Vorbemerkung
Als ich im September 2006 meine Stelle als Gastdozent für Völkerrecht an der Universität von Brasilia (UnB) antrat, lag mir noch der Gedanke fern, mich näher mit Rio de Janeiros urbaner Gewalt auseinanderzusetzen. Es machte mich zwar stutzig, dass sie von den Medien gelegentlich als "Krieg" bezeichnet wurde, doch stufte ich dies als schlechten Journalismus ein - eine Meinung, an der sich übrigens bis heute wenig geändert hat. Mein wissenschaftliches Interesse konnten diese Schlagzeilen jedenfalls nicht erwecken.
Dies änderte sich jedoch, als im Dezember 2006 Rio de Janeiros Drogenfraktionen eine blutige Anschlagswelle veranlassten, in deren Verlauf 18 Menschen getötet und noch viel mehr verletzt wurden. Die Folge war eine intensive öffentliche Debatte über die Frage, ob es sich um Terrorismus gehandelt habe. An einigen dieser Diskussionen durfte ich als ausländischer Gastredner teilnehmen. Natürlich versuchte ich, mich so gründlich wie möglich vorzubereiten. Allerdings wurde mir sehr bald klar, dass ich noch viel mehr Zeit und Informationen benötigen würde, um die in der brasilianischen Küstenmetropole anzutreffende Situation ausreichend verstehen und einordnen zu können. Ich begann also, Literatur und Zeitungsartikel zu sammeln.
Kurz nachdem die Terrorismusdebatte zum Erliegen gekommen war, kam der preisgekrönte Film "Tropa de Elite" in die brasilianischen Kinos. Er zeigt die brutale Gewalt, die Drogenfraktionen und Spezialeinheiten der Militärpolizei einsetzen, thematisiert die seitens der bürgerlichen Gesellschaft geäußerte Drogennachfrage, wirft ein Licht auf die Vernetzung von "Überwelt" und "Unterwelt" durch Korruption. Einmal mehr setzte der Film eine öffentliche Debatte über Rio de Janeiros Gewaltkomplex in Gang. Dies geschieht in fast regelmäßigen Zyklen. Gegenüber Kollegen gab ich zu bedenken, dass der Film zwar die verschiedenen Facetten einer vielschichtigen Tragödie ungeschminkt darstelle, aber letztlich eben doch die Propaganda von einer "Stadt im Krieg" bediene. Daraufhin wurde ich ermutigt, diese Kritik in einem kurzen Artikel darzulegen. Nachdem dieser auf der Website der UnB erschienen war, erhielt ich zahlreiche Leserreaktionen. Hierzu gehörte der Hinweis, dass ich mit meiner völkerrechtlichen Bewertung, dass kein bewaffneter Konflikt vorliege, wohl Recht habe. Sie sei jedoch aus politik- und sozialwissenschaftlicher Perspektive keineswegs zwingend.
Ein paar Wochen später bereitete ich eine Vorlesung zu der Frage vor, ob Rio de Janeiros Gewalt als bewaffneter Konflikt im Sinne des Völkerrechts eingeordnet werden kann. Da der Wortlaut der relevanten Normen des Rechts der bewaffneten Konflikte bekanntlich keine zufriedenstellende Antwort gibt, musste ich Zusatzmaterial zusammenstellen, um meinen Studenten eine stichhaltigere Erklärung liefern zu können. Es zeigte sich aber, dass ich nicht alle Kursteilnehmer vollends von meinem Standpunkt überzeugen konnte, dass weder ein Krieg noch ein bewaffneter Konflikt angenommen werden kann. Einige der geäußerten Zweifel konnte ich aufgrund der ambivalenten völkerrechtlichen Ausgangslage nachvollziehen. Also begann ich mit dieser Abhandlung, um den völkerrechtlichen und soziologischen Klassifikationsproblemen noch weiter auf den Grund zu gehen.
Dabei bin ich auf zahlreiche Schwierigkeiten bezüglich der völkerrechtlichen Behandlung organisierter bewaffneter Gewalt in urbanen Zentren gestoßen. Sie erfordern in der Tat eine sehr gründliche Auseinandersetzung mit der Frage, ob solche Situationen als neuartige Kriegsszenarien einzuordnen sind. Vorliegende Untersuchung soll aber gerade auch deutlich werden lassen, wie verführerisch und zugleich gefährlich die Verwendung des Kriegsbegriffs im Kontext von Rio de Janeiros Gewalt ist. Darum beginne ich zunächst mit dem Versuch einer Konfliktbeschreibung, ehe ich mich dann den recht unterschiedlich ausfallenden Erkenntnissen der Konfliktforschung zuwende. Meine diesbezüglichen Ausführungen sind als Versuch zu verstehen, dem Leser eine transparente Reflexionsgrundlage bei der Entwicklung meiner juristischen und rechtspolitischen Überlegungen bereit zu stellen. Da ich mich aber nicht nur an ein völkerrechtlich bewandertes Publikum wenden möchte, hole ich im dritten Teil ein wenig weiter bei der Einleitung dieses Analyseabschnitts aus. Hierdurch sollen meine Erklärungsansätze leichter nachvollziehbar werden.
Für jegliche konstruktive Kritik an meinen Ausfuhrungen bin ich sehr dankbar (speterke@yahoo.de). Mir ist klar, dass die von mir angeschnittenen Fragen- und Problemkreise noch vertiefter behandelt werden können. Mir ging es im Wesentlichen darum, einige von ihnen aufzuzeigen und für zukünftige Analysen und Diskussionen aufzubereiten.
Dass ich dieses Buch von Brasilia aus geschrieben habe und nicht als einer, der vor Ort in Rio de Janeiro täglich die Situation miterlebt, mag als Manko aufgefasst werden. Vielleicht ist diese Distanz aber gerade auch hilfreich gewesen, um zu einer ausgewogeneren Sichtweise zu gelangen.
Die Fertigstellung dieser Abhandlung war zum Schluss ein wahrer Kraftakt. An aufzubereitendem Material hat es gewiss nicht gemangelt. Ich hatte lediglich hier und da Probleme, an aktuelle wissenschaftliche Werke heranzukommen. Oftmals dauert es geradezu Ewigkeiten, bis man in Brasilien ein im Ausland verlegtes Buch zugestellt bekommt.
Ohne die ständige Unterstützung durch meine Lebenspartnerin Denize Araüjo Brait wäre dieses Buches wohl kaum zu Stande gekommen. Nicht wegzudenken ist auch der Rat und die Hilfe meines Bochumer Mentors, Prof. Dr. Joachim Wolf, sowie meines Freundes und Kollegen Prof. Dr. Eugênio J.G. de Aragäo. Auch Dr. habil. Hans-Joachim Heinze möchte ich meinen ausdrücklichen Dank für zahlreiche Anregungen versichern.
Herzlichst zu bedanken habe ich mich schließlich beim Förderverein des Instituts für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht der Ruhr-Universität Bochum, der bereit war, die Finanzierung dieser Publikation zu übernehmen.
Zudem habe ich noch vielen anderen Personen an der UnB, der Ruhr-Universität und andernorts zu danken, die ich hier nicht auflisten kann.
S.P.
Brasilia, im Oktober 2008