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Begabt sein in Deutschland
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Vorwort zur neuen LIT-Schriftenreihe
"Talentförderung - Expertiseentwicklung - Leistungsexzellenz"

Obwohl in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts noch weithin verpönt, sind inzwischen "Hochbegabung" und "Elite" fast schon (wieder) Alltagsbegriffe. Bildungspolitische Defizite der Förderung von Leistungsexzellenz werden auf allen Ebenen unserer Gesellschaft heute vielfach beklagt und eifrig in den Massenmedien kolportiert. Die jüngste Diskussion um die Elite-Universitäten und deren Berechtigung mag beispielhaft hierfür stehen. Die Reaktionen auf internationale Hochschul-Rankings, etwa jenem der Jiao Tong-Universität in Shanghai (wonach sich nur fünf deutsche Universitäten unter den 100 international "Klassenbesten" finden), sind motivationspsychologisch sehr aufschlussreich. So überrascht es kaum, dass die Skeptiker der Exzellenzförderung bzw. jene mit Alleinvertretungsanspruch auf Bildungsgerechtigkeit (durch immer mehr Rahmenverordnungen und Mittelverteilung nach dem "Gießkannenprinzip") sich öffentlich am lautesten gerieren, ohne die begabungs- und bildungspsychologischen sowie die gesellschaftlichen und bildungspolitischen Voraussetzungen für Leistungsexzellenz bzw. Elitebildung und deren Folgen für die Wohlfahrt eines Landes und die Gesamtgesellschaft tiefer zu reflektieren. "Elite lässt sich nicht herbeireden oder gar verordnen - sie ist das Ergebnis besonderen Leistungsvermögens" (E.-L. Winnacker im DFG Magazinforschung 2/2004, S. 3). Diesem Statement des (ehemaligen) DFG-Präsidenten ist uneingeschränkt zuzustimmen, zumal sich noch immer zahlreiche Mythen um die Hochbegabungs- und Expertiseentwicklung ranken.
Zur Aufklärung der Bedingungen von Leistungsexzellenz sowie deren Förderungseffizienz tragen vor allem zwei (unterschiedliche) Forschungsparadigmen bei: die prospektiv orientierte Begabungs bzw. Talentforschung und die retrospektiv ausgerichtete Expertiseforschung. Erst in jüngster Zeit wurde versucht, beide - scheinbar unvereinbaren - Paradigmen zu kombinieren, um die jeweiligen Nachteile zu minimieren und die Vorteile beider Forschungsrichtungen zu maximieren. Davon profitieren sowohl der theoretische Erkenntnisgewinn bezüglich der Entwicklungsbedingungen als auch der praktische Nutzen für die Förderung von Leistungsexzellenz. Ein zentrales Anliegen dieser neuen Schriftenreihe ist es deshalb, über die Ergebnisse der (Hoch-)Begabungs- und Expertiseforschung sowie ihre Implikationen für die praktische Förderung von Leistungsexzellenz in schulischen und außerschulischen Kontexten fortlaufend zu informieren. Dazu werden nicht nur ausgewiesene Forscher, sondern auch erfahrene Praktiker und kompetente Bildungspolitiker jeweils aus ihrer Perspektive beitragen.
Die neue Schriftenreihe wird mit Band 1 "Begabt sein in Deutschland" eröffnet. Für diese aktuelle Bestandsaufnahme konnten 31 Autoren gewonnen werden, die das Thema aus unterschiedlicher Perspektive erörtern. Die ersten drei Kapitel von Teil I fokussieren auf bildungsökonomische Aspekte der Talentförderung. Im einzelnen werden Bildung und Innovation, Bildung und nationale Prosperität sowie die Bildungsfinanzierung und Bildungsregulierung in Deutschland behandelt.
In Teil II werden in den ersten beiden Kapiteln zentrale Konzepte und Bedingungen von Hochbegabung, Expertise und Leistungsexzellenz dargestellt. Sodann folgen zwei Kapitel zur Förderung von Leistungsexzellenz sowie zur Talentförderung und Hochbegabtenberatung in Deutschland, bevor im letzten Kapitel von Teil II die Hochbegabtenförderung auf dem Prüfstand steht.
Unter der bildungspsychologischen Perspektive von Teil III wird zunächst die PISA-Spitzengruppe in Deutschland hinsichtlich ihrer Kompetenzmerkmale charakterisiert, bevor anschließend Verbesserungsmöglichkeiten der Hochbegabtenförderung im allgemeinbildenden Schulwesen diskutiert werden. Im folgenden Kapitel kommen nationale und internationale Leistungswettbewerbe im Kontext der Talentförderung zur Darstellung. Einschlägige Theorien und Forschungsbefunde zum Zusammenhang von Begabung und Berufserfolg sind Gegenstand des nächsten Kapitels. Schließlich werden Berufskarrieren begabter Frauen beschrieben und ein entsprechender Handlungsbedarf daraus abgeleitet.
Die sechs Buchkapitel von Teil IV fokussieren auf gesellschaftliche und bildungspolitische Perspektiven. Zunächst wird die Elitenrekrutierung in Deutschland im Spannungsverhältnis von Meritokratie vs. Mediokrität erörtert und anhand aktueller Beispiele illustriert. Sodann werden Konzepte und Realisierungsansätze von Centers of Excellence in Unternehmen beschrieben und ihre Bedeutung für gesellschaftliche Institutionen aufgezeigt. Eliteförderung und Elitebildung innerhalb und außerhalb der Universität sind Thema des folgenden Kapitels, bevor drei bildungspolitische Beiträge aus der Perspektive des Bundes (BMBF) und der (neuen bzw. alten) Bundesländer zur Hochbegabtenförderung Teil IV abrunden.
Abschließend werden in Teil V die einzelnen Buchbeiträge zusammenfassend kommentiert sowie Empfehlungen zur Qualitätssicherung des Bildungswesens in Deutschland zur Diskussion gestellt. Autorenverzeichnis und Sachregister komplettieren Band 1 der neuen Schriftenreihe. Band 2 der neuen Schriftenreihe zum Thema "Von der Aktivierung der Begabungsreserven zur Hochbegabtenförderung - Forschungsergebnisse aus vier Dekaden" wird im Herbst 2007 folgen.
Das Vorwort zum vorliegenden Band 1 "Begabt sein in Deutschland" hat freundlicherweise der Präsident des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft, Dr. rer. pol. Arend Oetker, übernommen. Die Herausgeber schulden Herrn Dr. Oetker für seine bereitwillige Unterstützung der vorliegenden Publikation ihren besonderen Dank. Wenn diese zur sachbezogenen, fairen Diskussion und nachhaltigen Förderung von Leistungsexzellenz in Deutschland einen wirksamen Beitrag zu leisten vermag, sähen sich die Buchautoren in ihrer Intention bestärkt.
Anerkennenden Dank schulden wir dem Generalsekretär des World Council für Hochbegabung (WCGTC), Herrn Prof. Dr. Taisir Yamin, für die Grußadresse des WCGTC. Schließlich möchten die Herausgeber allen Autorinnen und Autoren von Band 1 für ihre Bereitschaft zur Übernahme eines Beitrags auch an dieser Stelle herzlich danken. Trotz ihrer beruflichen Belastung wurden die meisten Manuskripte pünktlich geliefert. Besonderen Dank schulden wir Frau Angelika Senfter, M.A. Psych., für die kompetente Erstellung der Druckvorlage und des Sachregisters. Der LIT-Verlag hat freundlicherweise die neue Schriftenreihe in sein Verlagsprogramm aufgenommen, wofür wir dem Verlagsleiter Dr. W. Hopf sehr dankbar sind.

München - Ulm, im Frühjahr 2007 Die Herausgeber

Vorwort

1985 wurde auf Initiative des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft der Verein "Bildung & Begabung" gegründet mit dem Ziel, die vielfältigen Begabungen junger Menschen zu wecken, zu finden und zu fördern. Leitgedanke dabei war, dass eine zukunftsfähige Gesellschaft - zumal in einem rohstoffarmen Land wie Deutschland - es sich nicht leisten kann, die vorhandenen Begabungsressourcen nicht zu erschließen - oder, um mit Alfred Herrhausen, dem früheren Vorstandssprecher der Deutschen Bank, zu sprechen: "Es ist kein Luxus, große Begabungen zu fördern; es ist Luxus, und zwar sträflicher Luxus, dies nicht zu tun. "
Was heute nahezu selbstverständlich klingen mag, war noch bis in die neunziger Jahre hinein ein Gegenstand teilweise heftiger gesellschaftlicher und politischer Kontroversen. Begabt bzw. hochbegabt zu sein, müssen die Betroffenen hierzulande eher als Belastung und Strafe denn als Bereicherung und Wettbewerbsvorteil empfunden haben: Schon in der Schule als "Streber" verspottet, in ihrem späteren Leben zwar bestaunt, aber zugleich als kauzige Sonderlinge belächelt, wurden sie nur selten als Vorbilder wertgeschätzt. Wer sich öffentlich für die Begabtenförderung stark machte, setzte sich oftmals dem Vorwurf aus, das Gebot der Chancengleichheit und -gerechtigkeit als tragende Säule unseres sozialen Friedens untergraben zu wollen.
Inzwischen hat sich indessen die Erkenntnis durchgesetzt, dass ein weitgehender Verzicht auf die Förderung individueller Begabungen vor allem Mittelmaß und Stagnation erzeugt. Im globalen Wettbewerb können wir nur bestehen, wenn wir alle verfügbaren Talente durch entsprechende Bildungs- und Förderangebote frühzeitig und nachhaltig zur Entfaltung bringen. Mittlerweile verpflichten viele Schulgesetze die Schulen ausdrücklich dazu, hochbegabte Schüler in ihrer Entwicklung zu fördern. Die Maßnahmen reichen von Beratungsangeboten über Ferienakademien u. ä. bis zu Begabtenklassen und speziellen Schulen für Hochbegabte. Hochschulen ermöglichen begabten Schülern ein Frühstudium. Es gibt zahlreiche, mit öffentlichen Mitteln finanzierte Talentwettbewerbe, angefangen von den Bundeswettbewerben Fremdsprachen und Mathematik bis zu Jugend forscht oder Jugend musiziert. Zahlreiche Begabtenförderungswerke unterstützen Nachwuchstalente mit Stipendien. Viele Stiftungen und auch die Wirtschaft engagieren sich mannigfaltig in der Talentförderung.
Wir haben in den letzten Jahren viel erreicht. "Begabt sein in Deutschland" genießt heute eine höhere öffentliche Aufmerksamkeit und Wertschätzung als in der Vergangenheit. Um im weltweiten Wettbewerb um die besten Köpfe und Talente auf Dauer bestehen zu können, sollten wir unsere Anstrengungen gleichwohl weiter verstärken:

• Erzieher und Lehrer müssen insbesondere in ihren diagnostischen Fähigkeiten, Begabungen zu erkennen, aber auch in ihrem Handlungsrepertoire, mit Heterogenität angemessen umzugehen und individuell zu fördern, sehr viel besser geschult werden.
• Es ist darüber nachdenken, warum es uns nicht gelingt, die Begabungspotentiale junger Frauen und vor allem von Migranten auszuschöpfen, und wie man entsprechend gegensteuern kann.
• Wir brauchen mehr Forschung zum Thema (Hoch-)Begabung. Der Begriff ist schillernd, und noch wissen wir zu wenig, wie Begabungen entstehen, wie wir sie wecken und ihre Entfaltung fördern können.

Natürlich wird die Zahl der Hochbegabten trotz optimaler Unterstützung und Förderung immer vergleichsweise klein bleiben. Die Beschäftigung mit diesem Thema lenkt den Blick aber darauf, dass jeder Mensch besondere Talente hat, sei es in intellektueller, motorischer oder künstlerischer Hinsicht, seien sie handwerklicher oder kommunikativer Natur. Sie zu würdigen und zu entfalten, kommt nicht nur dem Einzelnen zu Gute, sondern der Gesellschaft insgesamt.
Der Facettenreichtum von Begabung und Hochbegabung erfordert eine differenzierte Betrachtung des Gegenstandes. In diesem Buch werden vor allem bildungsökonomische, sozialwissenschaftliche und bildungspolitische Aspekte der Begabtenförderung beleuchtet, wozu ausgewiesene Experten aus den genannten Bereichen beitragen. Wer sich einen umfassenden Überblick über die aktuelle Situation der Hochbegabungsforschung und Begabtenförderung in Deutschland verschaffen möchte, wird in den 20 Buchkapiteln kompetent informiert. Darüber hinaus erleichtert das umfangreiche Sachregister am Ende des Bandes einen raschen Zugriff auf einzelne Themen und Problembereiche. Für alle, die sich mit Fragen der Begabtenförderung befassen, stellt diese neueste Publikation somit eine unentbehrliche Informationsgrundlage dar.

Dr. Arend Oetker, Präsident
des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft


 
   


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