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Tanz der Gene
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Prolog

Von den Gestalten zu künden, die einst sich verwandelt in neue Körper, so treibt mich der Geist.
Ovid, Metamorphosen

Das vorliegende Buch handelt von der Entwicklung des menschlichen Körpers. Es befasst sich mit den Mechanismen, durch die sich in den tiefsten Winkeln der Gebärmutter eine einzelne versteckte Zelle in einen Embryo, einen Fötus, ein Kind und schließlich einen Erwachsenen verwandelt. Und es gibt eine zwar nur vorläufige und unvollständige, aber doch klar umrissene Antwort auf die Frage: Wie werden wir, was wir sind?

Die Antwort liegt zum Teil auf der Hand. Unser Körper - möglicherweise auch unser Geist - ist das Produkt unserer Gene. Zumindest enthalten unsere Gene die Information, die Bauanleitung, nach der die embryonalen Zellen unsere unterschiedlichen Körperteile bilden. Aber hinter dieser so leichthin gegebenen Antwort verbirgt sich eine Welt, von der wir nur wenig wissen. Die Genetik ist eine Sprache, so ein populärer Autor zu diesem Thema. »Sie verfügt über ein Vokabular - die Gene -, über eine Grammatik - die Anordnung der Erbinformation - und über ein Schrifttum: jene Tausende Instruktionen, die benötigt werden, um einen Menschen auszumachen.« Genau so ist es - allerdings erwähnte er nicht, dass die Sprache der Gene größtenteils unverständlich ist.

Am 15. Februar 2001 verkündete ein internationales Konsortium von Wissenschaftlern die (fast) vollständige Sequenzierung des menschlichen Genoms. Wir besitzen, so hieß es, etwa 30 000 Gene. Vor uns ausgebreitet lag sie da, die Bauanleitung für den Menschen. Jeder kann sie lesen - sie steht frei zugänglich im Internet. Und doch wäre es Zeitverschwendung. Ebenso gut könnte der Durchschnittsdeutsche versuchen, um der enthaltenen Weisheiten willen die Analekten des Konfuzius im Original zu lesen. Selbst Genetikern ist der Großteil unseres Genoms ein Rätsel. Beim Durchsuchen stoßen sie hier und da auf Wörter mit klarer Bedeutung. Bei anderen lässt sich aufgrund von Ähnlichkeiten auf die Bedeutung schließen. Auch die Grammatik, die Syntaxregeln, nach denen sich die Gene anordnen, um ihrer Information Sinn zu verleihen, ist teilweise bekannt. Doch die Syntax der Gene ist weitaus komplizierter, feiner und nuancierter als die jeder menschlichen Sprache. Und obwohl es heute kein Buch mit sieben Siegeln mehr ist, haben wir doch gerade erst begonnen, darin zu lesen.

Nicht dass wir nicht wüssten, wie das Genom zu entziffern ist. Dieses Buch berichtet über zahlreiche Experimente, die genau das versuchen. Meist beinhalten sie Versuche mit Embryonen, denen man operativ Organe einsetzt oder entnimmt oder denen man Gene einfügt oder entfernt. Natürlich sind dies stets tierische Embryonen, die von Molchen, Fröschen, Hühnern oder Mäusen stammen. Sie verraten uns vieles über uns selbst, denn die genetische Grammatik aller Lebewesen ist recht ähnlich. Doch genau wie Wortschatz und Grammatik menschlicher Sprachen entwickeln sich auch die Sprachen der Gene mit der Zeit auseinander. Wenn wir unsere Informationen allein von Tieren beziehen, riskieren wir Irrtümer - so wie Leonardo da Vinci, der einen menschlichen Fötus in einer Gebärmutter zeichnete, die eindeutig von einer Kuh stammte. Und schließlich brauchen wir einen direkten Zugang zum menschlichen Genom und zum menschlichen Körper. Kleopatra soll einer Quelle zufolge die Sektion schwangerer Sklavinnen angeordnet haben, um die Entwicklung ihrer Embryonen zu beobachten. Bei aller Bewunderung für ihre Neugierde und ihre Fähigkeit, wissenschaftliche Arbeit in ihrem vollen Terminkalender unterzubringen, können wir es ihr doch kaum nachtun. Wir müssen uns dem menschlichen Körper mit größerer Umsicht nähern. Wir müssen nach Mutanten suchen.


 
   


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