Ist die Sprache der naturwissenschaftlichen Forschung zwingend Wissenschaftssprache? Oder ist es möglich, naturwissenschaftliche Erkenntnisse poetisch zu formulieren? Und welchen Nutzen hat der jeweils gewählte Sprachmodus?
Derartige Fragen wurden von verschiedenen deutschen Philosophen und Literaten um 1800 gestellt: Schelling, Herder, Schiller - und eben Goethe. Gerade das 18. Jahrhundert hatte eine Vielzahl von lehrhaften Gedichten hervorgebracht, da man glaubte, durch die dichterische, zugängliche und anmutige Form Bildung und Aufklärung an den bildungsfernen Teil der Gesellschaft herantragen zu können. Doch diese Renaissance des Lehrgedichts war um 1800 bereits vorüber. Stattdessen begannen Literaten und Philosophen, sich auf antike Ideale zu besinnen, und die Frage nach der Naturforschung in dichterischer Form war um 1800 nicht so sehr eine Frage nach der Möglichkeit von Belehrung breiter Bevölkerungsschichten, sondern eine Frage der wissenschaftlichen Haltung.
Goethe, selbst ein belesener, vielseitiger und experimentierfreudiger Naturforscher, beschrieb seine Erkenntnisse in Traktatform, aber verfasste sie oft parallel in dichterischer Form: Das gilt für seine Studien zur vergleichenden Anatomie, zur Morphologie, Farbenlehre, Meteorologie und zur Wissenschaftstheorie. Mit diesen Gedichten verfolgte er das Ziel eines "umfassenden Naturgedichts" nach dem Vorbild Lukrez'. Am Ende realisierte er diesen großen Plan des umfassenden Naturgedichts zwar nicht, aber er fasste in seiner Ausgabe letzter Handdie einzelnen Gedichte in der Gedichtsammlung Gott und Welt zusammen.
Dieses Buch untersucht erstmalig den Zyklus Gott und Welt im Lichte der Diskussion von Goethe und seinen Zeitgenossen um die Möglichkeit eines umfassenden Naturgedichts um 1800 und stellt die Frage, welches der mögliche "Mehrwert" dieser literarischen Bearbeitung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse sein könnte. Wo möglich, werden Vergleiche zu den entsprechenden wissenschaftssprachlichen Traktaten Goethes und zum naturwissenschaftlichen Forschungsstand der Goethezeit gezogen.
ISBN 978-3-8260-3832-7