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"Nordsee ist Mordsee"
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Vorwort

Es gibt Landschaften, die den Rahmen des Üblichen sprengen und besondere Voraussetzungen nötig machen, möchte man in und mit ihnen leben. Dazu zählen etwa Wüsten und polare Gebiete, doch auch in unseren gemäßigten Breiten begegnen wir ihnen zum Beispiel in den Hochgebirgsregionen der Alpen, in Gegenden um aktive Vulkane (Ätna, Stromboli etc.) sowie an der südlichen Nordseeküste. Natürliche Einflüsse spielen dort eine größere Rolle als etwa in Mittelgebirgsregionen und gefährden das Leben der Menschen in einem höheren Ausmaß. Damit prägen sie auch das Denken und Empfinden stärker.

»Ich habe das Mittelmeer leidenschaftlich geliebt«. Das sind die Worte, mit denen Fernand Braudel sein umfangreiches, dreibändiges Werk über Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps IL einleitet (2001, Bd. 1, 15). Im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit ist das ein ungewöhnlicher Satz, aber er ist ehrlich und macht deutlich, dass die Liebe zum Gegenstand eine wichtige Motivationsquelle ist und zu dem Postulat, sich um Sachlichkeit und Objektivität zu bemühen, nicht in Gegensatz zu stehen braucht. Denn jede wissenschaftliche Arbeit ist immer auch, vielleicht sogar vorrangig, Ausdruck einer subjektiven Perspektive, und spätestens seit Kant wissen wir, dass das gar nicht anders möglich ist.

Meine Beziehung zu dem Thema ist ebenfalls eine persönliche. Ich liebe auch das Meer, aber nicht das Mittelmeer, sondern die Nordsee, denn ich bin dort aufgewachsen. Allerdings ist meine Liebe von ambivalenter Natur, weil ich mich zu ihr nicht nur hingezogen fühle, sondern sie auch furchte. Was Sturmfluten betrifft, sind das Mittelmeer und selbst die Ostsee im Vergleich zu ihr ungefährliche und problemlose Gewässer. Ich habe auf See schlimme Stürme erlebt und an Land Sturmfluten, ich weiß, wovon ich spreche. Ich kenne die Sonnenseiten - das Liegen im Strandkorb, das Baden im Meer, den Strandspaziergang -, aber ich kenne die Gegend auch in jener Zeit, da die Touristen fort sind.

Als meine Schulzeit vorbei war, habe ich Friesland den Rücken gekehrt und zunächst im Südwesten der BRD studiert, später in Wien, wo ich heute noch lebe. Irgendwann habe ich den Wunsch verspürt, zumindest geistig zurückzukehren. Daher habe ich diese Arbeit verfasst, einerseits aus dem Gefühl der Verbundenheit, andererseits aus distanzierter Perspektive, mit zeitlich-räumlichen Abstand. Ich glaube, dass meine Sicht der Dinge »objektiv« genug ist, um auch von anderen nachvollzogen werden zu können. Ich habe darüber geschrieben, was die Friesen und andere Küstenbewohner am meisten furchten: Sturmflutkatastrophen. Die Arbeit beginnt mit einer naturräumlichen Betrachtung und ist chronologisch angeordnet. Ich behandle die verheerendsten Sturmfluten von der Zeit an, da schriftliche Quellen fließen, das heißt vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert, und ich gehe der Frage nach, welchen Einfluss Sturmfluten auf die Mentalität bzw. Mentalitätsgeschichte der Küsten- und Inselbewohner haben.

Einige formale Bemerkungen zur Zitierweise und zur Handhabung der Quellen: Literatur aus dem Quellenteil ist durch einen hochgestellten kleinen Kreis nach der Jahreszahl kenntlich gemacht (°), um überflüssiges Suchen an der falschen Stelle zu ersparen, denn es ist nicht für jeden Leser immer von vornherein klar, ob es sich bei dem betreffenden Werk um eine Quelle oder eine Darstellung handelt. Die Grenzen zwischen ihnen sind ohnehin fließend, jede Quelle ist gleichzeitig Darstellung und umgekehrt. Dennoch ist eine prinzipielle Unterscheidung meines Erachtens sinnvoll. - Im Haupttext werden fremdsprachige Quellen in deutscher Übersetzung wiedergegeben, abgesehen von wenigen Ausnahmen, die auch ohne Übersetzung verständlich sind. Die Originaltexte befinden sich bei kürzeren Zitaten als Fußnote unten auf der Seite, bei längeren oder mehreren, die eine Einheit bilden, im Anhang. Wenn ich fremdsprachige Quellen selber übersetzt habe, habe ich dies vermerkt. Einige lateinische Texte, von denen Übersetzungen vorhanden sind, habe ich neu übersetzt. Quellen und andere Zitate sind durch das verkleinerte Schriftbild gekennzeichnet. Wörtliche Wiedergaben sind mit Anfuhrungszeichen versehen, eigene Zusammenfassungen ohne Anfuhrungszeichen. - Weniger geläufige Fremdwörter und fachsprachliche Ausdrücke habe ich in den Fußnoten erläutert, teilweise mit etymologischen Hinweisen, denn das Buch richtet sich nicht nur an Wissenschaftler, sondern auch an eine breitere, interessierte Öffentlichkeit.

Herzlich danken möchte ich Konrad Köstlin vom Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wien für die zügige und kollegiale Durchführung des Habilitationsverfahrens sowie Olaf Bockhorn und Dieter Kramer, die mich vom ersten Semester meines Volkskundestudiums an begleitet und darüber hinaus die inländischen Habilitationsgutachten verfasst haben. Mein Dank gilt auch Jurjen van der Kooi von der Rijksuniversiteit Groningen für die Zusendung schwer zugänglicher westfriesischer Quellen aus seinem umfangreichen Archiv, Hans-Herbert Henningsen für die vertrauensvolle Überlassung seines Ordners mit den schwierig zu beschaffenden Schriften von Andreas Busch, und Brigitte Grill für diverse naturwissenschaftliche Hinweise. Danken möchte ich darüber hinaus Helmut Fischer, der mich darin bestärkte, das Thema anzugehen. Anerkennung zollen möchte ich aber auch der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien, einer sozusagen urösterreichischen Institution, ohne deren Hilfe so manche Literatur kaum zu beschaffen gewesen wäre. Ihr Bestand steht, was ältere Literatur angeht, unübertroffen da und zeigt deutlich, dass sie dereinst die Hofbibliothek eines Weltreiches war. Die Rerum Frisicarum historia des Ubbo Emmius von 1616 findet man dort genauso wie die D'oude Chronijcke ende Historien van Holland des Wouter van Gouthoeven von 1620. Ein großer Dank geht darüber hinaus an die Österreichische Forschungsgemeinschaft in Wien, die - wie bereits bei meinem letzten Buch - die Druckkosten übernommen hat.

Das Manuskript wurde - abgesehen von Kapitel 1.7, dem Nachtrag und kurzen Einfügungen - im Juli 2004 abgeschlossen, später erscheinende Literatur wurde daher in der Regel nicht mehr in den Text eingearbeitet, sondern nur noch ins Literaturverzeichnis aufgenommen.


 
   


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