Vorwort
Wer sich einen Überblick zu verschaffen sucht über die vielfältigen Ansätze, mit denen Literaturwissenschaft nun schon seit geraumer Zeit dabei ist, sich kulturwissenschaftlich auszuweiten oder neu zu orientieren, könnte mitunter den Eindruck gewinnen, sie gehe dabei den Weg des geringsten Widerstands und beschränke sich bei ihrem Blick auf Nachbardisziplinen entweder auf einen geisteswissenschaftlich dominierten Kulturbegriff oder interessiere sich für andere Wissensfelder nur im Rahmen einer Hermeneutik, deren Sinnverstehen schon immer mit der Aufklärung des sachlichen Hintergrunds eingesetzt hatte. Egal ob ein solcher Eindruck trügt oder nicht - es liegt auf der Hand, dass etwa die Annäherung der Literatur des 19. Jahrhunderts an Denkmodelle der Naturwissenschaften von der Literaturwissenschaft nicht nur als quantitativer Zuwachs ihrer Erschließungsarbeit zu verbuchen ist. Vielmehr ergeben sich, wenn Elemente aus diesem Bereich nicht nur als Bedeutungsträger bestimmter Textstellen, sondern als Teile von Diskursen verstanden werden, Möglichkeiten einer qualitativen Erweiterung der Sinnkonstitution, bei der Denkfiguren sichtbar werden können, die auf die Durchlässigkeit von Diskursgrenzen auch zwischen den "zwei Kulturen" verweisen.
Was die Literatur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Frankreich betrifft, so wurde bei der Annäherung von literarischer an wissenschaftliche Imagination bekanntlich von ganz unterschiedlichen Möglichkeiten Gebrauch gemacht. Ein fortschrittsgläubiges Denken in Kategorien der modernen Naturwissenschaft konnte sich etwa bei Zola mit den naturalistischen Fiktionen eines Panoramas der zeitgenössischen Gesellschaft verbinden, während sich der Rückzug aus einer desorientierten Gegenwart zu den Ursprüngen der abendländischen Kultur, wie die antiromantische Beschreibungslyrik des Parnasse zeigt, vom Aufschwung der Geschichts- und Altertumswissenschaften beflügeln ließ. Trotz aller Gegensätzlichkeit ließe sich bei diesen beiden Formen aber noch auf ihren weitgehend mimetischen Wirklichkeitsbezug verweisen, den man als Grund für die Lockerung im Grenzverkehr mit dem wissenschaftlichen Nachbarland anführen könnte. Anders liegen die Dinge in dieser Zeit bei dem Literaturbereich, in dem der Erkenntnisanspruch und das ästhetische Leistungsvermögen auf eine nie zuvor erreichte Höhe gelangt waren: den Errungenschaften der modernen, die Wirklichkeit radikal neu konstituierenden Lyrik.
Einer ihrer Vertreter, Rimbaud, der die romantische Selbstermächtigung des Subjekts mit seiner Forderung, man müsse "absolut modern sein", am weitesten vorangetrieben hatte, versuchte diesem Anspruch mit einem Projekt nachzukommen, das alle Züge eines äußerst innovativen Forschungsvorhabens aufweist. Vor allem in den Texten der letzten Phase seines auf wenige Jahre begrenzten Schreibens stößt man auf ein Ich, das sich immer wieder zur Umgestaltung seiner Wahrnehmungs- und Denkgewohnheiten zwingt, höchst reflektiert Methoden entwickelt und wieder verwirft und seinen Erkenntnisdrang in immer neuen
Versuchsanordnungen zu befriedigen sucht. Darum bemüht, "den Ort und die Formel zu finden", ist ihm bewusst, dass bei solcher Suche nicht nur ein in der Außenwelt schon Vorhandenes nur noch aufzufinden ist, sondern dass man auch in sich selbst suchen muss, das gesuchte Unbekannte also nicht nur zu finden, sondern immer auch zu erfinden ist.
Dass nicht nur die poetische Suche, sondern selbst das wissenschaftliche Forschungsergebnis auch vom forschenden Subjekt abhängig ist - dieser Ansicht hätte im Bereich der Naturwissenschaften wohl erst das 20. Jahrhundert zugestimmt. Bei Rimbauds Zeitgenossen war die positivistische Euphorie mit ihrem Glauben an einen aus objektiver Erkenntnis hervorgehenden Fortschritt wenig geeignet, Zweifel an ihrer erkenntnistheoretisch bedenklichen Position aufkommen zu lassen. Dagegen findet sich die Analogisierung von poetischer und wissenschaftlicher Imagination vorgeprägt bei Baudelaire. Seine Bestimmung der "imagination creatrice" will er auch auf den wahren Gelehrten angewendet wissen, der nur mit Hilfe dieses Vermögens Neues hervorbringen könne (Salon de 1859, III). Baudelaire ist es auch, der an dieser Stelle auf den Chemie-Diskurs zurückgreift und das Wesen schöpferischer Imagination in einer Zusammenarbeit von Analyse, dem Eingriff in vorhandene Wirklichkeitssubstanz, und Synthese, dem Herstellen neuer Welten, sieht. Zumindest auf Diskursebene kommt es damit in Frankreich zu einer späten Einlösung dessen, was man von Seiten der deutschen Frühromantiker mit der Einheit von Poesie und Wissenschaft gefordert und in Friedrich Schlegels Diktum vom "chemischen Zeitalter" vor allem dem Paradigma zugetraut hatte, das als Spezialdisziplin für die Umwandlung, Trennung und Verbindung von Stoffen so etwas wie der natürliche Lebensraum der globalen Denkfigur einer Verwandlung der Welt in Kunst sein konnte. Der Dichter als Chemiker im Laboratorium einer Welterschließung durch Sprache - eine solche Vorstellung konnte auch deswegen als Gelenkstelle die Verbindung zwischen unterschiedlichen Formen von Imagination herstellen, weil das chemische Paradigma mit seiner vorwissenschaftlichen Form der Alchemie geeignet war, den Gegensatz von eher irrationalistischen und reflexionsdominierten Schöpfungstheorien bzw. den Übergang von der einen zur anderen abzubilden.
Es war Rimbaud selbst, der in Une Saison en enfer einen entscheidenden Moment seiner künstlerischen und existenziellen Entwicklung zu einem solchen Übergang stilisiert hat. Wie diese Abkehr von der im Nachhinein als ungenügend empfundenen Imaginationsform der "Alchimie du Verbe" einzuschätzen ist und was sie für die Interpretation der betroffenen Werkteile bedeuten könnte, hat die Rimbaud-Forschung seit jeher beschäftigt. Was der Bezug auf Wissenschaft und im Besonderen der auf das Chemie-Paradigma für das Verständnis Rimbauds leisten könnte, wie sich das Verhältnis von Wissen und Imagination, soweit es in seinem Werk fassbar ist, innerhalb der Literatur des 19. Jahrhunderts verorten lässt und was sich hieraus für eine weitere Bestimmung der Beziehung von poetischer und wissenschaftlicher Imagination an Erkenntnissen gewinnen lässt - dies waren Fragestellungen, zu deren Diskussion aus Anlass des 150. Geburtstages von Rimbaud im Oktober 2004 in der Würzburger Residenz ein Kolloquium unter dem Titel "Die Erfindung des Unbekannten / LTnvention de Plnconnu" stattfand.
Um dem intendierten fachübergreifenden Aspekt wenigstens ansatzweise gerecht zu werden, nahmen an der Veranstaltung nicht nur Vertreterinnen und Vertreter der Literaturwissenschaft aus Deutschland, Frankreich und Italien, sondern auch ein Kenner der Alchemie sowie ein Naturwissenschaftler als Vertreter der Wissenschaftsgeschichte teil. Da aber auch eine an kulturwissenschaftlicher Ausweitung interessierte Literaturwissenschaft gut daran tut, nicht auf den Einsatz ihrer ureigenen Text- und Kontextkompetenzen zu verzichten, sollte neben dem Blick über die Fachgrenzen hinaus auch der philologische Umgang mit dem Text zu seinem Recht kommen. Wie hier gewichtet wurde, blieb den Teilnehmern überlassen.
Nach einem Überblick über die Entwicklung der Alchemie (Priesner) geht es in den vorliegenden Beiträgen zunächst um die Frage nach dem Anteil der Imagination in der modernen Naturwissenschaft (Fischer). Mit dem Modellcharakter der Naturwissenschaften (Jurt) und im Besonderen der Chemie (Hülk) für die Literatur des 19. Jahrhunderts wird der Blick auf Rimbaud gelenkt, für dessen Werk sich neue Lesarten ergeben, wenn man es auf den diskursiven Rahmen von Alchemie und Chemie bezieht (Nonnenmacher, Wetzel). Im Zentrum der mehr textbezogenen Beiträge stehen die Illuminations, deren Bezug zur Naturwissenschaft (Steinmetz) oder zu bestimmten poetologischen Aspekten (Wolfzettel, Weich) diskutiert wird. Darüberhinaus werden Fragen der Poetik thematisiert, die das Gesamtwerk (Greiner) oder einzelne Werkteile betreffen: die Voyant-Briefe und Une Saison en enfer (Westerwelle, Richter) sowie das Gedicht Ce quon dit au poete ä propos de fleurs (Guyaux).
Die Vorbereitung der Texte für die Drucklegung lag in den Händen von Katrin Pöllath und Christa Hoffmannbeck, bei denen wir uns an dieser Stelle sehr herzlich bedanken.
Würzburg und Regensburg, im Juni 2007
Thorsten Greiner
Hermann H. Wetzel