Vorwort der Herausgeberinnen der Reihe
• Didaktische Rekonstruktion der Bewegten Schule
Bislang ist viel zur Bewegten Schule geschrieben worden. Zumeist handelt es sich um Ideen, Vorschläge oder Konzepte. Dabei wird weitgehend von den Gedanken der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler geschlossen, was für die Schule und Kinder gut sein könnte. Peter Kuhn ordnet dies der top-down-Strategie zu.
Die subjektive Perspektive der Kinder selbst ist bislang noch nicht einer gründlichen empirischen Überprüfung unterzogen worden.
Da ist es eine wirkliche Neuigkeit, dass nach all den vielen bewegungspädagogischen Vorschlägen nun ein Buch vorliegt, das die Bewegungspädagogik mit all den vielen verschiedenen Modellen empirisch auf Seiten der Kindervorstellungen auf den Prüfstand stellt.
Methodisch geht Kuhn dabei sehr innovativ vor, er analysiert, was Kinder malen und ergänzt diese Erhebungsmethode durch Kinderinterviews. Er redet also nicht nur über die Bedeutung der Kinderperspektive, er bindet sie systematisch in seine Forschung ein. Ihm sind die Wünsche und Vorstellungen von Kindern wichtig, deshalb nimmt er sie als Ausgangspunkt für seine empirischen Erhebungen. Um diese Zielsetzung zu erreichen, kann nicht auf ein gesichertes Forschungsinstrumentarium zurückgegriffen werden.
Sehr sorgfältig analysiert Kuhn vorhandene Forschungsstandards und entwickelt daraus das für seine Fragestellung wichtige Instrumentarium.
Seinen theoretischen Ausgangspunkt bilden die Denkfiguren Erziehender Sportunterricht und Bewegte Schule. Während diese Konzepte aber als topdown-Modelle arbeiten und viele Ziele und Handlungsimpulse sowie Maßnahmen, das Handeln der Lehrpersonen zu beeinflussen, normativ setzen, geht Kuhn den anderen Weg. Er fragt danach, was wir über die Wünsche und Vorstellung von Kindern wissen. Diesen Forschungsrahmen füllt er mit einer sehr genauen Bildanalyse und Dokumentation sowie zahlreichen Interviews aus.
Schon allein die dokumentierten Zeichnungen bzw. Bilder der Kinder geben in ihrer Lebendigkeit eine erste Antwort auf die Frage, wie sich Kinder in der Schule bewegen wollen. Er unterscheidet bei der Interpretation seiner Daten sehr sorgfältig zwischen dem, was Kinder sich für Bewegungsmöglichkeiten in der Klasse, auf dem Pausenhof und im Sportunterricht wünschen. In allen drei Bereichen wird deutlich: Die Perspektive der Kinder auf Bewegung ist keinesfalls deckungsgleich mit der schulischen Realität.
Besonders beeindruckend ist, wie Kuhn herausarbeitet, dass Kinder außerordentlich kompetent ihre Bewegungssituation in der Klasse einschätzen und nach Alternativen suchen. Der Wunsch nach Selbstbestimmung taucht dabei sehr klar auf.
Die Daten zeigen auch, dass Jungen und Mädchen sich sehr unterschiedlich mit der Bewegungswelt auseinander setzen. Mädchen wünschen sich mehr Bewegungs- und Entspannungsmöglichkeiten mit gesundheitsorientierter und partnerschaftlicher Bewegungsmöglichkeit, während Jungen mehr an Computer denken und Abwechslung sowie Bewegungsfreiheit suchen.
Auch die Analyse von Teilstichproben zeigt, dass sie etwa hinsichtlich der Wünsche für die Schulhofgestaltung sehr ähnlich gelagert sind; die Kinder wünschen sich an erster Stelle Ballspielaktivitäten und Spielplatzaktivitäten. Dabei ziehen sie in den Interviewaussagen auch die soziale Situation auf dem Pausenhof und die Interaktionen der Lehrkraft ausgesprochen kompetent in ihre Wunschargumentation ein.
Bezogen auf den Sportunterricht und seine Organisation kann man kontroverse Antworten der Kinder unterscheiden. In Hinblick auf Koedukation oder Monoedukation gehen die Meinungen stark auseinander. Allerdings werden sehr differenzierte Anforderungen an die motivierende und stützende Funktion der Lehrperson gestellt. Dies sind hoch interessante Ergebnisse für weitere Untersuchungen.
Aus den Begründungen der Kinder wird insbesondere deutlich, dass ihnen das Bewegungsmonopol des Sportunterrichts nicht ausreicht, sondern dass ihnen viele sinnvolle Bewegungsmöglichkeiten im gesamten Schulalltag einfallen, für die produktivere Rahmenbedingungen geschaffen werden sollten. Die Wünsche der Kinder bestechen in ihrer Konkretheit und Klarheit. Kinder können genau die Umsetzung beschreiben.
Diese Ergebnisse geben Mut für eine partizipative Entwicklung einer bewegten Schule. Wenn Kinder in die Planung einbezogen werden, dann können sie schon im Grundschulalter wichtige gestalterische Möglichkeiten vorschlagen, die sich auch generell niederschlagen.
Insofern ist dieses Buch nicht nur eine hoch interessante und spannende empirische Untersuchung, sondern gleichzeitig auch ein Plädoyer für eine partizipative Umgestaltung der Bewegungsmöglichkeiten in der Schule.
| Astrid Kaiser | Oldenburg, im September 2006 |
Vorwort des Verfassers
Die Idee zu diesem Buch entstand 1997. Das war das Jahr, in dem das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus die Initiative "Bewegte Grundschule" in Bayern startete. Nun - 2005 - glaube ich, etwas in Erfahrung gebracht und so aufbereitet zu haben, dass diejenigen, die ein wissenschaftliches Interesse an der sportpädagogischen Kindheits- und Schulforschung haben, es mit Gewinn lesen und dass diejenigen, die mit Kindern an der Entwicklung von Schule arbeiten wollen, davon profitieren können. Dieses Buch stellt sich deshalb zwei Ansprüchen: Es will wissenschaftlich aufklären und weiterführen, und es will dorthin gelangen, wo die Daten für seine Ergebnisse herkommen und wo es deshalb hingehört - in die Schule.
Das Kernstück des Buches stellt eine Untersuchung über die Frage dar, welche Wünsche und Vorstellungen Kinder zu Bewegung, Spiel und Sport in der Schule haben. Wenngleich die Initiative "Bewegte Grundschule" den Auslöser für diese Untersuchung darstellt, erschöpfen sich weder sie noch das Buch im Ganzen in der Bewegten Schule. Es geht vielmehr um Bewegungserziehung in der Schule insgesamt - ausgedrückt durch die Kombination der Denkfiguren Erziehender Sportunterricht und Bewegte Schule.
Das Buch versteht sich als Beitrag zur empirischen bewegungspädagogischen Schulforschung. Den derzeit vorliegenden top-down-Konzepten zur Bewegungserziehung in der Schule soll ein bottom-up-approach gegenübergestellt und so eine neue bewegungspädagogische Denkfigur in die Diskussion eingebracht werden. "Was Kinder bewegt" ist nicht nur ein Wortspiel im Hinblick auf die Reflexion äußerer (pädagogischer) und innerer (kindlich-subjektiver) Beweggründe, sondern vor allem ein Forschungsprogramm zur empirischen Unterstützung der theoretisch begründeten Bewegungserziehung in der Schule durch die Rekonstruktion der darauf bezogenen Kinderperspektive.
1997 habe ich den theoretischen Bezugsrahmen und das Forschungsvorhaben konzipiert, 1998 bis 2000 Kinderäußerungen zu Bewegung, Spiel und Sport in der Schule gesammelt, sie bis 2003 ausgewertet und in den letzten beiden Jahren die Ergebnisse niedergeschrieben. Für die Jahre 1998 bis 2003 muss ich genauer von "wir" sprechen. Ich habe vielen zu danken, ohne die dieses Buch nicht zustande gekommen wäre - allen voran Walter Brehm, der mich ermutigt hat, mich an die Kinderperspektive heranzuwagen und der mich über die gesamte Dauer des Projekts hinweg motiviert und immer vorbehaltlos und konstruktiv unterstützt hat. Günter Schorch dankeich für seine vielen hilfreichen Ratschläge zum Verständnis der Kindheits- und Grundschulforschung und zur Entwicklung der Methodologie. Heidrun Printz gebührt besonderer Dank, denn in Diskussionen mit ihr entstand ein entscheidender methodologischer Gedanke für den Zugang zu den kindlichen Wünschen und Vorstellungen. Heinz-Georg Hüber danke ich für einen wichtigen Hinweis zur gedanklichen Konzeption der Methodik. Dem "Kinderwünsche-Team", das mich über Jahre hinweg begleitet hat, verdanke ich sowohl die Datengewinnung und -speicherung als auch viele konstruktive Gedanken und umfangreiche Arbeiten zur Datenauswertung. Beteiligt waren Barbara Medick, Wanda Dudek, Anja Wolfgramm, Marion Heinrich, Evi Heil, Monika Steiner, Anja Schalkhäuser, Melanie Wallraven, Sherin Watzlawzik, Doris Kuhn, Martina Guttenberger, Miriam Fuchs und Joachim Hauer - Letzterer leistete unschätzbare Dienste im EDV-Bereich. Hervorheben möchte ich Barbara Medick, denn sie stellte sich vielen methodologischen Diskussionen mit mir und erfand schließlich den "Leo, ein außerirdisches Kind, das in der Galaxie Draco wohnt", und den "Traum von Leo und seiner Wunschmaschine" - Leitfigur und Leitthema des Untersuchungsgangs. Stefanie Huber gilt mein Dank für ihre umfangreichen redaktionellen Arbeiten zur Vorbereitung auf die Drucklegung sowie für das Korrekturlesen, wofür ich auch Tina Werner danke. Bei allen Kolleginnen und Kollegen des Instituts für Sportwissenschaft der Universität Bayreuth möchte ich mich für ihre Offenheit meinem Projekt gegenüber, ihr Verständnis für meine zeitweilige konzentrierte Verschlossenheit und ihren Rat, im Sportwissenschaftlichen Kolloquium und zwischen Tür und Angel, bedanken.
Als das Projekt begann, waren meine Kinder, Sonja und Jonas, im Grundschulalter. Sie haben das Projekt über die ganze Zeit hinweg mit Interesse verfolgt. Ihnen danke ich dafür, dass sie mir einige Kinderzeichnungen, die das Kinderwünsche-Team nicht verstehen konnte, erklärt und dass sie mich vieles über das Verstehen von Kindern überhaupt gelehrt haben. Meiner Frau, Beate, danke ich für ihr Zuhören und ihren Rat, für ihre kritische Durchsicht des Manuskripts und für ihre grenzenlose Geduld und Unterstützung auf der Zielgeraden. Und schließlich danke ich allen Kindern, deren Lehrkräften und Schulleitern für ihre Teilnahme am Forschungsprogramm "Was Kinder bewegt".
Zum Verständnis dieses Buches sei vorausgeschickt, dass es sich hierbei um die auf die Kinderperspektive konzentrierte Fassung meiner Habilitationsschrift handelt. Die Quintessenzen der ersten beiden Kapitel, in denen es um den bewegungspädagogischen Bezugsrahmen und den Forschungsrahmen ging, habe ich nun in die Einleitung aufgenommen. Der letzte Abschnitt der Ergebnisdiskussion - ein Ausblick auf eine theoretisch fundierte und empirisch gestützte Bewegungserziehung in der Grundschule - bildet nun die Grundlage eines weiteren Buchprojekts. Die Habilitationsschrift selbst wurde im Wettbewerb um den Wissenschaftspreis des Deutschen Olympischen Sportbundes (Carl-Diem-Plakette) 2005/2006 mit einer "Lobenden Anerkennung" ausgezeichnet.
Da im vorliegenden Buch nur wenige der 1185 überwiegend farbigen Kinderzeichnungen wiedergegeben werden können, und dies auch nur in Graustufen, habe ich alle Bilder auf die Projekt-Homepage gestellt. Im Buch wird jeweils mit einem Pfeil und der entsprechenden Nummer des Bildes (z.B. > 4321) darauf verwiesen (www.waskinderbewegt.de).
| Peter Kuhn | Bayreuth, im Herbst 2006 |