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Vorwort

Seit 1986 gibt die Gesellschaft für Volkskunde in Rheinland-Pfalz e.V. eine eigene Schriftenreihe heraus, die zunächst "Studien zur Volkskultur in Rheinland-Pfalz" hieß und ab Band 27 nur noch die Überschrift "Studien zur Volkskultur" trug. Insgesamt 29 Bände sind in dieser Reihe erschienen. Daneben existierten als weitere Folge die "Mainzer kleinen Schriften zur Volkskultur", die es immerhin auf eine Serie von 14 Heften brachten. Alle diese Publikationen sind im Selbstverlag erschienen, wurden redaktionell ehrenamtlich betreut, gesetzt, als Vorlagen in die Druckerei getragen, wieder abgeholt und anschließend vermarktet. Oft waren die Wege lang und mühsam und blieben die Verkaufserwartungen selbst bei größtem Einsatz unerfüllt. Der Wunsch, manche dieser Schritte zu professionalisieren, ist daher nicht ganz neu gewesen. Freilich hat es geraume Zeit gedauert, bis es zu einem passenden Vertragsabschluss der Gesellschaft mit einem Verlag kommen konnte. Dass wir am Ende den Waxmann Verlag für unser Projekt interessieren konnten, freut uns besonders, da wir uns von dieser Zusammenarbeit eine attraktivere Gestaltung und größere Verbreitung unserer Veröffentlichungen versprechen.
Die verlegerische Neuorientierung legte es nahe, die bisherigen Reihentitel zu hinterfragen und ihre Fortsetzung zu überdenken. Die Masse der vorgelegten Publikationen wurde seit jeher von Mitarbeiter/inne/n und Studierenden des Deutschen Instituts der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Abteilung Kulturanthropologie/Volkskunde erarbeitet. Der Name dieser Abteilung bzw. unseres Faches ist freilich jüngeren Datums. Bis 1999 firmierten die durchgeführten Studien unter der Überschrift "Deutsche Volkskunde" und berücksichtigten in spezifischer Weise das regionale Umfeld. Das hat sich mit der Umbenennung des Faches in "Kulturanthropologie/Volkskunde" spürbar verändert, wie man etwa an den Titeln der in den letzten Jahren fertiggestellten Examensarbeiten ablesen kann. Allerdings möchten wir mit diesem Wandel nicht die Wurzeln unseres Faches in Frage stellen. So begrüßenswert uns seine Weiterentwicklung zur vergleichenden Kulturwissenschaft mit ethnologischer Ausrichtung erscheint, so notwendig bleibt der Auftrag, das Regionale im Blick zu behalten, zumal sich das Fach hier in angestammter Nähe zur Landesgeschichte, Dialektologie, Geografie oder Archäologie bewegt. Die in Mainz gewählte Fachbezeichnung "Kulturanthropologie/Volkskunde" versucht tatsächlich, diesen verschiedenen Ansätzen unserer Disziplin gerecht zu werden. Konsequenterweise haben wir den Namen daher auch für den Titel unserer neuen Buchreihe übernommen, die nun an die Stelle der beiden bisherigen treten wird.
Zum Auftakt bot es sich an, nach einem gewichtigen Beitrag mit zukunftsweisender Bedeutung Ausschau zu halten. Die getroffene Entscheidung, nämlich eine unveröffentlichte Habilitationsschrift aus dem Jahre 1933 als Band 1 zu nehmen, mag auf den ersten Blick etwas befremdlich wirken. Trotz großem Verständnis für das eingängige Bild von Bernhard von Chartres, dass wir alle unseren wissenschaftlichen Weitblick dem Umstand verdanken, als Zwerge auf den Schultern von Riesen zu stehen, drängen sich solche Erwägungen doch kaum bei einer Arbeit aus dem Deutschland des Jahres 1933 auf. Was ist von einem volkskundlichen Werk dieser Zeit noch zu erwarten, nachdem wir eigentlich schon aus diversen Diskussionsrunden und voluminösen fachgeschichtlichen Abhandlungen um die fatale Rolle des Faches im Nationalsozialismus wissen? Diese Publikation verfolgt freilich nicht die Absicht, liebgewonnene Ansichten der Fachgeschichtsschreibung zu untermauern, sondern möchte unter Vorlage bisher ungenutzten Materials den Diskussionsstand im Fach am Ausgang der Weimarer Republik neu beleuchten und damit die eigentliche Verantwortung einzelner Fachvertreter für das aufziehende Unheil klären. Das allein wäre zwar schon viel, aber die Beitl'sche Arbeit bietet mehr. Obwohl sie aus der akademischen Frühgeschichte des Faches stammt, weist sie verschiedene Charakteristika auf, die auch einer kulturanthropologisch gewendeten volkskundlichen Studie der Gegenwart gut zu Gesicht stehen: Sie ist transdisziplinär und international ausgerichtet, bemüht sich - aus der damaligen Sicht - um neue methodische Zugänge, präsentiert sich mit der Auswertung umfangreicher Fragebogenmaterialien als Beitrag zu einer empirischen Kulturwissenschaft und berührt mit den Ausführungen zur Angst bei Kindern Grundfragen der conditio humana. Das alles darf natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass Richard Beitl diese Studie schon vor über 70 Jahren verfasst hat. Sie bleibt ein Produkt seiner Zeit und ist in diesem Kontext zu lesen, auch wenn jede nachfolgende Generation aufgefordert ist, vor dem Hintergrund ihrer aktuellen Problemlagen neue Zugänge zu den historischen Leistungen (und Versäumnissen) zu suchen. Die ausführliche Einleitung in diesen Band mag dabei eine angemessene Hilfestellung geben und unterstreichen, dass es an der Zeit war, diese Arbeit der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Mainz, im März 2007

Michael Simon


 
   


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