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Gesundheit - Gesundheiten?
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Vorwort

Hans-Joachim Pusch

"Gesundheit - Gesundheiten? Eine Orientierungshilfe" - dieser Titel macht neugierig. Geht der Blick auf das Inhaltsverzeichnis, dann ist mancher Leser sicherlich zuerst erstaunt, wer alles etwas zum Gesundsein oder Gesundwerden zu sagen hat.

Es werden einerseits vielfältige Sichtweisen der Gesundheitswissenschaft eröffnet und andererseits kommen für den Menschen so wichtige Bereiche wie Philosophie, Theologie und Pädagogik im Kontext zum Gesundsein zur Sprache. Aussagen von Krankenkassen und von sozialstaatlichen Institutionen fehlen ebenfalls nicht.

Bei der Lektüre erfahren wir, dass die Medizin über viele Jahrhunderte hinweg zunächst immer eine Lehre von der Gesundheit war, ehe sie zuletzt mehr und mehr ein System der Krankenversorgung wurde. Es liegt nun in der Natur einer Orientierungshilfe, dass man in Darstellungen unterschiedlich von Gesundsein ausgeht bzw. von einem Gesundbleiben spricht oder das Gesundwerden in den Mittelpunkt stellt.

Der Unterzeichner hat es nun als besondere Ehre angesehen, dass er auf Wunsch der Herausgeber den Buchartikeln ein Vorwort voranstellen darf.

Uns verbindet eine längere Freundschaft durch Lehrtätigkeit, viele Gespräche und interessante Diskussionen. In einer langjährigen klinischen Tätigkeit hatte der eine von uns bemerkenswerte Entwicklungen im klinischen Betrieb miterleben können. Seine Aus- und Weiterbildung erfolgte auf naturwissenschaftlichen Grundlagen. Sie wurde ergänzt durch das Erlernen einer sorgfältigen Befunderhebung und das Üben eines Arzt-Patienten-Gespräches, zugegebenermaßen überwiegend in Gesprächsrichtung vom Arzt zum Patienten.

Nach H. Baier entspricht nun der reinen naturwissenschaftlichen Medizin ein Paradigma, das Krankheit als Betriebsstörung im biochemisch, biophysikalisch oder kypernetisch determinierten System des Organismus lokalisiert. Als Arzt verstand man deshalb "Gesundheit als das geordnete Zusammenspiel normaler Funktionsabläufe und des normalen Stoffwechsel" und daraus abgeleitet war die ärztliche Aufgabe primär ein Korrekturauftrag.

Eine erste Erweiterung dieser Grundauffassung erfolgte durch die Einführung der psychosomatischen Betrachtungsweise. Erlebnisinhalte und biographische Zusammenhänge wurden nun als weitere ätiologische Faktoren erkannt, die allerdings einem biologischen und technischen Instrumentarium nicht zugänglich waren.

Bei manchen Problemfällen waren nun Psychotherapeuten gefragt.

Die nun gewonnenen Erkenntnisse und neue bedeutsame epidemiologische Studien führten zu einer weiteren Sichtweise von Gesundbleiben oder Krankwerden. Es ließen sich nämlich statistisch gesicherte Korrelationen zwischen bestimmten sozialen Verhaltensweisen und Krankheitshäufigkeit feststellen. Das allseits bekannte Risikofaktoren-Modell war geboren. Ärzte und Psychotherapeuten fühlten sich bisher primär dazu verpflichtet, Organkrankheiten zu heilen und psychische Störungen zu beseitigen. Bei umweltbedingten und lebensstilverursachten Gesundheitsstörungen galt es nun mehr denn je, auch Lebensführer und Gesundheitserzieher zu sein. Große Teile der Ärzteschaft waren mit dieser Aufgabe sicher überfordert. Die Gesundheit ist mehr gebunden an und begründet in Verhaltensregeln einer Kulturgemeinschaft als in den restaurativen Bemühungen von Ärzten und anderen Therapeuten. Die Einübung in ein gesundheitsbewusstes Verhalten ist ein erzieherisches Problem der Gesellschaft und erfordert Gesundheitsbildung. Das bedingt ein lebenslanges Lernen mit Informieren, Verstehen und Umsetzen.

Im Jahre 1978 wurde in Stuttgart von einer Gruppe interdisziplinär forschender Wissenschaftler der Universität Heidelberg und weiteren der Gesundheitsforschung verpflichteter Personen eine "Gesellschaft für Gesundheitsbildung" gegründet, die der altgriechischen Idee der Diaita entsprechend ein Regelwerk mit Anleitung zur gesunden Lebensführung erarbeitete und in Bad Mergentheim, dem größten Heilbad und Rehabilitationszentrum in Baden - Württemberg zur Anwendung bringen wollte. Hier entstand deshalb als Außenstelle ein "Institut für Gesundheitsbildung", welches der Kurverwaltung bis jetzt untersteht, und ein ergänzender Unterstützungsverein, der später die Aufgaben der Stuttgarter Gesellschaft übernahm. Zu der damals maßgebenden Arbeitsgruppe gehörten u.a. der Medizinhistoriker H. Schipperges, der Physiologe H. Schaefer und der Sozial- und Arbeitsmediziner W Jakob. Es bestanden auch Verbindungen zu anderen Universitäten. Dazu kamen der damalige Vizepräsident der Bezirksärztekammer Nord-Württemberg sowie Herausgeber des Ärzteblattes Dr. G. Vescovi und der Leiter der Wissenschaftsredaktion des Süddeutschen Rundfunks Dr. J. Schlemmer. Der Autor dieses Vorwortes kam bald mit dieser Arbeitsgruppe in Berührung und ließ sich von den Ideen und Zielsetzungen anstecken. Etliche Zeit später entwickelte sich eine Zusammenarbeit zwischen den Einrichtungen für Gesundheitsbildung in Bad Mergentheim und dem Institut für Pädagogik der Universität Würzburg unter dem damaligen Lehrstuhlinhaber Prof. Dr. G. Bittner. Mit einer Mitarbeiterin von ihm, die jetzt auch als Herausgeberin fungiert, entstand die Seminarveranstaltung "Gesundheitspädagogik". Das gezeigte große Interesse war sicherlich auch ein Grund dafür, das nun erschienene Buch zu konzipieren. Im Hinblick auf die aktuellen Diskussionen über unser Gesundheitssystem und den schon deutlich erkennbaren Änderungen im Gesundheitsbetrieb ist das vorliegende Buch als Orientierungshilfe wahrlich ein nützliches Werk.

Den eingangs kurz erwähnten Entwicklungsphasen der modernen Heilkunde von der zuerst vorherrschenden naturwissenschaftlichen Sicht über die sinnvolle Ergänzung durch die psychosomatische Medizin und der notwendig gewordenen Einbeziehung der Sozialmedizin schließt sich nun eine stark ökonomisch orientierte Periode an. Man registriert einen unübersehbaren schnellen Wandel vom "alten Gesundheitswesen" zur "neuen Gesundheitswirtschaft". Die "regulative Kraft des Marktes" soll die Qualität der Versorgung verbessern, das Gesundheitsbewusstsein schärfen und natürlich die Kosten reduzieren.

Qualitätsberichte mit Daten über das Leistungsspektrum, über die Ausbildung des Personals, über die Patientenzahlen und Behandlungsergebnisse können für Wettbewerb sorgen und dadurch eine optimierte Versorgung garantieren. Systematisch entwickelte Behandlungsleitlinien - nicht zu verwechseln mit einer Art "Kochbuch-Medizin" - verbessern mit Sicherheit die medikamentöse, operative und technische Heilbehandlung der Patienten. Schulungsprogramme in allen medizinischen Einrichtungen verstärken das Gesundheitsbewusstsein.

Aus der letzten Gesundheitsberichterstattung des Bundes von 2006 kann entnommen werden, dass in Deutschland noch unverändert eine umfassende medizinische Versorgung ohne längere Wartezeiten vorhanden ist. Prävention und Gesundheitsförderung werden demnächst zu einer eigenständigen Säule des Gesundheitssystems mit einem Präventionsgesetz ausgebaut. Die Pro-Kopf-Ausgaben für Gesundheit sind zwar gestiegen vor allem auf Grund unserer demographischen Entwicklung, aber doch deutlich langsamer als im europäischen Durchschnitt. Die Krankenkassen haben positive Bilanzen und fast alle sind schon entschuldet.

Eine gewinnorientierte Gesundheitswirtschaft hat allerdings immer zwei Seiten. Die Zahl der Krankenhäuser und die Anzahl der Krankenhausbetten haben sich deutlich vermindert. Andererseits stieg die Zahl der Behandlungsfälle erheblich an. Der Anteil der älteren Patienten nahm und nimmt weiter zu.

Das führte natürlich zu einer starken Arbeitsverdichtung und zu einer erhöhten Arbeitsbelastung des Personals. Die schnellere Entlassung von Patienten aus Akutkliniken erfordert selbstverständlich einen höheren Einsatz nachsorgender Bereiche.

Fragen der Gesundheitsversorgung im Kontext zum Gesundheitsmarkt betreffen den Menschen aber noch in einem anderen Sinne. Er muss nämlich lernen, Entscheidungen zu treffen bezüglich einer optimalen Absicherung im Krankheitsfall bei günstiger finanzieller Belastung.

Die sich entfaltende Gesundheitswirtschaft lässt nun noch einen besonderen Medizinmarkt aufblühen, der sehr kritisch bewertet werden muss. Hier handelt es sich um die Bereiche "Medical-Wellness" oder für bestimmte Altersgruppen um "Lifestyle-Medizin" bzw. um "Anti-Aging-Medizin". Es werden den Patienten ohne Zweifel einige vernünftige und sinnvolle Maßnahmen sowie Kurse angeboten. Aber leider gibt es auch viele zweifelhafte bis unseriöse Angebote. Außerdem muss der Patient alle Kosten selbst tragen.

Die geschilderten Veränderungen im Gesundheitssystem sind für viele verwirrend und vielleicht auch beängstigend. Eine aktuelle Allensbach-Studie "Gesundheitsreport 2007" lässt erkennen, dass die Mehrheit der Bevölkerung eine Verschlechterung der Gesundheitsversorgung sieht oder erwartet und dass ein Trend zur "Zwei-Klassen-Medizin" vorhanden ist.

Der bedeutende Medizinhistoriker Heinrich Schipperges hatte vor langer Zeit eimal einen Ausblick auf Entwicklungen in der Medizin gewagt und exemplarisch drei Defizite befürchtet.

Verloren ging und geht der "Kranke als Subjekt". Zwar erfolgt durch die psychosomatisch orientierte Medizin ein kleiner Ausgleich, aber der zunehmende Verlust eines beratenden, beruhigenden, eines heilenden Wortes im allgemeinen Medizinbetrieb ist unverkennbar.

Zweitens ist der Verlust an Zeit zu befürchten. In der Tat kennt man fast nur noch berechenbare Zeiteinheiten, die das Handeln bestimmen. Hier leisten nun Selbsthilfegruppen eine beachtliche Kommunikationsarbeit. Interessant sind auch Pilotprojekte von einigen Krankenkassen, die ein Gesundheits-Coaching anbieten, welches den Arzt-Patienten-Dialog fördern soll ohne ihn ersetzen zu wollen.

Drittens war und ist die Lehre von gesunder Lebensführung beruhend auf die sechs Grundprinzipien der Lebensordnung nach Galen nicht mehr so vordergründig. In heutiger Sprachform sind das ein schützender Umweltbezug, eine gesunde Ernährung, eine vernünftige Zeitrhythmik verbunden mit einem Gleichgewicht von Aktivität und Muße, die Pflege von Körper und Seele sowie die Bewahrung mitmenschlicher Beziehungen. Diese Prinzipien sind für jeden von uns als "lückenloses Netz" zu betrachten, verbunden mit einem tüchtigen Schuss an Lebensfreude.

Zum Schluss sei noch einmal H. Schipperges mit einer Aussage von Paracelsus erwähnt, die in seinem Buch "Gesundheit und Gesellschaft" zitiert ist: "Wir alle werden krank, immer wieder krank und wir blühen wieder auf zu tausendfältiger Gesundheit! Jedermann ist daher für seine Gesundheit verantwortlich! Jeder sollte nicht nur die Grenzen und Abstufungen von Gesundsein kennen, sondern auch die Möglichkeiten seiner Gesunderhaltung sowie seiner Wiederherstellung von Gesundheit."

Das vorliegende Buch als Orientierungshilfe gibt viele Informationen, Überblicke, Ansichten, aber auch genügend Stoff zum Diskutieren. Möge es einen großen Leserkreis finden!

Univ.-Pro f. Dr. Hans-Joachim Pusch
2. Vorsitzender des Vereins für Gesundheitsbildung
"Bad Mergentheimer Modell e.V."


 
   


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