Zum Geleit
Am Anfang hat die Philosophie die Musen lange geküsst und sich nachhaltig bei ihnen einquartiert, um einige Grundsätze zu regeln, ehe daraus eine lebenslange Beziehung werden sollte. Jedenfalls hat Rainer Cadenbach noch in Philosophie promoviert, allerdings mit einer systematischen Klärung zum Begriff "Musikalisches Kunstwerk", womit der Boden bereitet war, auf dem er dann immer weitere Forschungsexpeditionen in Musikwissenschaft und -geschichte unternahm. Die Habilitation zur Max Regers Skizzen und Entwürfen fand schon ganz im Hoheitsgebiet des Faches statt, das ihm seit vielen Jahren Heimat geworden ist, allerdings keine des friedlichen Ruhens, sondern der arbeitsreichen Herausforderungen. Die Wege durch die Forschung sind nicht immer breite Straßen, auf denen sich prächtig promenieren lässt. Häufig sind es kleinste Nebenabzweigungen, versteckt und nur mühsam freizulegen, die voran bringen und sei es auch nur, um Gewissheit zu schaffen, wo vorher mehr Ahnung war. Dazu gehören z. B. die Sicherung von Werken durch den nochmaligen und insistenten Vergleich mit den Urtexten und ihre Auswertung. Und dazu gehören auch die besonderen Aufmerksamkeiten für das kleinste Detail, gleichgültig, ob es um das musikalische Werk oder um die Aufschlüsselung von Biographien und deren nur indirekt beweisbare Zusammenhänge mit dem Werk geht. Das und vieles mehr sind Selbstverständlichkeiten für einen Wissenschaftler. Doch über das Mittelmaß des Fleißes und der Genauigkeit erhebt sich schließlich nur die Fähigkeit, einzelne Beobachtungen zu bündeln und das Ganze im Auge zu behalten, ohne das Einzelne gering zu erachten.
Gerade das zeichnet den Wissenschaftler, den Forscher und Lehrer Rainer Cadenbach aus, dass er seit jeher an einem Netz knüpft und darin die einzelnen Fäden wohl zu sortieren und in dem Ganzen zu befestigen weiß. Die Herkunft aus der Philosophie mag hier hilfreich gewesen sein, ohne diesen Tatbestand nun als in jedem Fall erstrebenswert über zu bewerten. Doch das Zusammenbinden von "Grundbegriffen" und "undogmatisch", wie es für seine wichtige erste Arbeit über das musikalische Kunstwerk schon konstitutiv ist, prägt auch die gesamte weitere Entwicklung seines Denkens und Forschens. Es ist ein breites Netzwerk daraus entstanden. Die Vielfalt der Themen und Beiträge zu dieser Festschrift bezeugen das eindrucksvoll; denn hier entstand ja nicht nur eine Sammlung von verstreuten Aufsätzen, sondern im engen und weiteren Sinne gezielte Anknüpfungen an Rainer Cadenbachs Bücher und Aufsätze, an seine Forschungen und die Symposien, die er als Lehrstuhlinhaber für Musikwissenschaft an der Universität der Künste angeregt und mit großem Erfolg durchgeführt hat.
Er hat dabei die besondere Symbiose zwischen Wissenschaft und musikalischer Praxis, die an einer universitären Musikhochschule möglich ist, nicht nur auszunutzen, sondern auch zu befördern verstanden - zum Vorteil für beide Seiten, wie der Beitrag von Uwe-Martin Haiberg eindringlich bezeugt. Die gegebene Nähe ist nicht schon an sich ein Wert; denn die Musikwissenschaft an den Universitäten hat selbstverständlich auch ihre Bindungen zur Praxis. Und was die systematischen und methodischen Bedingungen betrifft, so gelten sie ohnehin über die jeweiligen Institutionen hinweg. Aber man kann, wie Rainer Cadenbach, die Engführung zwischen Wissenschaft und Praxis zu einem eigenen, besonderen Thema formen. Und auch hier, das ist sein Verständnis von wissenschaftlichem Diskurs, engagiert er sich in einem interdisziplinären Projekt. Er hat das Graduiertenkolleg an der UdK über Theorie und Praxis des künstlerischen Schaffensprozesses mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Kunstwissenschaften nicht nur begründet, sondern ist über die Jahre ein wichtiger Mitträger dieser ambitionierten Einrichtung. Hier in der Tat ist die Nähe zwischen künstlerischer Wissenschaft und Praxis ein eigenes, nicht zu ersetzendes Gut. Und das Kolleg bekommt seine Bedeutung nicht nur in Bezug auf die weitere Qualifizierung von Graduierten, sondern auch für die eigene Forschung und ihre Positionierung im interdisziplinären Disput. Dem zollen auch die Beiträge aus den Nachbardisziplinen in diesem Buch ihren Respekt.
Mein Dank gilt allen Autorinnen und Autoren dieser Festschrift, insbesondere auch den Wissenschaftlichen Mitarbeitern Cordula Heymann-Wentzel und Johannes Laas, die als Redakteure diesen Band erst ermöglicht haben. Indem sie alle Rainer Cadenbach ehren, fällt davon auch ein Widerschein auf unsere Institution. Wir nehmen ihn gerne an, wissend, dass die Lehrenden den Geist des Hauses immer wieder neu schaffen und somit auch über die Qualität des Studiums und die Qualifikation der Studierenden entscheiden. Mein Glückwunsch schließlich an Rainer Cadenbach. Wir freuen uns - und insofern kommt die Festschrift zum richtigen Zeitpunkt und nicht erst zum Abschied -, ihn noch einige Jahre als aktiven Kollegen in unseren Reihen zu wissen. Diese Festschrift macht pars pro toto deutlich, in welcher agilen und großen akademischen Gemeinde er ein hoch geschätztes Mitglied ist.
Prof. Lothar Romain
Präsident der Universität der Künste Berlin
Vorwort
Rainer Cadenbach zu seinem 60. Geburtstag eine Festschrift widmen zu wollen, die einen auch nur annähernd vollständigen, auf ihn bezogenen musikalisch, thematischen Rahmen aufweist, bildet ein heikles Unterfangen. Denn der Versuch, das Kennzeichnende des Jubilars gleichsam unter eine Überschrift zu zwingen, muss wohl notwendig scheitern - zu vielfältig sind seine wissenschaftlichen Themen, seine musikpraktische Arbeit, seine Aktivitäten im Musikleben seiner Wirkungsstätte, der Berliner Universität der Künste und weit darüber hinaus.
Dabei war sein Weg zur Musikwissenschaft keineswegs vorgezeichnet. Am 1. Juli 1944 in Kassel geboren, studierte Rainer Cadenbach an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn zunächst Latein und Griechisch, dann Germanistik, Philosophie und Musikwissenschaft, und schloss sein Studium 1970 mit dem Ersten Staatsexamen ab. Als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Philosophischen Seminar A seiner Alma mater hatte er die Redaktion des "Archivs für Geschichte der Philosophie" inne. Zugleich übernahm er die Leitung des studentischen Symphonieorchesters Camerata Musicale im Rahmen des Bonner Collegium Musicum. 1977 promovierte er im Fach Philosophie mit einer Dissertation über Das musikalische Kunstwerk. Grundbegriffe einer undogmatischen Musiktheorie. Danach war er Assistent am Philosophischen Seminar, wechselte jedoch schon ein Jahr darauf an das Musikwissenschaftliche Seminar. 1985 reichte er an der Bonner Universität seine Habilitationsschrift Untersuchungen zu Max Regers Skizzen und Entwürfen ein. Sie ebnete ihm den Weg zur Gastprofessur an der Hochschule der Künste Berlin und schließlich 1987, m der Nachfolge Reinhold Brinkmanns, zum Ruf als Professor für Musikwissenschaft. In enorm fruchtbarer Produktion erschienen jährlich mehrere Aufsatze Lexikonartikel, Rezensionen, Bücher und Werkausgaben mit einem großen Themenspektrum. Eine Bibliographie der wissenschaftlichen Veröffentlichungen Rainer Cadenbachs befindet sich am Schluss dieses Buches.
So mannigfaltig Rainer Cadenbachs geisteswissenschaftliche Interessen sind, so dauerhaft gleich bleibend ist seine immer wieder erstaunliche und unstillbare Neugier auf Musik in all ihren Erscheinungsformen. Ein Blick in die Liste der seit 1987 an der Hochschule der Künste Berlin von ihm durchgerührten Lehrveranstaltungen genügt, um sich ein Bild von der großen Vielfalt zu machen, die seine Forschung und Lehre auszeichnet. Dass sein Schwerpunkt auf der Musikgeschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts liegt, ist begründet in seinem Werdegang, zu einem guten Teil aber auch in den Anforderungen einer nicht zuletzt aufs Praktische ausgerichteten Musikhochschule, die sich heute - auch aufgrund der Leistungen Rainer Cadenbachs - im Verbund mit den anderen dort betriebenen Künsten und Wissenschaften "Universität" nennen darf. Dabei kommt die Form der Musikhochschule seinen Neigungen sehr entgegen, ermöglicht sie doch in besonderer Weise den Austausch zwischen ausübenden Musikern und Wissenschaftlern, als deren Mittelsmann sich Rainer Cadenbach als begabter Cellist und anerkannter Musikwissenschaftler definiert. Daneben sucht er immer den Bezug zur klingenden Musik und also zum Hörer. Deutlich wird dies z. B. in seiner Neigung, ja Leidenschaft für das Moderieren. So betreut er beispielsweise das auf zehn Jahre angelegte, äußerst erfolgreich laufende Großprojekt der Aufführung sämtlicher Haydn-Symphonien in Stuttgart ("Haydn-Dekade") mit dem Stuttgarter Kammerorchester und Dennis Russell Davies als künstlerischem Leiter. "Für die entsprechende Stimmung", heißt es treffend dazu in einer Rezension, "sorgt der verschmitzte Witz von Prof. Cadenbach, der den Humor von Joseph Haydn bestens in Worte umzusetzen versteht." Aber auch in zahlreichen von Rainer Cadenbach angeregten oder ermöglichten Kammerkonzerten in Berlin (nicht nur an der UdK) tritt er als Moderator in Erscheinung. Daneben denke man auch an die salonartigen "Teestunden" mit Kammermusik am Mittwoch Nachmittag, die er semesterweise durchführte, um mit Professoren und Studierenden jeglicher Couleur über Musik ins Gespräch zu kommen. Auf der anderen Seite steht sein unermüdliches Interesse am künstlerischen Schaffensprozess (er ist Gründungsmitglied und Träger des 1998 ins Leben gerufenen Graduiertenkollegs "Theorie und Praxis des künstlerischen Schaffensprozesses" der UdK Berlin), an der Quellen- und Skizzenforschung, aber auch an den damit in Verbindung stehenden Fragen nach den Zusammenhängen zwischen klingender Musik und Aspekten der Biographik. Sie manifestieren sich vor allem in seinen Forschungsaktivitäten zu Beethoven und Reger, aber auch in vielen anderen wissenschaftlichen Beiträgen, Editionen oder von ihm veranstalteten Symposien. Dabei geht es ihm nie um das bloße Herausfinden biographischer Details, sondern immer um Fragen der Wechselwirkung zwischen Musik und Leben, letztlich als Voraussetzung für das ständig hinterfragbare und immer wieder zu hinterfragende Verstehen musikalischer Kunstwerke und ihrer Rezeptionsgeschichte.
Um Rainer Cadenbachs vielseitige künstlerische und wissenschaftliche Vita auf einen Nenner zu bringen, bot sich daher den Herausgebern, beide Wissenschaftliche Mitarbeiter an der Fakultät Musik der Universität der Künste Berlin und Doktoranden des Jubilars, am ehesten das Motto "Musik und Biographie" an - ein ebenso bestimmtes wie offenes Thema. Den erfreulich vielen Beiträgern geht es dabei, wie Cadenbach in seinem wissenschaftlichen Wirken, vor allem um das "und": Der Blick erstreckt sich sowohl auf Autobiographisches in der Musik und im künstlerischen Schaffensprozess als auch auf Musikalisches in der Biographie, auf die tönende Darstellung "fiktiver" Biographien oder auch auf den Zusammenhang von Interpretation und Erfahrung; im weitesten Sinne also auf das, was Hans Heinrich Eggebrecht einmal so formulierte: "Für dieses konkrete In-Beziehung-Setzen von Musik und Biographie gibt es keine Regulative: Es ist in seinen Möglichkeiten offen und unerschöpflich, eine Angelegenheit des pretierenden Sichtens und Sehens, anders- und eigenartig von Fall zu Fall, je nachdem, welche Fragen von der Musik her an die Biographie gestellt werden." Ferner schließt sich dieses Buch in vieler Hinsicht an den Band Biographische Konstellation und künstlerisches Handeln an, der 1997 von Giselher Schubet herausgegeben wurde und auf dessen dortiges Vorwort hier verwiesen sei. Einige Beiträge aus benachbarten Disziplinen runden die Festschrift ab und zeugen damit zugleich von der immer vielseitigen Betrachtungsweise des Jubilars. Damit hoffen die Herausgeber, sowohl eine Ahnung von den wissenschaftlichen Leistungen Rainer Cadenbachs zu vermitteln als auch die gegenwärtige Forschung zum gewählten Themenkomplex in seinem Sinne zu bereichern. Sie findet hier, in einem weiten Panorama unterschiedlichster Herangehensweisen an die Musik und die Musikgeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart, ein breites Forum.
Die Herausgeber sind einigen Personen zu großem Dank verpflichtet. Zunächst gilt unsere Danksagung dem Präsidenten der Universität der Künste Berlin, Herrn Prof. Lothar Romain, der ohne Zögern einen großzügigen Druckkostenzuschuss zugesagt und damit das Erscheinen dieser Festschrift überhaupt erst ermöglicht hat. Sodann danken wir natürlich den zahlreichen Autorinnen und Autoren des vorliegenden Buches für die Bereitschaft zur Mitarbeit und die sehr angenehme Zusammenarbeit. Unser Verleger, Dr. Thomas Neumann, stand uns in vielen Fragen zur Seite. Cornelia Bartsch hatte die Idee für das Rahmenthema. Neben ihr halfen Nadine Frischmuth, Gabriele Heymann, Josephine Kubier, Sandra Pohl, Hannelore Psathas sowie die Doktoranden Florian Edler, Andreas Ickstadt, Urs Liska, Jörg Siepermann und Martin Ullrich beim Korrekturlesen. Frank Wentzel unterstützte uns kenntnisreich bei der Bearbeitung der Graphikvorlagen. Die Gestaltung des Umschlags besorgte Dr. Markus Heiniein, die Idee dazu hatte Marianne Cadenbach, die Ehefrau des Jubilars, die überhaupt mit Rat und Tat das Unternehmen hilfreich begleitete und großzügig den Einband ermöglichte. Allen genannten Personen sei für ihren Anteil am Gelingen dieser Festschrift für Rainer Cadenbach sehr herzlich gedankt.
| Berlin, im März 2004 | Cordula Heymann-Wentzel Johannes Laas |