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B. Travens Erzählwerk in der Konstellation von Sprachen und Kulturen
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Vorwort



Die Erforschung des erzählenden Werks von B. Traven (Recherchen zur Biographie stehen hier nicht zur Diskussion) wird seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts im wesentlichen durch vier Linien bestimmt.

Erstens haben die philologischen Bemühungen um diesen Autor zweier Hemisphären - Bemühungen, die in den sechziger und auch noch den siebziger Jahren weitgehend nationalliterarisch fixiert waren - sich in dem Sinne internationalisiert, daß die zuständigen Disziplinen und vor allem auch die Wissenschaftler der zuständigen Sprachräume miteinander in Austausch traten. Ein erstes wegweisendes Zeichen setzte die Traven-Konferenz an der Pennsylvania State University 1982, die englisch- und deutschsprachige Kollegen versammelte und deren Vorträge 1987 veröffentlicht wurden; hier war zugleich mit einer gewissen Emphase der Ansatz vertreten worden, Travens Romane aus dem Trivialitätsverdacht herauszuholen und nunmehr in der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts zu verorten. Zweitens ist der Forschung durch die (wenngleich noch selektive) Öffnung des Zugangs zum Nachlaß des Autors in Mexiko-Stadt sowie durch die Einrichtung eines Archivs mit Marut-Traven-Material des Zeitraums 1901-1923 an der University of California, Riverside eine entscheidende neue Dimension eröffnet worden. Die Nutzung beider Archive durch vorwiegend amerikanische und deutsche Literaturwissenschaftler hat uns bereits in diesen wenigen Jahren einen beträchtlichen Zuwachs an Erkenntnis gebracht.

Es zeichnet sich überdies (das ist eine dritte, durchaus auch durch die bereits genannten beiden Motivlinien beförderte Linie) mittlerweile sehr deutlich ab, daß Travens Œuvre auf eine wohl unvergleichbare Weise in eine Vielzahl von Werkgeschichten zerfällt. Das Einzigartige am Befund für diesen Autor liegt darin, daß die Prozesse der Textgeschichte hier in der Konstellation dreier Sprachen stehen; zugleich haben wir es in etlichen Fällen, da Traven sowohl für das amerikanische Englisch wie für das mexikanische Spanisch auf die Hilfe von Lektoren und Mitarbeitern angewiesen war, mit dem auch in theoretischer Hinsicht reizvollen Fall einer Ersetzung des Autors durch ein Autorkonstrukt zu tun. Untersuchungen des Œuvres im Blick auf diesen diffizilen Komplex liegen erst in Ansätzen vor. Viertens schließlich ist Traven vornehmlich seit den neunziger Jahren in das Blickfeld der neu durchgesetzten interkulturellen und postkolonialen Interpretationstheorien geraten. Damit rückt dieser Schriftsteller, dessen weltanschauliche Position weiterhin im Anarchismus und Syndikalismus verortet werden kann, in den Status eines differenziert umstrittenen und komplex widersprüchlichen Autors.

Unter solchen forschungsgeschichtlichen Vorgaben wurde für den 24. bis 27. September 2003 zur ersten Traven-Konferenz im deutschsprachigen Raum eingeladen. Ein über die skizzierten Vorgaben hinaus verfolgtes Ziel dieser Veranstaltung bestand (hier sollte der Impuls, Traven in der Weltliteratur zu sehen, weitergetragen werden) m der Applikation narratologischer Begrifflichkeiten und Theorien auf das Werk. Eingeladen wurden die bekannten Vertreter der internationalen Traven-Philologie, die sich zuletzt in London (1994) und Stockholm (1999) getroffen hatten und von denen viele zusagen konnten, sowie eine Anzahl meist jüngerer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich erstmals diesem Autor zuwenden wollten. Eine freudige Überraschung stellte die Anwesenheit von Maria Eugenia Montes de Oca de Heyman dar, die aus México, D. F. angereist war und aus Briefen ihres Stiefvaters las. Der Ort der Konferenz war die Stadt Eutin im Landkreis Ostholstein, deren Landesbibliothek mit der ihr angegliederten Forschungsstelle zur historischen Reisekultur den auch thematisch passenden Rahmen bot. Daß der Unbekannte, der sich Ret Marut und dann B. Traven nannte, in dieser Region möglicherweise geboren wurde, lag als eine Art Schattenlinie über unserer Veranstaltung.

Hier werden nun die auf der Konferenz gehaltenen Vorträge, teilweise in stärker überarbeiteter Form und ergänzt um zwei weitere Aufsätze, in gedruckter Form vorgelegt. Mit der Lieblosigkeit der Kürze seien sie vorab charakterisiert und situiert.

Eine Arbeit präsentiert bisher unbekanntes Marut-Traven-Material aus dem Nachlaß (F. Nordhausen). Zwei weitere Beiträge stellen Travens Roman Das Totenschiff in intertextuelle bzw. komparatistische Bezüge (E.-U. Pinkert, J. Sacido Romero). Die gegenwärtig in einem verdeckten Konflikt stehenden Wissenschaftsdiskurse der philosophiegeschichtlichen Rekonstruktion von Travens Anarchismus und Kapitalismus-Kritik einerseits und der interkulturellen bzw. postkolonialen kritischen Bewertung von Travens Darstellung Mexikos andererseits bestimmen nicht weniger als sechs Aufsätze (E. Almstadt, W. Dahle, D. Rall, A. Lürbke, St. Hofer, A. Opitz). Es wird nicht verwundern, daß es hier entschiedene Stellungnahmen und konträre, wohl auch nicht vermittelbare Positionen gibt. Nicht ganz so viele Untersuchungen kommen aus der Narratologie (G. Potapova, M. Stein, J. Ch. Meister, G. Dammann), denen als wenigstens angrenzende Studie noch ein Aufsatz mit linguistischer Fragestellung zur Seite gestellt werden darf (J. Dietze). Für das exponierte Problem der Vielzahl von Werkgestalten in Travens Œuvre konnten zwei Beiträger gewonnen werden (A. Corkhill, K. S. Guthke). Schließlich befassen sich insgesamt vier Aufsätze mit sehr unterschiedlichen Fragen der Wirkungsgeschichte Travens (U. Bonter, M. Krivokapic, K. Schulte / H. Zogbaum, R. v. Hanffstengel).

Bei der Konzeption der Tagung (dies ergänzend zur Sektion der narratologisch ausgerichteten Beiträge) hatte ich T. Kindt (Hamburg, jetzt Göttingen) vorgeschlagen, Travens Roman Die Baumwollpflücker unter dem Gesichtspunkt des "unzuverlässigen Erzählens" zu betrachten. Mir schien die Erzählerfigur Gerard Gale ein interessanter Fall für die Anwendung dieser seit einigen Jahren auch in der deutschen Literaturwissenschaft verstärkt erörterten Kategorie zu sein; zugleich hoffte ich, daß über die Demonstration eines solchen Ansatzes der Blick noch weiter geöffnet werden könnte für die bisher so gut wie nie gesehenen erzähltechnischen und erzähltheoretischen Aspekte Travens. Kindt, ein vorzüglicher Kenner der bekanntlich auf Wayne C. Booths The Rhetoric of Fiction (1961) zurückgehenden internationalen Diskussion über den "unreliable narrator", sagte freundlicherweise zu, das Thema zu übernehmen. Sein Referat stieß auf große Resonanz unter den Teilnehmern der Eutiner Tagung, ist jedoch nicht in druckfertiger Fassung für diesen Band eingereicht worden. Ich bedaure das, weil nun ein gewichtiges Stück des mit der Konferenz verbundenen Projekts fehlt.

Bei der redaktionellen Bearbeitung wurde nicht der Versuch unternommen, die Benutzung der Ausgaben Travenscher Werke durch die Beiträger zu vereinheitlichen. Jeder Aufsatz spricht zunächst einmal über die Fassung (und nur über die Fassung), die er sich zugrunde gelegt hat. Es ist beim gegenwärtigen Stand der Editionskritik in Sachen Traven weder zu erwarten noch zu verlangen, daß alle Beiträger den Stellenwert der herangezogenen Fassungen in der Werkgeschichte zu umreißen hätten. Bevor nicht das Projekt einer kritischen Ausgabe dieses Autors, das sich heute allerdings noch nicht einmal im Umriß von Teileditionen abzeichnet, konkretere Gestalt gewonnen hat, müssen wir mit diesem Befund disperser Textgrundlagen nolens volens zurechtkommen. Wenigstens wurde, damit die jeweils benutzten Versionen vom Leser möglichst genau identifiziert werden können, in den Titelaufnahmen bei allen deutschsprachigen Ausgaben der Werke Travens auch noch (neben den sonst ausreichenden Angaben von Ort und Jahr) der Verlag berücksichtigt.

Für die Ermöglichung der Tagung und des Bandes sind wir vielfältig zu Dank verpflichtet, zu allererst der Deutschen Forschungsgemeinschaft und ihrer großzügigen Finanzierung der Konferenz. Daß die durchsonnten herbstlichen Tage am Eutiner See uns allen in so guter Erinnerung geblieben sind, war wesentlich auch der sicheren Regie von Wolfgang Griep (Eutin) als unserem Gastgeber in der Landesbibliothek zuzuschreiben. Dankbar erwähnt werden sollte auch, daß Wolf-Dietrich Schramm (Lübeck) in sehr kurzer Zeit mit seinen eigenen Beständen aus Anlaß der Tagung eine sehenswerte Traven-Ausstellung realisierte. Während der anschließenden Arbeit an der Veröffentlichung der Beiträge hat Patrick Schlieker (Hamburg) wertvolle Hilfe geleistet und die Aufsätze in die Form einer reproduktionsfähigen Vorlage gebracht. - Ein ganz besonderer Dank gilt schließlich den Institutionen, welche die Herstellung des Bandes durch Druckkostenzuschüsse ermöglicht haben. Es sind dies die Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung sowie die Wittraco Düngemittel GmbH (Hamburg) und die Hannelore und Albrecht von Eben-Worlée-Stiftung (Hamburg).



Hamburg, im Februar 2005Günter Dammann



 
   


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