Schimank: 2006) ihre wechselseitige Mittäterschaft erkennen und sich am Präventionskampf beteiligen, ist ein nachhaltiger Erfolg denkbar. Einen gänzlich sauberen Sport gab es nie. Es wird ihn auch nie geben. Diese Einsicht mag traurig stimmen, sie wäre aber der Anfang einer ehrlich geführten Auseinandersetzung die nicht des Dopings Willen, sondern um dessen Lösung geführt wird.
Ich hoffe, mit diesem Buch den beginnenden Paradigmenwechsel im Antidopingkampf zu unterstützen und um weitere Perspektiven bereichern zu können.
Ich danke Judith für die vielen Gespräche, ihre unermüdliche Unterstützung und die Möglichkeit der Horizonterweiterung. Meinen Eltern Ingeborg und Werner Jahn danke ich für ihr Vertrauen. Professor Wolfgang Weigand bestärkte mich immer wieder im unkonventionellen Denken. Professor Stölting, Professor Hermanns und die Universität Potsdam stellten mir die "Insel der Wissenschaft" im Meer des praktischen Vollzugs. Stefan Trommer bot mir freundschaftlichen Ausgleich zum theoretischen Dschungel. Schließlich danke ich Alexander Labrentz und Jana Mähne für ihre unverzichtbare redaktionelle Unterstützung.
Berlin im Mai 2008
Ronny Jahn