VORWORT
Das vorliegende Buch beschäftigt sich mit der Frage, was das "Menschsein" ausmacht. Der Homo sapiens lebt seit etwa 150 000 Jahren und somit weit kürzer als die meisten anderen Tierarten. Die Vorfahren dieses modernen Menschen waren aufrecht gehende Hominiden aus den Tälern Ostafrikas, von denen es zunächst nur wenige gab. Zudem gehörten sie zu den verletzlichsten Tieren der Savanne - sie waren weder leichtfüßig noch hatten sie große Zähne oder Klauen, die sie als Waffen einsetzen konnten, und ihre Jungen waren extrem schutzbedürftig und brauchten ständig Pflege und Nahrung.
Im Vergleich zu anderen Tieren zeichnete sich diese, damals stark gefährdete Spezies durch zwei ganz besondere Vorteile aus. Zum einen verfügte sie über ein großes Gehirn und damit über einen scharfen Verstand und die Begabung, sich lebensfeindlichen Umgebungen anzupassen, und zum anderen arbeiteten Einzelne bei vielen alltäglichen Aufgaben zusammen. Wie viele andere Affen auch hätten die Hominiden ohne diese Fähigkeit, bei der Nahrungsbeschaffung zu kooperieren und sich gegenseitig zu schützen, nicht überlebt. Ein weiterer Vorteil war die Möglichkeit, miteinander sinnvoll zu kommunizieren. Unsere Vorfahren entwickelten sich wahrscheinlich vor etwa fünf bis fünfzehn Millionen Jahren aus schimpansenähnlichen Wesen. Darum gleicht unsere DNA auch zu etwa 99 % der der Schimpansen, doch diese winzige genetische Differenz ist ausschlaggebend. Moderne Menschen sehen anders aus, sind intelligenter und besitzen die angeborene Fähigkeit, sprechen zu lernen.
Mit der Erwärmung und Stabilisierung des Erdklimas vor etwa 10 000 Jahren waren die Menschen in der Lage, Siedlungen zu gründen. Doch damit nicht genug, schuf der Mensch komplexe Symbole und erfand die Schriftsprache. Heute können Menschen dank moderner Bauten und Maschinen nahezu überall auf der Erde leben, auch unter extremen klimatischen Bedingungen, unter Wasser oder sogar im All. Die Menschheit scheint in der Lage zu sein, ihre Umwelt zu beherrschen.
Menschen sind auch überaus neugierig. Wir erforschen und experimentieren und denken über den Ursprung unserer Existenz genauso nach wie über die Natur des Universums. Dies und das für uns typische ästhetische Empfinden führten dazu, dass wir Menschen schon früh in unserer Entwicklung Freude an Malerei, Musik und anderen Künsten entwickelten. Auch dieses Buch ist ein Ausdruck der menschlichen Neugier. So scheint sich keine andere Gattung dafür zu interessieren, wie der Körper funktioniert. Zu den jüngsten Erfolgen der Medizintechnik zählen Verfahren, die unser Gehirn bei der Arbeit abbilden und uns zeigen, was uns zum Menschen macht.
Wenngleich alle Menschen zur gleichen Gattung gehören, so ist die Menschheit selbst jedoch sehr unterschiedlich. Dieses Buch ist Zeugnis dieser erstaunlichen Vielfalt. Die menschliche Kultur entwickelte sich an verschiedenen, weit voneinander entfernten Orten, und jede Gesellschaft organisierte ihr Leben auf ihre eigene Weise, um Überleben, Bildung, Kleidung, Organisation, Kommunikation und Wohlstand zu sichern. Der rasche technische Fortschritt, das Internet, ein stets wachsender Welthandel und Fernreisen führten dazu, dass wir heute in einer eng verbundenen, sich rasch verändernden Welt leben.
Wie wird also die Zukunft für die menschliche Spezies aussehen? Die Menschheit benötigte etwa 100 000 Jahre, um einfachste Bauten zu errichten, und noch viel länger, um Steinwerkzeuge herzustellen. Später jedoch wurden in nur 200 Jahren Dampfmaschinen erfunden, die Energiereserven unseres Planeten nutzbar gemacht, der Mond betreten und viel über die Funktion der Gene herausgefunden. Dieser sich exponentiell entwickelnde Fortschritt der Menschheit macht genaue Vorhersagen über unsere Zukunft schwierig. Zweifellos wird sich das Wissen über Krankheiten vertiefen und die Menschen werden länger leben. Möglicherweise können auch die Gene manipuliert werden. Dennoch bleiben Menschen die verletzlichen Wesen, die sie in der Savanne waren. Schon kleine Änderungen, etwa im Klima, können die Existenz bedrohen, und selbst die sonst hilfreiche Technologie kann zur Zerstörung führen.
Ich fühle mich geehrt, Teil des Teams zu sein, das an diesem wunderbaren Buch arbeiten durfte. Und ich bin weiterhin überzeugt, dass die Menschheit dank ihres Geistes und ihrer Ethik den Fortschritt trotz aller Probleme vorantreiben wird.
Robert Winston WISSENSCHAFTLICHER BERATER