Rita Süssmuth
Festschrift für Hartmut Zinser zum 60. Geburtstag
Geleitwort
Prof. Dr. Hartmut Zinser war von 1996-1998 Mitglied in der unter meiner Präsidentschaft vom Deutschen Bundestag eingesetzten Enquete-Kommission "Sogenannte Sekten und Psychogruppen".
Der Deutsche Bundestag verfügt mit dem Instrument der Enquete-Kommission über ein Mittel, im Zusammenspiel von Wissenschaft und Politik gesellschaftliche Phänomene zu erfassen, zu analysieren und den gesetzgeberischen Handlungsbedarf zu klären. Die Einsetzung von Enquete-Kommissionen verweist somit zugleich auch immer sowohl auf die Verantwortung der Politik als auch auf die Verantwortung der Wissenschaft gegenüber der Gesellschaft.
In einer Zeit, in der religiös-fundamentalistisch begründeter Terror die Welt nahezu täglich erschüttert und in der durch Globalisierung und Migration gerade das Konfliktpotential von Religionen unabweisbar und drastisch verschärft hervortritt, gilt diese gesellschaftliche Verantwortung nicht nur mit Dringlichkeit für das politische Handeln, sondern in spezifischer Weise auch für die Disziplin und die Vertreter der Religionswissenschaft.
Es ist mir deshalb ein persönliches Anliegen, das Moment der sozialen und politischen Verantwortung, welches die wissenschaftliche Tätigkeit Prof. Zinsers in prägnanter Weise auszeichnet, anläßlich seines 60. Geburtstages zu würdigen.
Als Religionswissenschaftler und Sachverständiger hat Prof. Zinser die Arbeit der Enquete-Kommission "Sogenannte Sekten und Psychogruppen" entscheidend mitgestaltet und war maßgeblich an der Redaktion des Zwischen- und Endberichtes1 beteiligt. Die im Rahmen der Kommissions-Arbeit durchgeführte repräsentative Umfrage zur quantitativen Verbreitung und Mitgliedschaft in neuen religiösen und weltanschaulichen Bewegungen geht zudem auf die Initiative von Prof. Zinser zurück und wurde von ihm inhaltlich verantwortet.
Als staatliches Organ Artikel 4 unseres Grundgesetzes und somit zur religiösen und weltanschaulichen Neutralität verpflichtet, sah sich die Enquete-Kommission beständig vor die schwierige Aufgabe gestellt, in ihren Empfehlungen das Spannungsfeld zwischen Glaubens- und Bekenntnisfreiheit als garantiertem Grundrecht des einzelnen einerseits und der staatlichen Aufrechterhaltung unserer Rechtsordnung andererseits abzuwägen. Religionswissenschaftliche Analysen und Forschungsergebnisse waren bei der Bewältigung dieser Aufgabe unabdingbar. So gelang es der Kommission, die Beurteilung "Sogenannter Sekten und Psychogruppen" aus dem Medium der gegenseitigen religiösen Polemik herauszuheben und ihre Terminologie wissenschaftlich und für Neutralität bürgend auszuweisen, indem sorgfältig vermieden wurde, die wertende Begrifflichkeit der Gruppen selbst oder der Kirchen unbesehen zu übernehmen. Im weiteren öffneten die historische Einordnung religiöser Vorstellungen und Praktiken und ausgewählte Demonstrationen den Blick für die sozialen Konsequenzen, die mit bestimmten religiösen Vorstellungen verbunden sind. So galt es etwa, nach den Konsequenzen bspw. von Karmavorstellungen zu fragen und zu prüfen, ob diese mit den Grundwerten unserer Verfassung von Gleichheit, Freiheit und Verantwortung zu vereinbaren sind und inwieweit sie in Spannung bzw. Widerspruch zu diesen geraten können. Derartige Fragestellungen und Überlegungen machten deutlich und einsichtig, daß bei politischen Entscheidungen darauf zu achten ist, die Trennung von Heils- und Rechtsgemeinschaft aufrechtzuerhalten.
Wenngleich der u.a. von Prof. Zinser vertretene Gesetzesvorschlag zur Einführung eines "religiösen Verbraucherschutzes" bisher an politischen Widerständen scheiterte, so ist die handlungsleitende Einsicht der Kommission hervorzuheben, daß das Grundrecht der Religionsfreiheit nicht von der Rechtstreue entbindet. Und so ist ihre daraus hervorgegangene Empfehlung, das bisher im Vereinsrecht gewährte "Religionsprivileg" abzuschaffen, um einen möglichen Mißbrauch auszuschließen, angesichts der aktuellen Entwicklungen nun doch vom Gesetzgeber aufgegriffen und umgesetzt worden.
Seine Mitarbeit in der Enquete-Kommission ist nur ein Beispiel für das wissenschaftliche Engagement Prof. Zinsers. Es hat deutlich gemacht, daß die Politik gerade im Bereich des sich verschärfenden religiösen Konfliktpotentials der kundigen Beratung bedarf, um kompetent und zukunftsweisend entscheiden und handeln zu können.2
Es ist mir eine große Freude, Prof. Zinser anläßlich seines 60. Geburtstages und im Rahmen dieser Festschrift für seine Verdienste danken zu können.
Prof. Dr. Rita Süssmuth
Berlin, im April 2004
1 | Endbericht der Enquete-Kommission "Sogenannte Sekten und Psychogruppen". Neue religiöse und ideologische Gemeinschaften und Psychogruppen in der Bundesrepublik Deutschland. Zur Sache 5/98. Hrg. Deutscher Bundestag, Referat Öffentlichkeitsarbeit, Bonn 1998. Verwiesen sei in diesem Zusammenhang auf Hartmut Zinser: Der Markt der Religionen, München 1997. | |
| 2 | Kaum einzusehen ist es daher, angesichts der aktuellen politischen Entwicklung erfahren zu müssen, daß das Fach Religionswissenschaft an der FU Berlin über kurz oder lang offenbar zur Streichung vorgesehen ist. | |
Vorwort
Der Titel dieser Festschrift "Gelebte Religionen. Untersuchungen zur sozialen Gestaltungskraft religiöser Vorstellungen und Praktiken in Geschichte und Gegenwart" greift die grundlegende Ausrichtung der wissenschaftlichen Forschung und Lehre von Hartmut Zinser auf.
Liegt ein Schwerpunkt seiner religionswissenschaftlichen Arbeit weiterhin im Bereich der theoretischen Reflexion und Kritik, so haben sich seine Untersuchungen im Verlauf der Jahre in zunehmendem Maße der sozialen Dimension von Religionen zugewandt.
Die aus seiner Kritik theoretischer und literarischer Rezeptionsprozesse des Faches hervorgegangenen Erkenntnisse und Fragestellungen wurden dabei von ihm systematisch für die empirische Untersuchung religiöser Vorstellungen in ihrer gelebten Form fruchtbar gemacht und haben sowohl zu neuen Theorie- und Begriffsbestimmungen als auch zu wichtigen Ergebnissen in der Erforschung historischer Religionen und rezenter religiöser Entwicklungen geführt. Die am Ende des Bandes aufgenommene Liste seiner Veröffentlichungen und die ausgewählten Vorträge zeigen dies auf eindrucksvolle Weise.
Die in dieser Festschrift zusammengetragenen Beiträge von Kollegen und Kolleginnen, Schülern und Schülerinnen Hartmut Zinsers spiegeln die Bandbreite seines Wirkens und Interesses in Forschung und Lehre in je eigener Weise wider. Ihre Vielgestaltigkeit legte eine Zuordnung in Themenbereiche nahe, die mitunter nicht einfach zu treffen war. Wir hoffen jedoch, mit der vorliegenden Einteilung eine angemessene Lösung gefunden zu haben.
Wir danken allen, die das Zustandekommen dieser Festschrift mit ihrem Beitrag unterstützt haben. Wir danken zudem der Ernst-Reuter-Gesellschaft der FU Berlin, der Religionswissenschaftlichen Werkstatt Berlin und Charles M. Ternes für die finanzielle Unterstützung der Drucklegung.
Wir wünschen Hartmut Zinser viel Freude an den facettenreichen und spannenden Beiträgen in seiner Festschrift und weiterhin viel Schaffenskraft für seine wissenschaftliche Arbeit.
Berlin, im August 2004
Hildegard Piegeler, Inken Prohl, Stefan Rademacher