Einleitung: Text, Raum, Differenz
Jean Genet beschäftigt sich in seinen Texten mit der Frage nach den Bedingungen der Konstitution von Subjektivität, indem er jene Anderen auftreten lässt, die Gegenstand des für den Prozess der Identitätsbildung konstitutiven dialektischen Ausschlusses sind. Genets Wahl fällt dabei auf genau die Außenseiter (Mayer 1981), die Stabilität und Normalität hegemonialer Diskurse offenbar in besonderem Maße zu bedrohen vermögen. Diese Bedrohung indes erwächst nicht aus einer gestärkten Gegenidentität, sondern gerade aus einer radikalen Schwächung des Subjekts, dessen Ursprung, Geschichte und Begehren einer Ästhetik des Spiels weichen: Hier liegt für Genet der Wert des Verrats, der Identität zugunsten einer Serie von Masken und Gesten preisgibt.
Bemerkenswert bleibt jedoch zunächst die Geste, mit der hier den "hommes infâmes" (Foucault 1977) das Wort erteilt und auf diese Weise einem "Diskurs der Subalternen" (Spivak [1988]) Platz eingeräumt wird. Diese morale du minoritaire (Eribon 2001) bleibt ein zentrales Movens aller Texte Genets, so dass Jacob Stockinger schreiben kann: "Wichtig ist (...) [die Figur] des Fremden, (...) [die] Genet mit seiner Darstellung der Neger (...) und der Araber (...) über den ursprünglich homosexuellen Inhalt hinaus erweitert, wobei er eine Philosophie des "Anderen" entwickelt, die heute für Homosexuelle und andere Minderheiten bedeutend ist." (Stockinger 1978: 182)
Stockinger formuliert damit eine Einsicht, die seit der ersten großen Würdigung Genets durch Jean-Paul Sartre (Sartre 1952) immer wieder von der Kritik geäußert wurde; allerdings findet sie sich bei Stockinger in einem Kontext, in dem dieser die besondere Bedeutung des literarischen Raumes, den diese Protagonisten beanspruchen, diagnostiziert: "Die kriminellen Handlungen und Charaktere", auf die er Genets Leitmotiv der abjection (vgl. Eribon 2001: 117ff. und Kristeva 1980) hier reduziert, "schaffen bei Genet nicht nur zeitliche, sondern auch räumliche Strukturen (...)." (Stockinger 1978: 177; Hervorhebung U.U.) In wenigen Sätzen verfolgt er daraufhin diesen Gedanken mit einem flüchtigen Blick auf Genets Gesamtwerk; und auch in einem weiteren Text bringt er diese Überlegungen zur Sprache, ohne sie jedoch weiter auszuführen (Stockinger [1977]).
In seinen knappen Äußerungen stellt Stockinger einen Zusammenhang zwischen Sexualität und Ethnizität und ihrer kulturellen und literarischen Verortung in bestimmten Räumen her; darüber hinaus lenkt er den Blick auf die Möglichkeit, auch den literarischen Text selbst als einen - wenngleich hier metaphorischen - Raum zu begreifen: "Manchmal hat der kriminelle Raum auch rein literarischen Charakter: in Querelle de Brest ist etwa das Tagebuch Leutnant Seblons ein solcher Ort, an dem er kriminellen Begierden nachgehen darf, die er öffentlich nicht zugeben kann." (Stockinger 1978: 177)
Der im Text dargestellte Raum (Inhaltsebene) sowie Form und Struktur des Textes selbst (Ausdrucksebene) treten damit in einem Raum des Textes - dem "literarischen Raum" - zusammen. Den von Stockinger deutlich erahnten Konnex von Text, Raum und Differenz im Werk Genets haben indes weder er selbst noch die Literaturwissenschaft nach ihm analytisch ausgearbeitet.1 Die vorliegende Untersuchung nimmt sich daher vor, dies zu leisten, und geht dabei von der folgenden These aus: Die vermittels einer Differenz vorgenommene Konstruktion von Identität und Alterität manifestiert sich in einer von einer Grenze gestifteten räumlichen Ordnung, deren Qualität variiert, je nachdem wie diese Grenze konzipiert ist, und die sich als eine "kulturelle Topographie" (Borsò/Görling 2004) beschreiben lässt. Auch literarische Texte haben Teil an der Herstellung solcher "kultureller Topographien", indem sie - im Medium der Schrift - eine räumliche Ordnung dar- oder vielmehr herstellen und zugleich selbst einen mehr oder weniger begrenzten "semantischen Spielraum" öffnen; der unterschiedlich ausgeprägte "Schematismus der Raumdarstellung" (Stanzel 1979, vgl. Kap. 2.4.2: 79) sowie der unterschiedlich große "semantische Spielraum" lassen diese Texte in verschiedenem Maße für eine Untersuchung des "literarischen Raumes" interessant erscheinen. Bei Jean Genet hat nun der dargestellte Raum offenbar eine ganz wesentliche Funktion: Die personale (etwa "geschlechtliche") Identität der handelnden Figuren, die kollektive ("kulturelle") Identität, an der diese (im Spätwerk) partizipieren, und die Vorstellung (oder Darstellung oder Herstellung) vom "Anderen", die dabei eine konstitutive Rolle spielt, spiegeln sich in der im Text dargestellten Ordnung des Raumes; aufgrund der "Poetizität" (Jakobson) seiner Sprache erweist sich darüber hinaus der "semantische Spielraum", in den sich dann die Lektüre einschreiben lässt, als besonders groß.
Das mit Stockingers Hilfe formulierte Problem wirft also weitere Fragen auf, die im Folgenden in drei Schritten beantwortet werden sollen. Erstens: Wie lässt die "Philosophie des "Anderen"" sich beschreiben? Warum soll man sich überhaupt mit dem "Problem des Anderen" (Todorov 1982) auseinandersetzen, und wie kann man diese Auseinandersetzung theoretisch bewältigen? Zweitens: Wie lässt das "Problem des Anderen" sich anhand eines topologischen Modells begreifen? Welche "kulturellen Topographien" entstehen durch die Verortung des Anderen, und welche Funktion hat die Literatur für die Konstruktion solcher "Topographien"? Drittens: Welche spezifische "kulturelle Topographie" entwerfen die Texte Jean Genets? Welche Bedeutung hat die von Genet hergestellte Raumstruktur für seine Konzeption von Kulturalität und Geschlechtlichkeit?
Diese drei "Schritte" gliedern zugleich die Arbeit in drei große Kapitel, die die in der Überschrift der Einleitung genannten Parameter (Text, Raum, Differenz) in umgekehrter Reihenfolge aufgreifen und entwickeln. Kapitel 1 (Differenz) und Kapitel 2 (Raum) entwerfen dabei die theoretische und begriffliche Matrix, vor deren Hintergrund dann in Kapitel 3 (Text) die Texte von Jean Genet gelesen werden. Auf diese Weise soll die Topologie des Werkes von Jean Genet und d.h. die seinen Texten eingeschriebene räumliche Ordnung der Kultur (Topographie) sichtbar gemacht werden.
Wenn bei der Lektüre des folgenden - "meines" - Textes die Abundanz der Motti und die Hypertrophie des Fußnotenapparates vielleicht oft störend ins Auge springen, so resultiert doch beides nicht allein aus dem Wunsch nach Legitimation bzw. dem (nicht zu befriedigenden) Bedürfnis nach Vollständigkeit; sowohl Motto als auch Fußnote haben vielmehr die Funktion, die von der Linearität suggerierte Homogenität eben dieses Textes (aus der zugleich ein Anspruch auf epistemologische Geschlossenheit erwächst) zu unterlaufen und einen Raum abzustecken, in dem andere Stimmen zu Wort kommen. Insbesondere die Fußnote erfüllt diese Aufgabe, indem sie die Kontinuität der Lektüre unterbricht und das Augenmerk des Lesers auf andere Ebenen des Diskurses sowie auf die diesen Diskurs allererst konstituierende intertextuelle "Umgebung" meines Textes richtet: "Le principal avantage de la note est (...) de ménager dans le discours des effets locaux de nuance, de sourdine, ou, comme on dit encore en musique, de registre, qui contribuent à réduire sa fameuse, et parfois fâcheuse linéarité." (Genette 1987: 301)2
Das Motto hingegen tritt mit bescheidenerem Anspruch auf (vgl. Genette 1987: 145ff.)3 - und leistet doch letztlich mehr; es ist nicht nur Passwort - "L'épigraphe est (...) un signal (...) de culture, un mot de passe d'intellectualité." (ebda: 148/149) - sondern zugleich, als Zitat, die (prothetische) Bedingung der Möglichkeit meiner, und letztlich jeder, "These": "(...) toute thèse est une prothèse; ce qui se donne à lire se donne à lire par citations. (...) C'est ainsi qu'un texte s'entiche d'un autre." (Derrida [1974]: 235)
| 1 | Ansätze, die in diese Richtung gehen, finden sich jedoch bei Aïcha El Basri (El Basri 1999a) und Mary Ann Frese Witt (Witt 1985a, 1985b, 1989) und werden an gegebener Stelle eingehender betrachtet. | |
| 2 | Genettes maliziöse Schlussfolgerung soll hier nicht vorenthalten bleiben: "(...) Si la note est une maladie du texte, c'est une maladie qui, comme quelques autres, peut avoir son "bon usage"." (Genette 1987: 301) | |
| 3 | So liest man bei Genette: "(...) épigrapher est toujours un geste muet dont l'interprétation reste à la charge du lecteur." (Genette 1987: 145) "Il [l'épigraphe] est le plus souvent énigmatique, d'une signification qui ne s'éclaircira, ou confirmera, qu'à la pleine lecture du texte (...). Cette attribution de pertinence est à la charge du lecteur, dont la capacité herméneutique est souvent mise à l'épreuve (...). "La fonction de l'exergue", écrit Michel Charles, "est largement de donner à penser, sans qu'on sache quoi."" (ebda: 146) "La pertinence sémantique de l'épigraphe est souvent en quelque sorte aléatoire, et l'on peut soupçonner, sans la moindre malveillance, certains auteurs d'en placer quelques-unes au petit bonheur, persuadés à juste titre que tout rapprochement fait sens, et que même l'absence de sens est un effet de sens, souvent le plus stimulant ou le plus gratifiant (...)." (ebda: 147) | |