Vorwort
Katrin Seeles Arbeit über den Gedichtszyklus "Gott und Welt" richtet den Blick auf eine Abteilung des Goetheschen Werkes, die bislang bemerkenswert wenig Gegenstand der Forschung in systematischer Absicht geworden war. Aber es geht natürlich nicht um die Suche nach der "Lücke", die bisherige Forschergenerationen unserer Zeitgenossin noch gelassen haben könnten. Vielmehr haben Gegenstand und Gestus gerade dieser Äußerungen Goethes heute die Aktualität gewonnen, die vor 200 Jahren und bisher wesentlich verdrängt wurde durch ein vorherrschend positivistisches Naturwissenschaftsprogramm und seine überaus erfolgreiche Umsetzung in technologische Naturbeherrschung, erfolgreich allerdings so, dass wir gegenwärtig mit den Schäden durch zu einseitigen und voreiligen Zugriff eindrucksvoll konfrontiert sind. Was könnte da ein Gedicht schon leisten zur erforderten Exaktheit...
Das zwanzigste Jahrhundert hat diese Strategien - wissenschaftlich, technisch, ökonomisch, politisch - fortgesetzt und beschleunigt; Goethe sah das kommen und nannte diese Strategien, ja, die anthropologische Grundhaltung, die sie hervorbringt, veloziferisch. Theoretisch hat jedoch die Physik als Quantenphysik inzwischen die Einsicht formuliert, die in der kurzen Formel zusammengefasst wird: Präzision versus Relevanz. Goethe sucht in seinen naturwissenschaftlichen Arbeiten, zu einer Genauigkeit zu gelangen, die auf die Beziehungen des besonderen Phänomens zum Ganzen der Wirkzusammenhänge gerichtet bleibt, denen das Phänomen sich verdankt. Einleuchtend, dass Poesie geeignetes Medium sei, um solche Beziehungen und Bezogenheiten, die Physiker sagen eben Relevanz, zum Ausdruck zu bringen. Das neu zu untersuchen, ist ein lohnender Versuch, weit über literaturwissenschaftliche Ergänzung eines, eher formal, unvollständigen Bildes von Goethes Sprache hinaus.
Dabei galt es, eine zweite Barriere, ganz anderer Art, zu überwinden, die auch gegenwärtig mit dem Begriff Lehrgedicht verbunden wird. Die befürchtete didaktische Absicht. Wie wenig dieser Vorbehalt, wohl verständlich in sich, Goethes Arbeit und deren sprachliche Formen treffen kann, ist eigentlich offensichtlich, wenn man seine Auffassung von Bildung irgendwie ernst nimmt. Und genau dies ist das grundlegende Moment in Katrin Seeles Untersuchung. Bildung ist immer ein Prozess, der zwei Seiten verbindet, indem er sie ausbildet: Erkenntnis von einem Gegenüber und Entfaltung der menschlichen Vermögen. Wissen und Wahrnehmung. Die Autorin macht die Methoden der Literaturwissenschaft eben dieser Frage dienstbar: Ist es nicht gerade das Gedicht, das bestimmte Inhalte so vermittelt, dass die es Hörer, die Leser zu "Wirklichkeitsempfindungen " wie Hannah Arendt sagt, anregt und sie damit in eine Gestimmtheit, wie Heidegger sagt, führt, in der sie eine vergleichbar existenzielle Bezogenheit zu dem Gegenüber erfahren wie in der ursprünglichen Wahrnehmung? Kann nicht genau so die ursprüngliche Durchdringung von Wahrnehmung und Erkenntnis des Phänomens und seiner Wirkzusammenhänge nachvollzogen werden? In dieser menschlichen Antwort ist die Verantwortungsethik Goethescher Naturforschung begründet. Darin ist dieses Vorgehen noch der hymnischen Tradition philosophischer Weltdeutungen verwandt.
Sicher war Katrin Seele mit ihrer so vielseitigen Studien- und Bildungsgeschichte für die Wiederentdeckung dieser Wechselbeziehungen fachlich und persönlich ungewöhnlich gut geeignet für die originelle Aufgabe, die sie sich gestellt hat mit ihren neuen Aktualitäten. Während allenthalben nach einem Zusammengehen von Künsten und Wissenschaften gerufen wird, legt sie hier einen prominenten Beitrag vor.
Berlin, im April 2008
Prof. em. Dr. Rudolf Prinz zur Lippe